"Stoker": Viel Argwohn gegen nahe Verwandte

9. Mai 2013, 20:02
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Nicole Kidman und Mia Wasikowska in einem schwermütig überspannten Thriller über eine amoralische Familie

Der Südkoreaner Park Chan-wook hat mit "Stoker" seinen ersten Hollywoodfilm realisiert.

Wien - India Stoker hat gute Gründe, ihrem wie aus dem Nichts aufgetauchten Onkel zu misstrauen. Ihr Vater ist gerade erst bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, da macht Charles (Matthew Goode) bereits Anstalten, auf dem herrschaftlichen Ansitz in Connecticut dessen Platz einzunehmen. India, eine introvertierte 18-Jährige, erscheint durch die sie stets ein wenig zu lange fixierenden Blicke des Onkels verunsichert; gleichzeitig fühlt sie sich zu ihm hingezogen - weniger sein preppy Aussehen und das schicke Cabrio zeigen Wirkung als ein tiefes, mysteriöses Verlangen in ihr.

Stoker ist das Hollywood-Debüt des südkoreanischen Genre-Eklektizisten Park Chan-wook, der auch in Europa mit seiner Rache-Trilogie - vor allem mit dem Mittelteil Old Boy (2003) - Furore machte. Anders als in seinen asiatischen Arbeiten greift er nun auf einen dezidiert westlichen Bilderfundus zurück: Erzählerisch hat sein Thriller viel mit Hitchcocks Shadow of a Doubt (1943) gemeinsam, in dem Joseph Cotten bereits einen maliziösen Onkel Charlie verkörpert hat, der zu seiner Nichte eine besondere Affinität hegte.

Andererseits dringt Park in ein vornehmes Oberschicht-Milieu vor, das aus einem britischen Gesellschaftsroman aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte - mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese Familie ihre Frustrationen und Ängste offen zur Schau trägt. Souverän verkörpert Mia Wasikowska India als einen weiteren Teenager, der nur eingeschränkt über sich selbst Bescheid weiß. Ihre Unschuld ist wie schon in Jane Eyre von einem undurchschaubaren Verführer bedroht. Wie aus Wachs wirkt dagegen Nicole Kidman als die von ihr entfremdete, gefühlskalte Mutter, die nur neben Charles aufzuleben scheint - die erotische Anziehung ist unverkennbar.

Groteskes Universum

Aus dieser Konstellation wird bereits ersichtlich, dass es bei den Stokers mit Moral nicht weit her ist. Park war noch nie ein Regisseur subtiler Andeutungen. In kunstvoll ausgeführten Bildkompositionen - auch Match-Cuts kommen gleich mehrfach zu Ehren - malt er sich ein grotesk überspanntes Familienuniversum aus, in dem kein Verdachtsmoment lange unbegründet bleibt. Einzig die Schwelle zwischen der Wirklichkeit und Indias trauerumwölkter Fantasie scheint nicht allzu groß zu sein - ein Duett von Charles und ihr am Klavier, bei dem nicht nur die Finger, sondern auch die Herzen rasen, findet offenbar nur in ihrem Kopf statt.

Drastischere Entwicklungen erweisen sich in Stoker bald einmal als grauenvolle Realität. Park geht es anders als seinem Vorbild Hitchcock eben nicht darum, die Suspense lange hinauszuzögern. Er erweist sich als Anhänger eines anderen Gefolgsmannes des britischen Thrillerexperten: Brian De Palma.

Erzählerische Plausibilität missachtend, holt Park in B-Movie-Manier abstruse Familiengeheimnisse aus verschlossenen Schubladen, um sie lustvoll in der Gegenwart zu platzieren. Damit verliert der Film zwar an Stringenz. Als stilistisches Crossover bleibt er jedoch durchaus bemerkenswert.   (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 10.5.2013)

  • Kaum ist der Ehemann tot, bricht in der Familie das Misstrauen aus: Nicole Kidman und Mia Wasikowska als Trauernde in Park Chan-wooks Thriller "Stoker".
    foto: abc-films

    Kaum ist der Ehemann tot, bricht in der Familie das Misstrauen aus: Nicole Kidman und Mia Wasikowska als Trauernde in Park Chan-wooks Thriller "Stoker".

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