Wie Individualität entsteht

9. Mai 2013, 20:00
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Interaktion mit der Umgebung formt das Gehirn

Dresden/Wien – Zwei Mäuse, Zwillinge, genetisch ident, wachsen in derselben abgeschlossenen Umgebung auf. Sie laufen durch dieselben Tunnel, beschäftigen sich mit denselben Spielzeugen und interagieren mit denselben Mäusekollegen in der Versuchsanordnung. Wird auch ihr Verhalten, ihre Persönlichkeit, ident sein?

Keineswegs, zeigt ein Versuch einer Forschergruppe um Julia Freund vom Zentrum für Regenerative Therapien der Technischen Universität Dresden, die den neurobiologischen Mechanismen hinter der Entwicklung von Individualität auf die Spur kommen wollte. Um die Vorgänge im Gehirn zu beobachten, die aus unterschiedlichen Erfahrungen unterschiedliche Persönlichkeiten formt, wurden gleich 40 genetisch idente Mäuse gemeinsam drei Monate lang in eine weitläufige Versuchsanlage gesteckt.

Die Bewegungen der Nager und ihre Gehirnaktivität standen dabei unter Beobachtung. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Hippocampus der Nagetiere, einer Gehirnregion, in dem auch im Erwachsenenalter noch neue Neuronen gebildet werden.

Menschliche eineiige Zwillinge entwickeln mit fortschreitendem Alter immer mehr Unterschiede und gewinnen Individualität. Und auch die Muster, in denen die genetisch identen Mäuse ihre Umgebung erkundeten, divergierten mit der Zeit. Mit zunehmendem Alter bildeten die Mäuse jeweils eigene Gewohnheiten heraus. Die Forscher entdeckten, dass die Bewegungsmuster der Tiere direkt mit der Entstehung neuer Neuronen zusammenhängen. Konkret konnte sogar nachgewiesen werden, dass sich bei jenen Mäusen, die ein größeres Areal ausgekundschaftet hatten, auch mehr Neuronen im Hippocampus bildeten.

Die Erkenntnisse sollen der im Fachjournal "Science" publizierten Studie zufolge zeigen, dass das Gehirn selbst durch Interaktion mit der Umgebung geformt werden kann. Die Entstehung von Neuronen im Hippocampus im Erwachsenenalter würde demnach die Herausbildung von individuellen Persönlichkeiten unterstützen. (pum/DER STANDARD, 10. 5. 2013)

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