Von der Präsenz der Absenz

    7. Mai 2013, 21:39
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    Menschen jüdischer Herkunft und Abstammung haben zur Hochblüte des Fin de Siècle geführt und es maßgeblich mitgeprägt

    Unter den Folgen der Vertreibung und Vernichtung eines großen Teils der Intelligenzija Österreichs - aufgrund des Holocaust und der systematischen Verbrechen des Nazi-Regimes - leidet das Land bis heute. Waren es doch grosso modo Menschen jüdischer Herkunft und Abstammung, die zur Hochblüte des ruhmreichen Fin de Siècle geführt und es maßgeblich geprägt hatten. Sowohl in wissenschaftlichen Bereichen wie Medizin, Psychologie, Philosophie, Politikwissenschaften als auch in kreativen Sparten wie Musik, Literatur, Theater, Malerei und Journalismus gehörten Talente jüdischer Provenienz zu herausragenden Talenten und Persönlichkeiten. Aus Österreich kommend prägten sie, ihr Werk und ihre Wirkung die Welt über Jahrzehnte.

    Barbara Staudinger geht in Salon Austria der Frage nach, wer die großen Begabten, die Hauptakteure der österreichischen Kultur- und Geistesgeschichte waren, wie es zu der besonderen Entwicklung kam.

    Die 1973 in Wien Geborene studierte Geschichte, Theaterwissenschaft und Judaistik, ist Mitarbeiterin am Institut für Jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten, seit 2002 Lektorin an der Universität Wien und nebenbei als Kuratorin für das Jüdische Museum München und das Österreichische Museum für Volkskunde tätig. In zahlreichen Porträts und Analysen taucht sie ein in Vitae und OEuvres, Entdeckungen und Sternstunden. Sie spannt den Bogen dabei von den Anfängen jüdischen Lebens, von christlich-jüdischer Koexistenz, den Wurzeln der Differenzen mit diversen Kongregationen anderer Religionen über Diaspora und Shoah bis ins Hier und Jetzt; von Aaron Wolf Herrlingen, Münzmeister Schlom, Benhard von Eskeles über Freud, Adler, Mahler, Schönberg, Roth bis zu Berta Zuckerkandl, Käthe Leichter, Karl Popper et alii.

    Warum das Adjektiv "jüdisch" von Relevanz ist, hinterfragt die Judaistik-Expertin ebenso, wie sie die Frage nach der Ausnahmestellung der Wissenschaftsgeschichte mit der Geschichte per se junktimiert. Ausnahme der Regel ist dabei ihre Position zur Integration jüdischer Geschichte im Gegensatz zur üblichen separatistischen Betrachtungsweise. Mittels des Wissens um Minderheiten als Pars pro Toto - "Die ' österreichische Kultur' kann erst dann adäquat beschrieben werden, wenn die Protagonisten und Protagonistinnen des Transfers bekannt sind" - will Staudinger einerseits Persönlichkeiten als solche und in ihrem Kontext vorstellen und andererseits mit ihrem historisch-kulturwissenschaftlichen Ansatz dazu beitragen, "Kultur nicht als statische Entität zu sehen", sondern "als dynamischen Prozess". (Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 08.05.2013)

    • Barbara Staudinger: "Salon Austria. Die großen Köpfe österreichisch-jüdischer Kultur". € 19,90 / 208 S., Metro-Verlag, Wien 2013. Präsentation: Thalia W3, 1030 Wien, Landstraßer Hauptstr. 2, 14. Mai, 19 Uhr.
      foto: metro-verlag

      Barbara Staudinger: "Salon Austria. Die großen Köpfe österreichisch-jüdischer Kultur". € 19,90 / 208 S., Metro-Verlag, Wien 2013. Präsentation: Thalia W3, 1030 Wien, Landstraßer Hauptstr. 2, 14. Mai, 19 Uhr.

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