Das Gehalt wächst nicht von alleine

13. Mai 2013, 10:10
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Sich an die Etikette halten, aktiv sein und dem Zufall eine Chance geben, heißt es auf dem Weg zur erfolgreichen Gehaltsverhandlung

Die Mehrheit der Österreicher fühlt sich unterbezahlt, geht aus dem Arbeitsklimaindex der Arbeiterkammer hervor. Das kann viele Gründe haben, etwa die Beschäftigung in einer schlecht entlohnten Branche oder die Wirtschaftskrise. Die unbefriedigende Situation hat aber auch mit den Gehaltsverhandlungen zu tun, die die Arbeitnehmer oft zu selten und/oder zu passiv angehen.

Grübeln schadet

Wie es also besser machen? Um dem Weg zu einem Mehr an Gehalt eine Portion Humor voranzustellen, empfiehlt der immer noch aktuelle Klassiker "Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten" von Georges Perec.

"Suchen Sie niemals Ihren Abteilungsleiter an einem Freitag oder an einem Tag in der Fastenzeit auf (…), da man sich dadurch der Gefahr aussetzt, heikle Probleme gegenüber einem Menschen anzusprechen, der, anstatt Ihnen zuzuhören, seine Zeit (…) mit anderem verbringt", so beginnt der 1982 verstorbene Franzose sein zeitloses Werk.

Perec beschreibt in dieser und in vielen weiteren Passagen ein Hauptproblem vieler Arbeitnehmer. Sie machen sich zu viele Gedanken. Wann den Chef ansprechen? Wie viele Gesprächsszenarien durchdenken? Nach über 80 Seiten Gedankenspielerei rät Perec: Man muss es einfach tun. Denn ein Gespräch mit dem Vorgesetzten ist besser als keines.  

Das gilt vor allem für Frauen. Während Männer in der Regel jährlich um mehr Geld feilschen, tun Frauen das nur alle zwei bis drei Jahre. Ihre Gehaltsforderungen fallen auch bescheidener aus. Was mit ein Grund dafür ist, dass selbst Frauen in Führungspositionen um über 15 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Pendants, wie die Managementberatung Kienbaum erfragt hat.

Taktik gefragt

Bei den meisten Menschen, Frau wie Mann, scheitert es nicht an den Basics. Sie wissen, was die Kollegen verdienen, sie rücken ihre Verdienste in den Vordergrund, sie stellen ihre Motivation für zukünftige Aufgaben zur Schau.

Was oft fehlt, ist das taktische Geschick. Menschen, die an Zahlen gemessen werden, bleiben zu oft an ebendiesen hängen. Eine Ergebnissteigerung ist zwar das stärkste Argument, das Mitarbeiter haben. 40 Prozent der Finanzvorstände gewähren primär aus diesem Grund eine Gehaltserhöhung, wie der Personaldienstleister Robert Half herausgefunden haben will.

Viele tun sich aber schwer, diese Zahl wirken zu lassen. Sie fallen oft mit der Tür ins Haus und erwarten sich bei fünf Prozent Ergebnissteigerung auch fünf Prozent mehr Gehalt. Vielleicht hätte der Chef aber auch zehn Prozent angeboten. Daher ist es ratsam, zunächst den Vorgesetzten einen Vorschlag machen zu lassen.

Damit einem die Argumente bei dem Hickhack nicht ausgehen, empfiehlt sich ein Tagebuch. Viele Menschen werden sich nur so über das Ausmaß ihrer Verdienste bewusst. Eine Aufzählung dieser Pluspunkte hilft im Vier-Augen-Gespräch.

Ungesagtes sticht

Generell ist aber das beim "Showdown" Ungesagte oft wichtiger als das Gesagte. Ist man durch sein Engagement - etwa als Wortspender in Meetings oder Anlaufstelle für Kollegenprobleme - für den Chef kein unbeschriebenes Blatt mehr, erspart man sich einen Großteil wortreichen Werbens um dessen Gunst.

Hält man sich dann auch an die Etikette, droht nicht mit Kündigung und versucht den Chef, durch Fragen auf seine Seite zu ziehen, schaut es gut mit dem Gehaltsplus aus.

Wichtig ist dabei, sich nur im äußersten Fall mit Einmalzahlungen abzufinden. Denn die Ausgangsposition für das nächste Gehaltsgespräch bleibt dann die gleiche.

Wirken des Zufalls

Flexibel muss man ohnehin sein, wie schon Perec schreibt:

"Sie haben reiflich nachgedacht, haben Ihren ganzen Mut zusammengenommen: (…) entweder ist Monsieur x in seinem Büro oder aber er ist nicht in seinem Büro, wenn Monsieur x in seinem Büro wäre, gäbe es kein Problem, aber natürlich ist Monsieur x nicht in seinem Büro."

Während Perec dem Wirken des Zufalls huldigt und so jegliche Vorbereitung relativiert, gilt für die optimistischeren Zeitgenossen unter uns: Der Tag wird kommen. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 13.5.2013)

  • Damit einem die Argumente nicht ausgehen, empfiehlt sich ein Tagebuch. Viele Menschen werden sich nur so über das Ausmaß ihrer Verdienste bewusst.
    foto: standard/cremer

    Damit einem die Argumente nicht ausgehen, empfiehlt sich ein Tagebuch. Viele Menschen werden sich nur so über das Ausmaß ihrer Verdienste bewusst.

  • Gelten für Frau und Mann: Gehaltsverhandlungstipps der Frauenabteilung der Stadt Wien.

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