Mit dem Fleischhauberl im Kühlschrank

9. Mai 2013, 20:14
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Die alten US-Konzeptkunst- und Freak-out-Komödianten Residents befinden sich auf "Wonder of Weird - 40th Anniversary Tour" durch Europa. So traten sie vor ihrem Konzert am Wiener Burgtheater noch rasch live in Helsinki auf

Auf der Bühne des Tavastiaklubi in Helsinki steht ein böser Weihnachtsmann mit Fleischhauberl und greift sich in den Schritt. Man hat ihm noch dazu die Luft ausgelassen. Deswegen erinnert er jetzt mit spitzer Nase und eingefallener Kinderverzahrermaske erheblich an die böse Hexe in Alice im Wunderland, wenn sie sich als betrunkener Crossdresser im Adventgeschäft einer Shoppingmall wiederbetätigen würde: "Na, wos is? Magssssuu ein Sssssuckerl, du kleines Gfrasssst?!"

Der Weihnachtsmann nennt sich Randy Rose. Er ist seit 40 Jahren Textchef des Quartetts Residents aus San Francisco, das in Wahrheit immer schon ein Duo war, aber wegen der Beatles vorgab, zu viert zu sein. Das stimmt auch insofern, als man sich mit einem heute ebenfalls auf der mit aufblasbarem Christbaumschmuck verunstalteten Bühne mit einem Gastgitarristen und als Trio dem klassischen Rockformat mit vier Personen halbwegs nähert. Na, schon schwindlig?

Auf die Nerven gehen die Residents theoretisch wie praktisch all jenen Leuten aus Helsinki, die heute nicht zum Konzert gekommen sind. Wenn man also nicht männlich und Mitte bis Ende 50 oder noch älter ist und ein T-Shirt mit dem klassischen alten Augapfelkopfmotiv der Residents trägt, wird man eines nicht verstehen: Frank Zappa, Elvis Presley in der Phase "Bitte noch einen Kübel Bananeneis!" oder die besagten Beatles, John Coltrane, Philip Glass, Harry Partch sowie klassische Broadway-Musicals wie King Kong versus Godzilla unter besonderer Berücksichtigung von LSD und Kiffenkiffenkiffen werden von den Residents auf Laptop und Gitarre und verzerrter Clownstimme derartig zerhackt, dass einem übel werden kann.

Die noch immer anonym und aktuell hinter Weihnachtsschlächtermaske und im Falle der zwei Musiker hinter neonfarbenen Dreadlock-Zopf-Masken und Nachtsichtbrillen agierenden Residents blicken auf eine 40-jährige Karriere im Bereich des Freak-out zurück. All die Jahre zwischen Kinderabzählreimen und als müde Gesteinslawinen ins Tal rutschenden Beats. All die Quälgeistereien mit Dadaismen, Taschenrechnerorgeln, Dampfcomputern und Gitarrendudeleien, die Frank Zappa zum Tourgitarristen bei James Last degradieren. Die Residents haben sich und der Welt genau nichts geschenkt: "We are simple / You are simple / Life is simple, too." Ein Witz.

Das erfolgreichste Album, wird "Bandsprecher" und "Manager" Homer Flynn vor der Show erzählen (und er sieht dabei dem bösen Weihnachtsmann Randy Rose, der prinzipiell keine Interviews gibt, ziemlich ähnlich - also ohne Maske halt), habe vor rund 30 Jahren gut 100.000 Stück verkauft. Damit blieben die Residents mit dem lustig Commercial Album betitelten Album ihrer Rolle als weltbekannte Underground-Band bis heute treu. Heute wären sie mit solchen Verkaufszahlen in der Hitparade.

Kerngeschäft mit Auge

Möglicherweise verkaufen die Residents als rüstige Avantgarde-Senioren aber 2013 außerhalb des Kerngeschäfts im Segment virile Eyeball-Head-T-Shirt-Träger nicht mehr besonders viele Tonträger aus ihrem mittlerweile über 60 Arbeiten zählenden Werk. Man veröffentlichte schon zu den Themen Inuit, Werbejingles, Freak-Shows oder Maulwurfszivilisationen. Die Residents coverten Elvis oder James Brown und vermanschten Hank Williams mit Michael Jackson.

Gerade eben hat man einen auf zehn Stück limitierten Kühlschrank veröffentlicht, der dieses immer auch freizeitchemisch interessante Gesamtwerk beinhaltet. Die Residents bieten es im Internet für jeweils 100.000 Dollar an. Zwei Stück wurden bereits verkauft, erzählt Bandsprecher Homer Flynn stolz.

Es mag zwar zynisch wirken, wenn die Residents auf der Bühne "I wanna be your Teddy Bear" von Elvis Presley solange zerdehnen, bis daraus das Zwangsjackenflehen des Weihnachtsmanns wird, dass ihn seine Elfen doch bitte wieder einmal ordentlich durchwalken sollen, weil er so ein böser Bub ist. Aber Homer Flynn will mit Zynismus nichts anfangen: "Den Residents ging es immer darum, positive Welten zu erschaffen. In diesen existiert natürlich auch Dunkelheit. Sie ist ein Teil des Lebens."

Auf der Bühne erzählt Randy Rose im Rahmen dieser Jubiläumstour unter dem Motto "Wonder of Weird" nun von einer gescheiterten Hollywoodkarriere als Sprecher des Esels in Shrek, von billigen Pornos und Vorkommnissen im hinteren Teil des Tourbusses. Dazu macht er mit den Armen den Samy Molcho. Die jüngeren Teile des finnischen Publikums flüchten aus dem Saal. Spannend, ob sich dieser gewagte Stil im Burgtheater durchsetzen kann.   (Christian Schachinger aus Helsinki, DER STANDARD, 10.5.2013)

14. 5., 20.30

  • Augenfutter für die freizeitchemisch aufgeschlossene Weltjugend der Mittfünfziger: The Residents, Verfremdungsartisten aus San Francisco, demnächst an der Wiener Burg zu Gast.
    foto: mute artists

    Augenfutter für die freizeitchemisch aufgeschlossene Weltjugend der Mittfünfziger: The Residents, Verfremdungsartisten aus San Francisco, demnächst an der Wiener Burg zu Gast.

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