Kritik an der Polizei wird laut

9. Mai 2013, 18:13
15 Postings

Ariel C., Hauptverdächtiger im Fall der drei befreiten Frauen, wird wegen Entführung und Vergewaltigung angeklagt. Nachbarn berichten, sie hätten die Polizei schon früher verständigt

Charles Ramsey ist auf einmal ein Medienstar. Der afroamerikanische Tellerwäscher bahnte der entführten Amanda B. den Weg in die Freiheit, indem er auf ihre Hilferufe hin die Tür seines Nachbarhauses eintrat. Nein, sagte Ramsey später bei CNN, ein Held sei er nicht. "Diese Feigheit, dieses 'Ich will meine Nase nicht in die Angelegenheiten anderer Leute stecken', das musst du eben mal für eine Minute vergessen."

Bohrende Fragen

So begeistert Amerika Ramseys Zivilcourage feiert, so bohrend sind die Fragen. Wieso hat, in einem städtischen Wohngebiet, jahrelang niemand etwas bemerkt? Warum hat die Polizei, als Anwohner dann doch stutzig wurden, den Fall so nachlässig behandelt? Weil in der heruntergekommenen Seymour Avenue die kleinen Leute zu Hause sind?

Mehrere Schwangerschaften

Ariel C., wird vorgeworfen Amanda B., Gina D. und Michelle K. entführt und während der jahrelangen Gefangenschaft vergewaltigt zu haben. Auch ein sechsjähriges Mädchen wurde von der Polizei aus seinem Haus geholt, ein Vaterschaftstest soll nun klären, ob sie seine Tochter ist. Eine der Frauen soll laut einem Polizeibericht fünfmal von ihm schwanger gewesen sein. C. habe sie jedes Mal so schwer misshandelt, bis sie eine Fehlgeburt erlitt, berichten Medien.

C. wohnte in einem zweistöckigen Haus, das er 1992 für 12.000 US-Dollar gekauft hatte, eine lächerlich niedrige Summe, für die man allenfalls in akuten sozialen Krisengebieten eine Immobilie erwerben kann. 1996 zog seine Frau mit den gemeinsamen Kindern aus, weil sie die jähzornigen Anfälle ihres Mannes nicht mehr ertragen konnte.

Nachbarin verständigte Polizei

Später teilte sich C. die vier Zimmer mit seinen Brüdern Onil und Pedro. James King, ein Nachbar, glaubte bis Montag nicht, dass überhaupt jemand in dem Haus lebte. Durch die Fenster, mit blickdichter Plastikfolie beklebt, habe man nicht hineinsehen können. Andere skizzieren Ariel C. als durchaus freundlichen Mann, der Bekannte manchmal in die Clubs einlud, in denen er Bassgitarre spielte.

Elsie Cintron dagegen, die drei Häuser weiter wohnt, will einmal beobachtet haben, wie ein kleines Mädchen seine Nase am Dachbodenfenster platt drückte. "Merkwürdig, dachte ich. Wo kommt das Mädchen her?" Sie habe die Polizei verständigt und sei mit dem Hinweis abgefertigt worden, sich an einen Detektiv zu wenden.

Fragen bleiben

Bei anderer Gelegenheit will ihre Enkelin gesehen haben, wie eine splitterfasernackte Frau durch den Garten kroch. Daraufhin, sagt die 55-jährige Latina, habe sie ihren Enkeln eingeschärft, sich dem seltsamen Haus nicht mehr zu nähern.

Ein Nachbar namens Israel Lugo sagte gegenüber der Zeitung "USA Today", er habe einmal sogar drei Frauen nackt an Hundeleinen gesehen und mehrmals die Polizei informiert, dass etwas in dem Haus nicht in Ordnung sei. Einmal seien Polizisten aufgetaucht, seien aber unverrichteter Dinge wieder gegangen, als niemand die Türe öffnete. Es sind Fragmente eines Puzzles. Die Fragen bleiben. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 20.5.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gina D., eine der drei befreiten Frauen, verbrachte fast zehn Jahre im Haus des mutmaßlichen Entführers. Am Mittwoch wurde sie zu ihrer Familie gebracht.

Share if you care.