Alles sehr befangen

7. Mai 2013, 20:42
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Ein mediales Resümee über den ersten Verhandlungstag

Man stelle sich kurz vor, in Deutschland wäre - wie in den USA - TV-Berichterstattung direkt aus dem Gerichtssaal erlaubt. Da gäbe es für einige Sender kein Halten mehr. So aber mussten sich Kameraleute zu Beginn des NSU-Prozesses in München mit Auftaktbildern begnügen und dann wieder aus dem Saal verschwinden.

Beate Zschäpe tat niemandem den Gefallen, sich wild zu gebärden, sondern stand einfach mit verschränkten Armen da. Das ist natürlich optisch unergiebig, wenn am Abend eine Nachrichten- und Sondersendung nach der anderen gefüllt werden muss und der erste Tag auch sonst recht zäh verläuft.

Doch die Schuldigen waren alsbald gefunden: Zschäpes Verteidiger. "Sie werfen dem Richter Befangenheit" vor, verkündete das ZDF. "So ein Befangenheitsantrag ist üblich", hieß es in der ARD. Auch der ORF sprach von "mehreren Befangenheitsanträgen", bei RTL nannte man dieses prozessuale Instrument - um niemanden zu überfordern - der Einfachheit halber gleich "Hickhack".

Erst in den ARD-"Tagesthemen" um 22.25 Uhr erbarmte sich Rechtsexperte Frank Bräutigam und erklärte endlich, worum es eigentlich geht - dass nämlich Zschäpes Anwälte es ungerecht finden, dass sie beim Betreten des Gerichts durchsucht werden, die Bundesanwälte (als Ankläger) aber nicht.

Schon lästig, so eine Strafprozessordnung, die alles aufhält. Aber sie gehört eben auch dazu in einem Rechtsstaat, genauso wie der Respekt vor den Opfern. Den wiederum haben die TV-Sender allesamt aufgebracht. Nicht einer, der nur auf Zschäpe reflektierte, überall kamen auch die Familien der Opfer zu Wort - unaufgeregt, aber gerade deswegen umso eindrucksvoller. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 8.5.2013)

  • Im Gerichtssaal.
    foto: epa

    Im Gerichtssaal.

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