Reden ist in Bezos Amazonien verboten

9. Mai 2013, 16:35
52 Postings

Onlinehändler Jeff Bezos redet lieber über seine Erfolge als über die Arbeitskonditionen seiner Beschäftigten bei Amazon

Onlinehändler Jeff Bezos redet lieber über seine Erfolge als über die Arbeitskonditionen seiner Beschäftigten. Ein französischer Reporter heuerte bei Amazon an und stellte fest: Der Spaß ist beschränkt.

Paris - Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört zu den mitteilungsfreudigen Internet-Tycoons. Er erteilt der gesamten Branche Ratschläge, und seine gut 90.000 Mitarbeiter - die er aus unerfindlichen Gründen "Teilhaber" nennt, obwohl sie an seinem persönlichen Vermögen von mehr als 25 Milliarden Dollar nicht beteiligt sind - motiviert er mit vollmundigen Slogans wie: "Arbeite hart, hab Spaß, schreib Geschichte."

Wer aber wissen will, wie es hinter der Fassade des drittgrößten Internetkonzerns zugeht, wird vom Kommunikationsdienst systematisch abgewiesen. Das geschah auch dem Franzosen Jean-Baptiste Malet. Der 26-jährige Journalist ersuchte vergeblich um die Erlaubnis, das Amazon-Lager im südfranzösischen Montélimar - einem von drei Standorten in Frankreich - zu besuchen.

So bewarb sich der Reporter selbst um einen Job. Über eine Teilzeitagentur wurde er prompt als "picker" angeheuert - für die Nachtschicht von 21.30 bis 4.50 Uhr. Seine Aufgabe war es, in dem 36.000 m² großen Hangar bestellte Artikel zusammenzutragen. "Picker sind effizienter als Roboter", schreibt Malet in dem Buch En Amazonie ("In Amazonien"), das er aufgrund seiner Erfahrung verfasst hat. "Der Computer berechnet in Echtzeit, welchen Artikel ich gerade suchen muss, je nach meiner Position im Lager, die ihm genau bekannt ist. Eine Software organisiert meine Gänge, damit die Laufzeit zwischen zwei Artikeln nie mehrere Dutzend Sekunden überschreitet."

Dabei schreiten die "pickers" pro Nacht eine Distanz von 20 Kilometern ab, wie Malet ausrechnete. Sie sammeln die Bücher, DVDs und Elektroartikel ein, die die "stowers" zuvor in die Regale gestellt hatten. Danach füllen die "packers" die Artikel in die Verstandkartons. Der Spaß ist beschränkt: Reden ist verboten: Die Teilhaber haben beim Arbeiten kein Recht darauf. Ein Wortwechsel kostet wertvolle Sekunden.

Dass jeder Gang eines jeden Angestellten in diesem gigantischen, rund um die Uhr tätigen Ameisenhaufen sekundenweise berechnet wird, fand Malet zuerst absurd. Ebenso wie die anderen äußerst exakten Zeitvorgaben. In der siebenstündigen Arbeitszeit ist eine zwanzigminütige Pause enthalten; eine zweite Pause geht auf Kosten der Angestellten, sprich Teilhaber. Die Stechuhr ist allerdings direkt am Arbeitsplatz platziert, obwohl Eingang und Pausenareal auf dem riesigen Firmengelände mehrere Minuten entfernt liegen. Damit schrumpft die effektive Erholungsphase auf fünf Minuten, wie Malet feststellen musste. Dann ist Spaß angesagt: Auf Weisung Bezos' sind alle Mitarbeiter per du.

Malet verstand plötzlich, warum die Gewerkschaften und die Direktion um Details wie die Platzierung der Stechuhr stritten: "Wenn man die zwölf Minuten, um die man jeden Tag gebracht wird, mit tausend Angestellten multipliziert, macht das pro Lager 200 unbezahlte Arbeitsstunden am Tag." Weltweit verdient Amazon damit jährlich Millionen. Und das nur, weil die Stechuhr an einem bestimmten Ort steht.

Auf diese Weise optimiert Amazon die Abläufe und seine weltweit mehr als 90.000 Mitarbeiter, zu denen zu Weihnachten zahllose Kurzarbeiter stoßen. Jeder noch so geringe Zeitgewinn ist Teil von Bezos aggressiver Wachstumsstrategie, die in Frankreich bereits eine vierte Lagerzentrale nötig macht. Seine Steuern zahlt Amazon aber anderswo. Steuersitz von Amazon Europa ist Luxemburg.

Das Unternehmen zahlt in Frankreich keine Mehrwertsteuer, erhält aber - wie auch in Deutschland durch einzelne Bundesländer - regionale Subventionen. Dafür schafft Bezos Arbeitsplätze. Malet rechnet allerdings vor, dass der traditionelle Buchhandel "18-mal mehr Stellen schaffen würde als der Internetversand, dessen Flaggschiff Amazon ist". Indirekt zerstöre das öffentliche Geld also mehr Arbeitsplätze in herkömmlichen Buchhandlungen, als es in den Amazon-Lagern schaffe. Noch etwas wundert Malet: Amazon vertreibt sein kritisches Buch anstandslos. Ein Boykott hätte nur zu reden gegeben. Und schließlich lautet der Slogan: "Schreib Geschichte". (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 10.5.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jeder Schritt und jeder Handgriff der Teilhaber, wie Amazon seine Mitarbeiter bezeichnet, ist in den Lagern des Online-Versandhändlers exakt berechnet. Gefinkelt ist auch das Pausensystem.

Share if you care.