Glawischnig: "Schüler in Österreich arbeiten zu viel"

8. Mai 2013, 10:49
86 Postings

Grünen-Chefin Eva Glawischnig bezichtigte Umweltminister Berlakovich der Lüge, BZÖ-Obmann Josef Bucher hingegen gab keine Auskunft darüber, ob Stefan Petzner bei der Nationalratswahl antreten wird. Gleich zwei Politiker diskutierten mit Jugendlichen bei "Zukunft am Wort"

Wien - Der Applaus wollte einfach nicht kommen. Erst nach dezenter Aufforderung von STANDARD Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, die soeben den BZÖ-Klubobmann Josef Bucher vorgestellt hat, klatschte das jugendliche Publikum verhalten.

Bei der Diskussionsreihe "Zukunft am Wort" von STANDARD und ORF Wien traten erstmals zwei Politiker hintereinander an, beide unter unterschiedlichen Voraussetzungen: Bei Eva Glawischnig, Bundessprecherin der Grünen, klatschte nicht nur das Publikum euphorisch, auch die jugendlichen Mitdiskutanten Viktoria Raimann (19, Jus-Studentin) und Jakob Pflügl (17, Schüler) outeten sich bereits im Vorfeld der Debatte als wohlwollend. Medienexperte Peter Plaikner stand den beiden zur Seite, während Alexandra Föderl-Schmid und Paul Tesarek (ORF) nacheinander moderierten.

Ungleich sind auch die Erwartungen für die Nationalratswahl: Während die Grünen mindestens 15 Prozent anpeilen, muss das BZÖ überhaupt um das Erreichen der Vier-Prozent-Hürde zittern. Plaikner rechnete dem Bündnis schlechte Chancen aus, da es ihnen nicht gelungen sei, sich klar zwischen FPÖ, Stronach und Neos zu positionieren.

Antreten wird das BZÖ in jedem Fall, doch mit welcher Liste, möchte Bucher erst 20 Tage vor Wahl bekanntgeben. Auch auf Nachfrage wollte er nicht bestätigen, ob Stefan Petzner mit antreten wird oder nicht.

Dennoch verkündete er selbstbewusst: "Seit ich Schulsprecher bin, habe ich noch nie bei einer Wahl, zu der ich angetreten bin, verloren!" - ergo werde er es auch diesmal schaffen. Moderatorin Föderl-Schmid wettete prompt mit einer Flasche Rotwein dagegen. "Aber eine unter 100 Euro", scherzte Bucher in Anspielung auf die Bestechungsgrenze.

Beide Politiker äußerten deutliche Kritik am Bildungssystem. Die Lehrer würden an der Lebensrealität der Schüler vorbeiunterrichten, behauptete BZÖ-Obmann Bucher. Er schlug unter anderem vor, den theoretischen Führerschein in den Unterricht zu integrieren. Außerdem solle man das Gehaltssystem umdenken: Statt dass die Löhne mit höherem Alter immer weiter steigen, bräuchten gerade junge Familien mehr Gehalt, etwa fürs Eigenheim.

Glawischnig ging noch einen Schritt weiter und nannte ihr Konzept der "Grünen Schule" mehr als eine Reform, sondern "fast schon eine Revolution". Sie sprach sich für eine tägliche Turnstunde aus, für Modulunterricht, bei dem die Schüler bis zu 60 Prozent des Unterrichts frei wählen können, sowie für eine Überarbeitung des veralteten Fächerkanons.

Der Leistungsdruck an den Schulen sei ihr zu hoch. "Die Schüler in Österreich arbeiten zu viel", sagte sie. Es werde auch zu wenig in Bildung investiert. Ihr Motto: statt Autobahnen lieber das Bildungssystem ausbauen. Tatsächlich verfügt Österreich über das zweitdichteste Autobahnnetz der EU, in Sachen Bildung liegen Österreichs Schüler jedoch weit abgeschlagen von den Spitzenplätzen.

Keine Zeit für Facebook

Für ihre Social-Media-Aktivitäten wurden beide Parteien von den Jugendlichen kritisiert. Im Kärntner Wahlkampf veröffentlichte das BZÖ ein mittlerweile verbotenes Youtube-Video, in dem FPK-Politiker mit Diktatoren verglichen werden. Solche Spots werde es in Zukunft nicht mehr geben, versicherte Bucher, doch gleichzeitig legitimiert er die Intention des Clips: "In Kärnten hat es regimeartige Tendenzen gegeben." Eva Glawischnig musste sich dafür rechtfertigen, dass sie nur 5000 Facebook-Fans hat, also nur einen Bruchteil von Straches 150.000. Die Bundessprecherin gab offen zu, dass sie wegen ihrer zwei kleinen Kinder einfach keine Zeit dafür finde.

Ein 17-jähriger Hobby-Imker aus dem Publikum lenkte die Diskussion schließlich auf Umweltminister Berlakovich, der jüngst gegen ein EU-Verbot bienengefährdender Pestizide stimmte. Laut Glawischnig sei wissenschaftlich klar ausdiskutiert, dass besagte Pestizide schädlich für die Bienen seien. Auf Nachfragen forderte sie den Rücktritt des Umweltministers. Und fügte an: "Er sagt die glatte Unwahrheit. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass er lügt!" (Philipp Koch, DER STANDARD, 8.5.2013)

Zukunft am Wort

Bundeskanzler Werner Faymann stellt sich nächste Woche den Fragen der jugendlichen Diskutanten. Bei der vom STANDARD und ORF Wien veranstalteten Diskussionsreihe gibt es die Möglichkeit zur Publikumsdiskussion. Der Eintritt ist frei. Dienstag, 14. Mai, 17 Uhr, Dschungel Wien (Museumsquartier)

  • Auch wenn es die Deko im Dschungel Wien nahelegen würde, wurde an diesem Diskussionsabend keine Schmutzwäsche gewaschen - dafür aber der Rücktritt eines Ministers gefordert.
    foto: standard/cremer

    Auch wenn es die Deko im Dschungel Wien nahelegen würde, wurde an diesem Diskussionsabend keine Schmutzwäsche gewaschen - dafür aber der Rücktritt eines Ministers gefordert.

  • Josef Bucher.
    foto: standard/cremer

    Josef Bucher.

Share if you care.