Deutschland tilgt NS-Größen

7. Mai 2013, 19:00
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Historiker warnt vor Straßenbenennung nach Personen

Die Umbenennung von Straßen ist auch in Deutschland immer wieder Thema - wenngleich das Gröbste längst geschafft ist. "Natürlich gibt es nirgendwo mehr eine Hitler-Straße oder einen Göring-Platz. Diese Namen wurden bereits 1945 ausgelöscht", sagt Rainer Pöppinghege zum STANDARD.

Der Historiker von der Universität Paderborn hat gerade in Wien an einer vom Institut für Zeitgeschichte organisierten zweitätigen Konferenz über Straßennamen teilgenommen. In Deutschland sei in den vergangenen Jahren die "zweite Reihe der NS-Zeit" ins Blickfeld gerückt, sagt Pöppinghege, "die Gesinnung vieler Juristen, Dichter, Funktionäre oder Ärzte ist erst in den Achtzigerjahren erforscht worden".

NS-Funktionäre präsent

Und dann gab es vielerorts Handlungsbedarf. In einigen deutschen Städten fanden sich etwa Carl-Diem-Straßen, benannt nach dem NS-Sportfunktionär. In Mülheim an der Ruhr, Aachen, Pulheim und Münster wurden sie ab 1996 umbenannt. In Mönchengladbach aber gibt es sie noch.

Apropos Münster: Die westfälische Universitätsstadt hat gerade erst eine vielbeachtete und heißdiskutierte Umbenennung hinter sich. In einer Volksabstimmung stimmte die Mehrheit der Bürger dafür, den zentralen Platz der Stadt nach 85 Jahren in Schlossplatz umzubenennen. Zuvor hatte er Hindenburgplatz geheißen, zur Erinnerung an den deutschen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.

Dieser war ein Gegner der Weimarer Republik gewesen und hatte Hitler 1933 zum Reichskanzler gemacht. "Deshalb verdient Hindenburg nicht mehr die Ehre eines Straßennamens", begründete Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) die Namensänderung.

Eine Frage der Ehre

Pöppinghege findet die Aktivitäten richtig: "Eine Straße nach jemandem zu benennen ist eine Ehre für die betroffene Person. Jede Generation hat aber die Pflicht zu überprüfen, ob diese Ehrung noch zeitgemäß ist." Anträge auf Änderungen - sofern es die NS-Zeit betrifft - kommen in Deutschland meist von Grünen, der SPD und der Gewerkschaft.

Der Historiker empfiehlt, bei der Umbenennung nicht wieder auf eine Person zu setzen. Denn: "Menschen haben nicht nur positive Seiten, Negatives zeigt sich aber oft erst später." Nachsatz: "Oder möchten Sie jetzt über einen Uli-Hoeneß-Platz gehen?" (Birgit Baumann, DER STANDARD, 8.5.2013)

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