Die (Un-)Zugänglichkeit der Erkenntnis

8. Mai 2013, 17:30
posten

In den Wissenschaften zeichnet sich ein radikaler Umbruch beim Publizieren ab - aber noch wehren sich die großen Verlage erfolgreich dagegen

Der Unmut der Wissenschafter, aber auch der Forschungsförderer wächst und wächst. Mittlerweile gibt es etliche Boykottinitiativen und Gegenmaßnahmen. Doch ein Ende es Zustands ist nach wie vor nicht wirklich abzusehen.

Die Rede ist vom Veröffentlichen wissenschaftlicher Erkenntnisse, mit dem einige Verlagsriesen wie Elsevier, Springer, Wiley-Blackwell  oder Macmillan (eigentlich Holtzbrinck, zu der "Nature" gehört), Bombengeschäfte auf Kosten der Steuerzahler machen.

Zwar wird der überwiegende Teil der Erkenntnisse von Forschern produziert und begutachtet, die von der öffentlichen Hand bezahlt werden. Und angeschafft werden die meisten Zeitschriften von wissenschaftlichen Bibliotheken, die ihr Budget mit staatlichen Geldern bestreiten. Den fetten Gewinn aber machen die Verlage – Elsevier mehr als eine Milliarde Euro, rund 36 Prozent des Umsatzes. In ärmeren Ländern wird so der Zugang zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen verunmöglicht, und auch hierzulande stöhnen Bibliotheken und wissenschaftliche Einrichtungen längst über die hohen Anschaffungskosten.

Der Ausweg heißt Open Access, also der offene Zugang zu Wissen, und im Zeitalter des Internet scheint nichts einfacher als das. Doch obwohl es zur Gründung von vielen neuen Open-Access-Zeitschriften wie "Public Library of Science" (PLoS), zuletzt "PeerJ" und neuen Modellen des Publizierens kam, dominieren nach wie vor die Verlagsriesen. Doch wie lange noch? Die Frage ist auch deshalb drängend, weil im Moment die Forschungsförderer oft genug doppelt geschröpft werden: Nicht nur mit den teuren Zeitschriften, die schon einmal fünfstellige Euro-Beträge im Jahr kosten können, sondern auch damit, dass die Verlage noch einmal Geld dafür kassieren, dass die Forscher ihnen die Rechte an den Texten zurückkaufen, um sie frei zugänglich ins Netz zu stellen. Im Fall einer bei Springer publizierten Dissertation kann das schon einmal 10.000 Euro und mehr kosten.

Schließlich gibt es aber auch noch ein weiteres Problem: Soll wirklich alles Wissen zugänglich gemacht werden? Also etwa auch die Erkenntnisse über künstlich hergestellte Vogelgrippe-Varianten, die Epidemien ungeahnten Ausmaßes auslösen könnten?

Im nächsten EU-Forschungsprogramm Horizont 2020, das von 2014 bis 2020 läuft, sollen auch die Fragen nach den Chancen und Grenzen von Open Access eine wichtige Rolle spielen. Dazu will die EU-Kommission vorab auch die Stimmen und Meinungen der Bürgerinnen und Bürger Europas hören. Der STANDARD unterstützt mit anderen europäischen Tageszeitungen wie "El País" oder die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" diese Initiative, verweist auf die neueste Umfrage "Sind Forschungsergebnisse Allgemeingut oder nicht?" und bittet um Antworten und Diskussionsbeiträge – hier und bei der Befragung. (tasch, derStandard.at, 8.5.2013)

Share if you care.