NS-Gedenken: "Burschenschaftern kann Teilnahme nicht schaden"

Interview8. Mai 2013, 13:30
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Mauthausenkomitee-Vorsitzender Willi Mernyi über die "Wachsamkeit als wichtigste Disziplin" und seine Erwartungen an den ersten "Tag der Freude" am Heldenplatz

"Im letzten Jahr stand ich am 8. Mai hier am Heldenplatz. Was ich sah, war ein unwürdiges Schauspiel: rechtsextreme Burschenschafter, die hier die Niederlage betrauern", sagt Willi Mernyi, Vorsitzender des Mathausenkomitees. So ist die Idee entstanden, den "Tag der Freude" am Wiener Heldenplatz zu organisieren. Was er sich von der Gedenkveranstaltung erwartet, erklärt er im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Das Mauthausenkomitee hat den "Tag der Freude" am Heldenplatz organisiert. Warum gerade heuer erstmals?

Mernyi: Im letzten Jahr stand ich am 8. Mai hier am Heldenplatz. Was ich sah, war ein unwürdiges Schauspiel: rechtsextreme Burschenschafter, die hier die Niederlage betrauern. Auf der anderen Seite antifaschistische Demonstranten und in der Mitte die Polizei. So kann man den Tag der Befreiung einfach nicht begehen. Daraus ist die Idee entstanden, dass wir etwas ganz anderes machen müssen. Herausgekommen ist das, was heute am Heldenplatz zu sehen sein wird: ein Konzert mit den Wiener Symphonikern. Wir haben den Bundeskanzler, den Vizekanzler, den Bürgermeister und die Vizebürgermeisterin eingeladen, um gesellschaftliche Breite zu demonstrieren. Das ist das offizielle Österreich. Es feiert heute die Befreiung im Gegensatz zu ein paar rechtsextremen Burschenschaftern, die immer noch von der Niederlage faseln.

derStandard.at: Soll der "Tag der Freude" künftig jährlich stattfinden?

Mernyi: Das ist mein Ziel.

derStandard.at: Sehen Sie noch weitere Bereiche, in denen diesbezüglich Handlungsbedarf besteht?

Mernyi: Bei der Hofburg GmbH muss es endlich ein Umdenken geben, ob man wirklich einen FPÖ-Burschenschafterball, den Nachfolger des WKR-Balls, in der Hofburg veranstalten sollte. Ich glaube, die Signale sind eindeutig. Der Heldenplatz und auch die Hofburg sind kein Platz für Rechtsextreme.

derStandard.at: Die Burschenschafter haben angekündigt, heute als "stille Teilnehmer" zu kommen. Denken Sie, dass alles friedlich verlaufen wird und die Burschenschafter keinen Aktionismus begehen, indem sie etwa in ihrem Wichs erscheinen?

Mernyi: Die Polizei hat ihnen klar mitgeteilt, dass sie das nicht zu tun haben. Und wenn ein Burschenschafter herkommt und sich den Vorsitzenden des Mauthausenkomitees anhört und die Zeitzeugin Käthe Sasso, dann werde ich ihn sicher nicht davon abhalten wollen. Das kann ihm nicht schaden. Ich gehe davon aus, dass alles friedlich verlaufen wird.

derStandard.at: Die Burschenschafter sagen jetzt, sie hätten ihr Ziel erreicht, das Gedenken werde nun würdig begangen.

Mernyi: Rechtsextreme Burschenschafter haben hier jahrelang ihr sogenanntes Totengedenken durchgeführt. Dieses Jahr ist kein Platz für sie. Wir wissen ja, dass Burschenschafter mit Niederlagen nicht umgehen können.

derStandard.at: Warum hat die Politik hier jahrelang zugesehen und die Burschenschafter am Heldenplatz ihr "Totengedenken" feiern lassen?

Mernyi: Ich würde es positiv formulieren. Ich habe die genannten Spitzenrepräsentanten eingeladen, weil ich ein Zeichen setzen wollte. Sie kommen alle. Und das ist für mich ein ganz starkes Signal. Der Tag heute wird ein Wendepunkt sein.

derStandard.at: Wird es in Zukunft also nicht mehr möglich sein, dass jemand wie Martin Graf Dritter Nationalratspräsident wird?

Mernyi: Ich habe das damals schon für einen Skandal gehalten, und ich glaube, dass es heute nicht mehr möglich sein darf, jemanden wie Martin Graf zum Dritten Nationalratspräsidenten zu machen.

derStandard.at: Trotzdem gibt es auch heute noch Fälle, bei denen man den Eindruck hat, die Regierung könnte mehr tun. Es gibt zum Beispiel keinen Rechtsextremismus-Bericht.

Mernyi: Ich kann mit einem einzigen Konzert nicht den gesamten Umgang Österreichs mit der Rechtsextremismus-Frage verändern. Aber ich denke, dass es ein starkes Signal sein kann. Natürlich braucht es einen Rechtsextremismus-Bericht, und es braucht eine Justiz, die nicht von Kavaliersdelikten redet, sondern hart gegen Rechtsextremismus vorgeht. Aber das muss alles Hand in Hand gehen. Ich bin voller Hoffnung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

derStandard.at: In Ungarn macht sich der Antisemitismus wieder breit.

Mernyi: Die ungarische Situation erfüllt mich mit Sorge. Jüdische MitbürgerInnen müssen Angst haben. Das ist nicht das vereinte, friedliche Europa, von dem wir immer geredet haben. Ich zitiere Hans Maršálek, Überlebender von Mauthausen. Er sagt: Wachsamkeit ist die wichtigste Disziplin. Ich denke, es ist wichtig, immer, wo es geht, aufzuzeigen, gemeinsam mit kritischen Medien.

derStandard.at: Als Vorsitzender des Mauthausenkomitees betätigen Sie sich seit vielen Jahren im Aufzeigen und Wachsamsein. Fühlen Sie sich von der Öffentlichkeit gut unterstützt?

Mernyi: Ich würde mir immer mehr wünschen. Aber in den letzten Jahren ist festzustellen, dass immer mehr Medien aufspringen und recherchieren und das machen, was die Politik und die Polizei nicht gemacht haben: nämlich uns ernst zu nehmen. Wir haben beispielsweise monatelang das Objekt 21 in Oberösterreich kritisiert. Es gab viele Berichte in den Medien, aber es ist nichts passiert. Dann hat man es plötzlich doch ausgehoben, und es wurden zehn Kilogramm Sprengstoff gefunden. Das ist nicht der Polizei zu verdanken, sondern kritischer Medienberichterstattung, die immer wieder darauf hingewiesen hat, dass das Objekt 21 ein Hort von Rechtsextremisten war. Ohne die Medienberichterstattung hätte die Polizei nicht so reagiert.

derStandard.at: Es gibt auch neue rechte Bewegungen, etwa die Identitären. Werden diese von der Politik ernst genommen?

Mernyi: Die Identitären sind ein neues Phänomen. Es ist rechtsextreme Agitation in neuem Gewand. Aber es ist, was es ist: rechtsextreme Agitation. Die Polizei wird sich darauf einstellen müssen, neue Strategien entwickeln müssen. Und wir werden es auch bekämpfen müssen. In der Regel handelt es sich, das wissen wir doch, um junge Burschenschafter in einer neuen Aktionsform.

derStandard.at: Ihnen werden immer wieder Ambitionen nachgesagt, als Abgeordneter in den Nationalrat einzuziehen. Ist das so?

Mernyi: Das kann ich ausschließen. Ich würde es falsch finden, wenn der Vorsitzende des Mauthausenkomitees für eine politische Partei im Nationalrat sitzt. Dann wäre die Überparteilichkeit des Mauthausenkomitees nicht mehr gegeben. Ich möchte gerne Vorsitzender des Mauthausenkomitees bleiben, und somit ist es vollkommen auszuschließen, für eine politische Partei im Nationalrat, Bundesrat oder Landtag zu agieren. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 8.5.2013)

Willi Mernyi, geboren 1968 in Wien, ist Leiter des ÖGB-Referats für Organisation, Koordination und Service, Vorsitzender des Mauthausenkomitees Österreich und ÖGB-Vertreter im ORF-Publikumsrat.

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    Willi Mernyi: "Bei der Hofburg GmbH muss es endlich ein Umdenken geben, ob man wirklich einen FPÖ-Burschenschafterball in der Hofburg veranstalten sollte."

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