Die radikalste Geste ist die vermittelnde

9. Mai 2013, 21:04
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Die 59. Kurzfilmtage Oberhausen präsentierten internationale Aneignungskünstler

Der Eiffelturm steht in Las Vegas. Die Rialtobrücke, die Freiheitsstatue und die Große Sphinx von Giseh auch. Wenn man - wie Filmemacherin Elodie Pong dies tut - auf Videoaufnahmen dieser bunt leuchtenden Weltnachstellung in kühnen roten Riesenlettern die Ortsangabe "Oberhausen" folgen lässt, dann hat man einen Festivaltrailer mit schöner Pointe. Und ein anschauliches Beispiel für Appropriation - eine Praxis, die abgesehen von findigen Standortvermarktern bekanntlich auch zeitgenössische Medienuser und Konzeptkünstler beherrschen.

Die Internationalen Kurzfilmtage, die seit 1954 nicht im Wüstenstaat Nevada, sondern im Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen ausgerichtet werden, haben sich im Lauf der Jahrzehnte ein sicheres Gespür für solche kontextübergreifenden Tendenzen angeeignet. Bei der eben zu Ende gegangenen Ausgabe 2013 markierte das Werk von Ho Tzu Nyen eine entsprechende Schnittstelle.

Der 1976 in Singapur geborene, im Kunstkontext international bereits gut eingeführte Ho adaptierte 2006 zum Beispiel die Queen-Hymne Bohemian Rhapsody für sein Bohemian Rhapsody Project: Den klagenden Text ("Mama, I just killed a man!") legt er jungen Angeklagten in den Mund. Mit dem restlichen Personal einer Gerichtsverhandlung inszeniert er, basierend auf Mitschnitten eines von ihm veranstalteten Castings, einen poppigen Videoclip.

Der Song erhält allerdings eine irritierende neue Note - nicht zuletzt, weil die emphatisch vorgetragenen Gerichtssaaldramolette auch als Reenactment lesbar sind ("Is this the real life? Is this just fantasy?"): Schauplatz des Drehs war der ehemalige Oberste Gerichtshof Singapurs.

In vergleichbar geschichtsbewusstem Gestus realisierte Ho bereits ein Jahr zuvor ein bemerkenswertes Stück Bildungs-Fernsehserie: 4X4 - Episodes of Singapore Art (2005) stellt unter anderem eine legendäre Performance seines Landsmanns, des Konzeptkunstveteranen Tang Da Wu, nach. Die 23-minütige Episode (The Most Radical Gesture) stellt dieses Ereignis, das 1995 auch den damaligen Präsidenten des Landes involvierte, nicht nur nach.

Buchstäblich rund um das Szenario melden sich Aufnahmeleiterin und Moderator des Programms zu Wort, mit ihren konträren Ansichten zu Tangs Performance und deren Bedeutung. Schade, dass dieses schöne Beispiel kluger und origineller Kunstvermittlung bei den bildungsbeauftragten Fernsehmachern dieser Erde seither nicht Schule gemacht hat. Schön aber, wie Hos vielstimmige Geschichtsrekonstruktionen im Oberhausener Programm in Laure Prouvosts auswuchernden, monologischen (Kunst-) Geschichten Gegenstücke fanden. Hos Arbeiten, vor allem sein monumentales Tableau vivant Earth (2009), hätten auch gut in die Reihe Flatness gepasst - das mit Neugier erwartete, im Endeffekt aber leider nicht ganz durchschlagende Kernstück der diesjährigen Spezialreihen, welches sich dem "Kino nach dem Internet" verschrieben hatte.

Die "Flachheit" wurde da als Verflachung einerseits wörtlich genommen - ob im hohlen Jargon arbeitsplatzoptimierender Berater oder in der Aneignung popkultureller Zitate. Andererseits ging es um computergestützte Bildgebungsverfahren ebenso wie um das Flächig- und Flachmachen einer raumzeitlichen Erfahrung - wenn sich die Leinwand mit einer akribisch dekonstruierten Version von John Smiths Avantgardefilmklassiker Girl Chewing Gum füllte. Oder eine Performerin sich am Boden liegend über einen Platz schlängelte - was im Filmbild, im Verhältnis zu den tatsächlichen Fußgängern, einen eigentümlichen Kippeffekt produzierte (Sense and Sense).

Der Gesamtzusammenhang blieb öfter rätselhaft. Die Kunstvermittlungprofis aus Hos TV-Serie waren nicht zur Stelle. (Isabella Reicher aus Oberhausen, DER STANDARD, 10.5.2013)

  • Ho Tzu Nyen und "The Cloud of Unknowing" (2011): Beispiel einer Aneignungsleistung mit geschichtlichem Bewusstsein.
    foto: kurzfilmtage

    Ho Tzu Nyen und "The Cloud of Unknowing" (2011): Beispiel einer Aneignungsleistung mit geschichtlichem Bewusstsein.

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