Bettwäsche mit Heilkraft

    17. Mai 2013, 10:22
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    "Feinstofflich aktive" Überzüge mit geometrischen Formen sollen erschöpfte Menschen mit "bio-physikalischen Regulationsprinzipien" fit machen

    Manchen hilft Schäfchenzählen beim Einschlafen, andere driften leichter ins Traumland hinüber, wenn sie sich in eine mit himmelblauen Wölkchen gemusterte Decke kuscheln. Und wieder andere können in eleganter Bettwäsche mit schlichten symmetrischen Mustern à la Burberry am besten entspannen.

    Dass Menschen verschiedene Geschmäcker haben, ist hinlänglich bekannt. Dass sie sich wohler fühlen, wenn sie sich mit ihren Lieblingsfarben und -mustern umgeben, ebenso. Weniger geläufig ist, dass bestimmte geometrische Formen auf dem Überzug von Tuchent und Polster eine heilende Wirkung haben sollen.

    Hilfe bei Schlafstörungen

    Der deutsche Online-Anbieter Ni-Ma verspricht mit seiner "feinstofflich aktiven Bettwäsche" vor allem Hilfe bei Schlafstörungen, Erschöpfungszuständen und Stress. Vorausgesetzt, die Symbole auf der Bettwäsche werden vor dem Schlafengehen mit einem "kosmisch übermittelten Code" aktiviert.

    Dazu lege man die linke Hand auf eines der am Stoff aufgedruckten Symbole und spreche laut den Markennamen "Ni-Ma" oder den in der Anleitung zu findenden Code des Symbols aus. Dem Geschäft mit der "feinstofflich aktiven Bettwäsche" liegt ein Konzept zugrunde, das angeblich auf nachweisbaren Erkenntnissen der Quantenphysik beruht. Die Symbole und Farben soll der Kunde instinktiv, also nach persönlichen Vorlieben aussuchen. So wähle man automatisch die persönlich "richtige Schwingung".

    Die geometrischen Formen als Heilzeichen gehen auf Entdeckungen des Wiener Elektrotechnikers Erich Körbler in den 1980er Jahren zurück. Esoteriker ordnen den Heilversuch mit gezeichneten Symbolen in die "Neue Homöopathie nach Körbler" ein. Der an alternativmedizinischen Methoden interessierte Forscher erklärte zunächst den Mechanismus der "Einhandrute", auch als "Wünschelrute" bekannt, mit der Mineralien, Wasseradern und schlechte Energien bis hin zu Lebensmittelunverträglichkeiten bei Menschen aufgespürt werden könnten. Die schwache Spannung zwischen den unterschiedlichen Energieströmen soll zu den Ergebnissen führen.

    Geometrische Formen als Antenne

    Für den Wiener Quantenphysiker Florian Aigner ist das leicht erklärbar: "Dass Ruten oder Pendel, die man scheinbar ganz ruhig in der Hand hält, einen Ausschlag zeigen, ist nichts Neues. Dabei handelt es sich um den ideomotorischen Effekt: Unsere Gedanken und Erwartungen führen zu winzigen Bewegungen unserer Hände, ohne dass wir uns dessen bewusst sind - und dann schlägt die Rute eben genau so aus, wie man es erwartet und erhofft. Daran ist nichts Geheimnisvolles."

    In einem nächsten Schritt erforschte Körbler die Wirkung geometrischer Formen als "Antenne am menschlichen Energiekörper" und schließlich den Einfluss von Strichkombinationen auf den Menschen. Er testete die Wirkung der Strichcodes und Formen wie der Sinuswelle, des Ypsilon und des balkengleichen Kreuzes an verschiedenen Personen. Seine Messtechnik ging dabei über alternativmedizinische Praktiken wie die Elektroakupunktur nicht hinaus. Auch anerkannte Studienergebnisse zur Wirkung fehlen. Nicht umsonst wird im Ni-Ma-Onlinshop darauf hingewiesen, dass keine wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit der mit Symbolen bedruckten Bettwäsche vorliegen.

    Dennoch behauptet Susanne Ehlers vom naturwissenschaftlichen Ausbildungszentrum Wolfratshausen, dass Erkenntnisse der Quantenphysik die Wirkung der Symbole erklären könnten. In ihrem Artikel zum Thema "Neue Homöopathie nach Körbler" spricht sie von der Entdeckung der "feinstofflichen" Ebene, auf der nicht mehr chemisch-stoffliche, sondern "bio-physikalische Regulationsprinzipien" und "Informationsübertragungsmechanismen" bestimmend seien.

    Haarsträubende Wirkung

    Aigner hält das für einen Missbrauch wissenschaftlicher Fachausdrücke: "Feinstoffliche Ebene ist bloß ein esoterischer Begriff, der geheimnisvoll klingen soll und der nie wirklich erklärt wird. Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass es so etwas gibt. Dass in der Quantenphysik der Begriff 'Information' eine Rolle spielt, stimmt - allerdings als reale, mathematisch berechenbare Eigenschaft materieller Dinge, nicht als mystische Zusatz-Dimension unserer Wirklichkeit."

    Hat man schließlich den scheinbar belasteten Schlafplatz ausgependelt, lässt sich laut Ehlers mit dem feinstofflich aktiven Betttuch gegenwirken. Mit Hilfe des "balkengleichen Kreuz"-Symbols auf der Bettwäsche könnten beispielsweise die biologisch unverträglichen Informationen aus der Strahlung von Störzonen wie Wasseradern ausgeschaltet werden.

    Auch bei gestressten, also "energiearmen" Menschen verspricht das Betttuch Hilfe, indem es den Energiefluss im Körper wieder ins Gleichgewicht bringt. "Genauso gut kann man Bettwäsche mit Blumenmustern bedrucken und hoffen, dass sie dadurch besser riecht. Die Vorstellung, dass ein aufgemaltes Symbol diese Wirkung erreicht, ist aus wissenschaftlicher Sicht völlig haarsträubend", sagt Aigner.

    Wenn jemand die aktive Bettwäsche für hübsch befinde und sich mit ihr wohler fühle, könne er diese jedoch bedenkenlos verwenden, meint der Physiker, gefährlich sei sie sicher nicht. Dass aber hier mit Quantenphysik und elektromagnetischen Schwingungen argumentiert wird, ärgert den Experten.

    Wenn sich Anwender mit der bedruckten Wäsche plötzlich frischer und energiegeladener fühlen, sei das alles andere als erstaunlich - aber in keiner Weise aussagekräftig. "Wenn ich für etwas bezahle, dann erwarte ich auch, dass es wirkt - und rede mir das auch selbst ein. Mit einem wissenschaftlichen Nachweis hat das nichts zu tun. Man könnte zum Beispiel die Symbole unsichtbar im Inneren der Bettwäsche anbringen und dann bei einer größeren Zahl von Versuchspersonen testen, wer sich nach einer gewissen Zeit besser fühlt. Das wäre ein ernst zu nehmender Test." (Elisa Weingartner, derStandard.at, 17.5.2013)

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      Die spezielle Bettwäsche verspricht nur nach vorausgehender Aktivierung Wirkung zu tun.

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