Brendan Mullan: "Frauen sind unkomplizierter"

    9. Mai 2013, 17:29
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    Ein Anzug von Brioni ist der Rolls-Royce der Männermode - Zur Eröffnung der ersten Boutique in Österreich sprach Bianca Lang mit dem Designer der Marke

    Standard: Sie sind Engländer, arbeiten jetzt aber für eine italienische Traditionsmarke. Erklären Sie uns die Unterschiede zwischen britischen und italienischen Schnitten?

    Brendan Mullane: Britische Anzüge sind sehr klassisch, generell schwerer, konstruierter, stark in der Brust, kraftvoll an den Schultern. Eine Brioni-Schulter passt sich dem Körper besser an. Wir schaffen einen eleganten Look, ohne schwer zu sein. Wie, bleibt unser Geheimnis. Aber es ist schon lustig, wenn ich einen flamboyanten Stoff aussuche, dann sagen immer alle, das sei englisch. Als Engländer empfinde ich das aber als italienisch. Die Welten verschwimmen, die Italiener verwenden mittlerweile auch gern mal Streifen, und die Engländer lassen sich von den Italienern beeinflussen, werden lockerer und halten sich nicht so streng an die Regeln.

    Standard: Derzeit erscheint die Herrenmode sehr formell. Wie modern darf ein Anzug sein?

    Mullane: Ich persönlich bin ein großer Fan des Doppelreihers. Generell würde ich von einer Rückkehr zur Schneiderkunst sprechen. Aber die Codes und Regeln, die bisher galten, brechen auf. Man kann statt eines Jacketts auch ein Blouson oder eine Weste zur Anzughose tragen, es muss nicht immer Hemd und Krawatte sein. Ob ein Look zeitgemäß ist, ist eine Frage der Kombination.

    "Männer sind nicht bereit, in dem Maß für ihre Schönheit zu leiden wie Frauen"

    Standard: Haben sich die Männer, seit Sie Herrenmode entwerfen, verändert?

    Mullane: Ja, mittlerweile haben sie Spaß daran, sich von Kopf bis Fuß anzukleiden und mit Accessoires zu schmücken. Sie tragen Manschettenknöpfe, Handschuhe, gute Socken, Schuhe und Taschen. Sie haben endlich begriffen, dass Mode sie attraktiv macht. Sie probieren neue Materialien aus und gehen Risiken ein, mischen Innovatives mit Klassischem. Aber als Kunden sind sie auch eine große Herausforderung.

    Standard: Inwiefern?

    Mullane: Die Männermode erscheint einfacher, aber dafür muss man auf den Punkt arbeiten. Es geht um klitzekleine Proportionen. Männer sind nicht bereit, in dem Maß für ihre Schönheit zu leiden wie Frauen. Sie wollen keine Schmerzen ertragen, sondern gut aussehen und sich wohlfühlen, wollen verwöhnt werden. Dabei geht es ihnen vor allem um das Handwerk, das in einem Kleidungsstück steckt. Sie erwarten ein hohes Qualitätslevel - und wenn sie enttäuscht werden, kommen sie nie wieder. Frauen tauschen um. Die sind viel unkomplizierter.

    Standard: Brioni wurde vergangenes Jahr vom Luxuskonglomerat PPR übernommen. Die Damenlinie wurde eingestellt. Als neuer Kreativdirektor sollen Sie frischen Wind in die Klassiker der Marke bringen. Wie geht das?

    Mullane: Man hat mich geholt, um Brioni so dynamisch zu machen, wie die Marke in den 1950er-Jahren einmal war. Nirgendwo sonst hat man damals so viel mit Farben und Materialien experimentiert. Im Archiv fand ich sogar Stücke mit türkisfarbenem Fell. Aber wir sind kein Modelabel, sondern stehen für Schneiderkunst.

    Standard: Wie verändert man denn die Form eines Anzugs?

    Mullane: Das ist wie ein architektonischer Vorgang, wochenlange Arbeit. Ich habe die Zeichnungen für die Schneider am Körper gefertigt, also dreidimensional. Dabei habe ich mit den Proportionen gespielt, die Silhouette verschlankt, indem ich die Schulter gekürzt habe, den Armansatz und die Taille angehoben, die Hosen schmaler gemacht. Wir reden hier von Millimetern, fünf Millimeter an der Schulter, drei an der Taille, der Punkt zwischen Kragen und Revers ist acht Millimeter und so weiter. So verändert man den Blick auf den Körper. Er erscheint länger, schmaler und strukturierter, gewährt aber vollen Komfort und Bewegungsfreiheit. Der Anzug ist für Männer das, was für Frauen Unterwäsche ist. Eine zweite Haut, in der sie sich wohlfühlen, selbstbewusst - und in dem Fall männlich.

    Standard: Das klingt, als könnten Ihre Anzüge persönliche Schwachstellen ausgleichen?

    Mullane: Ein guter Anzug tut genau das, er ist wie eine Schutzschicht. Er kann Problemzonen ausgleichen. Ein Schneider gleicht zum Beispiel eine tiefer liegende Schulter aus. Da steckt so viel Handwerk und Exklusivität in jedem Stück, das fühlt und sieht man. Wir verwenden federleichte Stoffe und ganz elitäre wie Vikunja und Seide. Das Ergebnis: Ich kann den ganzen Tag in einem Brioni-Anzug sitzen, und am Abend sieht man immer noch tipptopp aus.

    Standard: Das kann man in einem Anzug von Zegna oder Canali aber auch, oder?

    Mullane: Wir sind vielleicht nicht besser als andere, aber anders. In jedem Ready-to-wear-Anzug von Brioni stecken knapp 300 verschiedene Arbeitsschritte und 5000 bis 7000 Handstiche, 80 Prozent davon sieht man nicht. Aber man spürt sie. Jedes Jackett wird mindestens 75-mal von speziell entwickelten Maschinen gepresst. Die Schulter allein entsteht bei uns an zwölf verschiedenen Orten. Wir formen die Ärmel vor, bevor sie genäht werden. All das macht uns individueller.

    Standard: Haben Sie sich eigentlich nie für Frauenmode interessiert?

    Mullane: Die Frauenmode ist elaborierter, aber mich haben die Beschränkungen bei den Herren immer mehr gereizt. Mir macht es Spaß, sie zu verschieben. Gerade weil es nur um Millimeter geht. Ein Anzug bleibt ein Anzug. (Bianca Lang, Rondo, DER STANDARD, 10.05.2013)

    Brendan Mullane (37) präsentierte im Jänner in Mailand seine erste Kollektion für Brioni. Links eines seiner Modelle. Vorher hat der Brite Männermode für Häuser wie Givenchy, Hermès und Louis Vuitton entworfen. Die erste Brioni-Boutique in Österreich hat vor kurzem im Goldenen Quartier in Wien, in der Seitzergasse 2-4, ihre Pforten geöffnet.

    www.brioni.com

    • Brendan Mullane (37) präsentierte im Jänner in Mailand seine erste Kollektion für Brioni. Links eines seiner Modelle.
      foto: brioni

      Brendan Mullane (37) präsentierte im Jänner in Mailand seine erste Kollektion für Brioni. Links eines seiner Modelle.

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      foto: brioni
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