Chris Bangle: "1968 starb die Zukunft des Autos"

Interview9. Mai 2013, 17:04
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Der Amerikaner war 17 Jahre lang BMW-Designchef. Ein Interview über emotionales Design und Nasenbohren an der Kreuzung

Das Wiener Hotel Intercontinental an einem warmen Frühlingstag. Chris Bangle taucht bestens gelaunt in Anzug und Turnschuhen auf. Er hat Hunger und möchte das Gespräch gern in der Lobby führen. Davor bestellt er sich eine Gulaschsuppe und Cola mit Eis. "Ich mag Cola nicht, aber ich brauche das Koffein." Vor dem Hotel stehen die Autos im Stau.

STANDARD: Wenn Sie zum Fenster hinausschauen, was denken Sie, wenn Sie all die Autos sehen?

Bangle: Schade, denke ich. Es gäbe so viel Potenzial und so viel zu tun. Als ich in dem Job groß wurde, dachten wir bei Design an den Kunden und an Kultur, nicht an Sklaven im Dienste der Marken. Es ist heute schwieriger denn je, als Designer gegen den Strom zu schwimmen. Selbst quer zum Strom voranzukommen ist sehr schwer.

STANDARD: Zurück zum Stau, zu den Autos ... welches Auto gefällt Ihnen?

Bangle: Vieles, das man auf der Straße sieht, dient rein dem Zweck. Man vergisst diese Dinger sofort nach dem Aussteigen. Es gibt aber natürlich Autos, die noch echte Bedeutung für die Menschen haben.

STANDARD: Zum Beispiel?

Bangle: Da gilt für jeden etwas anderes. Was mich langweilt, kann für den anderen aufregend sein. Nehmen wir die Premium-Marken her. Wenn man so viel Geld für ein Auto ausgibt, dann will man auch eine emotionale Beziehung aufbauen können. Nur über das Fahrverhalten funktioniert das nicht. Das Auto wird zu einem Avatar für seinen Besitzer. Er liebt es. Man kann aber auch ein günstiges Auto lieben.

STANDARD: Welches Auto lieben Sie?

Bangle: Das letzte Auto, zu dem ich eine emotionale Beziehung hatte, war der BMW X6. Aber nehmen wir meine Frau, die fährt einen SUV, einen X3. Die ist total verliebt in das Auto. Ich darf nicht mal ran an das Ding, ohne dass sie sich Sorgen darum macht. Die hat echt diese Beziehung zum Auto.

STANDARD: Fahren Sie denn so wild, dass sich Ihre Frau Sorgen um das Auto macht?

Bangle: Was für eine Frage! Also, falls das ein Polizist liest: Ich fahre hundertprozentig korrekt, halte mich an jede Regel. Ich werde doch hier nichts anderes sagen.

STANDARD: Was denken Sie über SUV-Fahrer?

Bangle: Sie meinen Leute wie meine Frau?

STANDARD: Genau.

Bangle: Ist das noch ein Thema?

STANDARD: Klar. Die Stadt ist voll davon. Kaum einer hat je einen Meter auf einer Wiese, im Schlamm oder sonst wo im Gelände zurückgelegt. Ist so ein Auto sinnvoll?

Bangle: Hinter den SUVs steckt ein Phänomen. Es gibt da einen Spruch, der lautet so: Niemand fährt, was seine Mutter fährt. Also, wenn deine Mutter einen Kombi fährt, fährst du einen Mini-Van, wenn deine Mutter einen Mini-Van fährt, fährst du einen SUV. Und jetzt kommt eine Generation, die vielleicht gar nicht mehr fährt. Also, wie geht's weiter? Aber ernsthaft, ich denke, wenn man es mit dem SUV nicht übertreibt, ist das schon okay.

STANDARD: Sie sagten in einem Interview, der Alfa Romeo Mito sähe aus wie ein Eichhörnchen, dem man in die Eier getreten hätte. Das klingt auch nach einer emotionalen Beziehung, halt nach einer negativen.

Bangle: Wissen Sie einen besseren Vergleich? Dann nennen Sie ihn.

STANDARD: Ich will lediglich rausfinden, was denn gutes, neues Autodesign für Sie ist?

Bangle: Okay, ich war auf dem Genfer Autosalon. Mir gefällt sehr, was bei Ferrari vor sich geht. Die machen einen guten Job, der Rolls-Royce Wraith hat mir sehr gut gefallen und auch das Concept Car von Hyundai, das in Los Angeles gezeigt wurde.

STANDARD: Der Porsche 911 feiert heuer seinen 50. Geburtstag und ist eine ganz besondere Ikone des Automobildesigns. Ist es heute überhaupt noch möglich, solch eine Ikone zu schaffen.

Bangle: Ja klar ist das möglich. Ikonen haben viel mit Erkennbarkeit zu tun, aber in der Automobilbranche braucht es mehr, als nur erkennbar oder bekannt zu sein. Eine Ikone treibt ein Unternehmen an. Und nicht jeder, der es haben will, kauft es auch. Einer Ikone gelingt es, ein Problem zu lösen, und alle anderen folgen diesem Weg. Der 911er hat ein besonderes Problem gelöst. Er bietet ein ganz eigenes Package. Er ist nicht zu groß, nicht zu großspurig, extrem auf Fahrverhalten getrimmt. Und der Kunde ist über die Jahrzehnte mitgewachsen. Einfach war das für Porsche auch nicht. Denken Sie an den 924er oder 928er.

STANDARD: Das schönste Auto aller Zeiten?

Bangle: Unmöglich, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Okay, ich bin ein Fan der französischen Autos der 1930er-Jahre. In der Welt des Automobildesigns liebe ich die Frauen, also das Weibliche.

STANDARD: Sie waren 17 Jahre Designchef bei BMW. 2009 kam es zu einem Ende der Zusammenarbeit. Warum?

Bangle: Ich hab diesen Job mit 35 angefangen. Meine Frau und ich haben gesagt: Mit 50 ist Schluss damit. Das waren zwei Generationen Autos. Es war gut so. Wir hatten eine starke Zeit, eine Zeit des Wandels für BMW. Man muss wissen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Party zu verlassen. Viele wissen nicht, wann es Zeit ist, die Jungen ranzulassen.

STANDARD: An einem neuen Automodell hängen für ein Unternehmen Unsummen an Geld. Wird das Management immer mehr zum Mitdesigner?

Bangle: Fragen wir uns lieber, was Design ist. Design muss am Ende des Tages eine Bedeutung haben. Die reine Funktionssache und Probleme zu lösen ist Job der Konstrukteure. Bei dieser Bedeutung kommt auch das Unternehmen ins Spiel. Wenn eine Firma mutig und stark ist, dann sieht man das auch beim Design.

STANDARD: Wie schaut es mit diesem Mut in der Automobilbranche aus. Ist die Angst gewachsen?

Bangle: Ja, würde ich schon sagen.

STANDARD: Und deshalb schauen sich die Autos immer ähnlicher?

Bangle: Ja klar. Alle benützen die gleiche Technologie. Vieles läuft gleich ab.

STANDARD: Und wie könnte sich das ändern?

Bangle: Dazu ist ein grundsätzlicher Wandel betreffs des Verständnisses von der Bedeutung eines Autos nötig. Das Zweite wäre ein Wandel der Technik. Nur wenn sich diese Dinge ändern, kann es zu einer großen Veränderung im Automobildesign kommen. Vor 100 Jahren ging es um eine Alternative zum Pferd, dann ging es um Technik - die Dinger waren ja wie Häuser aus Holz gebaut und haben wirklich alle gleich ausgeschaut. Dann ging es um die Revolution der Form und um ein Symbol für die Zukunft. Wenn der Nachbar jedes Jahr ein neues Auto kaufte, dann drückte er damit etwas aus. Er kaufte sich ein Stück Zukunft. 1960 glaubten manche, dass Autos zehn Jahre später fliegen würden. Dabei ist 1968 die Zukunft gestorben.

STANDARD: Was heißt "die Zukunft gestorben"? Für viele ist das Jahr 1968 das Symbol für Aufbruch.

Bangle: Es kam die Zeit eines Wertewandels. Es ging nicht mehr um eine neue Zukunft. Plötzlich ging es um Realität, um Sicherheit, nicht mehr um eine fahrende Skulptur, man dachte über die Erhaltung von Wert nach, nicht mehr nur über Moden. Es wurde wichtig, dass die Kinder im Auto sicher waren. Und in der Fertigung wurde alles vollautomatisch. Zuvor wurde alles von Hand geschweißt. Vor allem die Europäer waren mit dieser rationalen Ästhetik weit voraus. Nehmen wir die Autos der Amerikaner in den 1970er-Jahren her. Die schauen echt strange aus, und ich denke, das hat mit dieser verlorenen Zukunft zu tun.

STANDARD: Und wie sieht es heute mit der Zukunft aus?

Bangle: Auf der einen Seite gibt es die Kunden aus China, Indien usw., die sich zum ersten Mal ein wirkliches Auto leisten. Bei uns und in den USA gab es noch nie so viele junge Leute, die überhaupt keine Lust auf ein Auto haben. Wenn du denen ein Auto schenkst, nehmen sie es, aber sie haben keine Ambitionen, sich eins zu kaufen. Es ist auch kein vorrangiges Ziel mehr, mit 18 den Führerschein zu machen.

STANDARD: Also das Ende des Autos als Statussymbol?

Bangle: Für viele Junge schon. Sie wollen ihre iPhones und iPads usw.

STANDARD: Wie schaut es nun also aus, das Auto der Zukunft?

Bangle:Nun, Europa hat noch seine starken Brands. Aber lassen Sie uns zum Beispiel über Car-Sharing sprechen. Niemand weiß, wie das wirklich gut funktionieren soll. Was machst du zum Beispiel mit dem Zeug in deinem Kofferraum? Das Kofferraumschloss ist übrigens ein sündteures Detail an einem Auto. Und selbst wenn das Car-Sharing boomt, kann das keine Industrie am Leben erhalten.

DER STANDARD: Wird das Auto in 50 Jahren fliegen können?

Bangle: Ich glaube nicht. Wir werden Autos anders verstehen bzw. uns gewisser Dinge bewusster werden. Autos sind Mobilität, sind aber auch ein Umfeld, ein Raum. Aber das ist ein Aufzug auch. Die Frage lautet: Was ist der Wert dieses Objekts? Wie gesagt, das Auto ist ein Avatar, es ist etwas für dich selbst. Warum glauben die Leute, es sieht sie keiner, wenn sie an der Kreuzung in der Nase bohren?

STANDARD: Ist das so?

Bangle: Aber ja. Und es liegt daran, dass die Menschen glauben, dass nur das Auto wahrgenommen wird. Man sieht nicht mich, sondern nur das Auto, und das ist mein Raum. Meine Vision ist: Wir nehmen die drei Komponenten Mobilität, Raum und Wert auseinander, das heißt, wir machen Räder mit Elektrobatterien und Stromanschluss an jedem Parkplatz, wir entwickeln ein System, das das Auto sich selbst navigieren lässt, und die Kabine selbst könnte etwas extrem Einfaches sein, aber mit sehr persönlichem Touch, der Avatar bleibt also erhalten.

STANDARD: Und Ihre eigene Zukunft? Woran arbeiten Sie gerade?

Bangle: Im Moment haben wir keinen Kunden aus der Autobranche. Wir sind im Studio gerade mit Lösungen für die Unterhaltungselektronik beschäftigt, dann haben wir eine neue Flasche für VSOP Hennessy Cognac gemacht, was eine ziemlich komplizierte Sache war. Man würde das nicht vermuten. Und außerdem arbeiten wir an einer Interieur-Sache für ein Pflegeheim in Japan, vielleicht eines der komplexesten Projekte, an denen ich je gearbeitet habe.

STANDARD: Julian Hönig, ein österreichischer Designer, der sehr erfolgreich für Audi gearbeitet hat, wurde bei Apple unter Vertrag genommen. Glauben Sie, das iCar kommt irgendwann?

Bangle: Möglich wäre es. Klar. Wenn so viel Geld da ist, warum nicht? Ich frage mich immer nach dem Warum, nach der Beziehung zu Autos. Wenn Apple ein Auto baut, dann hoffe ich, dass die wissen, dass ein Auto kein Smartphone ist. Es gibt bestimmt Gemeinsamkeiten, aber die Sache braucht echt Herz.

STANDARD: Ein Smartphone hat kein Herz?

Bangle: Für mich ist es schwer zu finden.

STANDARD: Apropos Herz: Haben Sie eine ganz besondere Autofahrt in Erinnerung?

Bangle: Ja, das war die Mille Miglia mit Prinz Leopold von Bayern in einem BMW 328 Touring Roadster.

STANDARD: Was mögen Sie als Beifahrer gar nicht?

Bangle: Ich komme aus dem Fahrtraining von BMW, da gibt es fixe Regeln bezüglich Fahrsicherheit und Fahrtechnik, an die ich mich halte. Die versuche ich gerade meinem Sohn einzuimpfen. Also ich mag, wenn man sich wohlfühlen kann, egal ob am Lenkrad oder daneben.

STANDARD: Wie ist das mit der viel zitierten Freiheit beim Autofahren?

Bangle: Ja ja, man sagt immer, mit dem Auto hab ich die Freiheit hinzukommen, wo ich will. Aber das kann ich auch zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Zug, dem Bus oder mit dem Flieger. Nur bin ich bei diesen Arten verpflichtet, den Takt der anderen einzuhalten. Kein Mensch geht wahnsinnig viel schneller als ein anderer. Das gilt auch fürs Fahrrad oder für ein Pferd. Wenn ich ein Erste-Klasse-Ticket für einen Flug kaufe, bin ich vielleicht fünf Minuten schneller in der Gepäckhalle etc. Das Auto eröffnet mir die Möglichkeit, selbst den Rhythmus zu wählen, und das in einer Welt, in der immer mehr gleichgeschaltet ist. Es wäre doch ein großer Verlust, wenn es diese Möglichkeit nicht mehr gäbe, oder?

STANDARD: Wann haben Sie Ihren letzten Strafzettel bekommen?

Bangle: Jetzt fängt der schon wieder mit diesem Strafzettel-Zeugs an. Sie fangen damit an und hören damit auf. Ich denke, es ist Zeit zu gehen. Nein, ich mach nur Spaß. Vielleicht steckt er schon in meinem Briefkasten. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 10.5.2013)

Chris Bangle wurde 1956 in Ravenna, Ohio, geboren. Er absolvierte das Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien. 1981 startete er bei Opel und kam 1985 zu Fiat. 1992 wurde er als erster Amerikaner Designchef bei BMW. Unter ihm entstanden zahlreiche Designs für BMW, den Mini Cooper und auch Rolls-Royce. 2009 stieg er bei BMW aus und zog nach Clavesana bei Turin, wo er mit seiner Frau Catherine eine Designagentur betreibt.

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Chrisbangleassociates.com

  • Chris Bangle: "Das letzte Auto, zu dem ich eine emotionale Beziehung hatte, war der BMW X6.
    foto: www.corn.at

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  • "Wenn Apple ein Auto baut, dann hoffe ich, dass die wissen, dass ein Auto kein Smartphone ist."
    foto: www.corn.at

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    foto: bmw

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