Die haben gut lachen

9. Mai 2013, 17:00
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Im Reich der schlanken Körper und glitzernden Roben herrscht Lachverbot: Die Models auf den Laufstegen lassen die Mundwinkel hängen

Es war vor etwa eineinhalb Jahren, als sich in den kühlen Mauern in der Via Bergognone in Mailand eine beinahe heitere Stimmung breitmachte. Hier, in einem der Epizentren der italienischen Mode, regiert normalerweise die Nüchternheit. Die Hallen aus Sichtbeton, die Linien schnörkellos, das Licht gedimmt. Doch an diesem Tag beschritten die Models den aseptisch glitzernden Laufsteg mit einem breiten Lächeln.

Der Meister der Grauschattierungen, der italienische Modekönig Giorgio Armani, hatte seine Mannequins angewiesen, seine Mode ausnahmsweise einmal nicht mit herunterhängenden Mundwinkeln zu präsentieren. Das passiert in der Mode so gut wie nie. Im Reich der schlanken Körper und glitzernden Roben herrscht Lachverbot.

Die Models auf den Laufstegen in Mailand, Paris und London: gelangweilt dreinblickende Grantscherben. Die Schönheiten in den Werbungen für hochpreisige Taschen, funkelnde Juwelen und paillettenbesetzte Kleider: als würden sie durch einen hindurchschauen. Die dünnen Mädchen in den Modestrecken der Hochglanzmagazine: schmollende Grazien. Freude an den Preziosen scheint kaum eine von ihnen zu haben.

Je teurer, umso griesgrämiger

Ja: Je teurer die Produkte sind, die sie am Leib, um den Hals oder an ihren Armgelenken tragen, um so griesgrämiger blicken sie. Nur wenn sie für etwas posieren, das sich wirklich jeder leisten kann, darf hin und wieder ein Schmunzeln über die Gesichter der Mannequins huschen.

Der Luxus und das Lachen schließen sich offensichtlich aus. Als gälte bis heute, was der griechische Philosoph Platon vor rund 2500 Jahren in seiner Politeia schrieb: Das Lachen vertrage sich mit der Würde der Menschen nicht. Kaum eine Gestalt in der antiken Kunst, die lachend gezeigt wird. Mit offenem Mund und sichtbaren Zähnen wurden nur die halbtierischen Wesen aus der griechisch-römischen Mythologie - Giganten, Kentauren, Satyrn und Faune - dargestellt.

Auch die mittelalterliche Kunst spiegelt die damals geltenden Verhaltensmuster wider: Lautes Lachen und ein weit geöffneter Mund gehörten sich bei den oberen sozialen Ständen nicht. Nur Bettler, Narren, Betrunkene und verrückte Alte benähmen sich derart ungehörig. Das Lachen ist mit der Sphäre des Tierischen und Vulgären verbunden, es ist ein Ausdruck des schnöden Körpers und nicht der edlen Seele.

Umberto Eco widmete dem Kampf des Christentums gegen die Lachkultur einen ganzen Roman: Im zweiten Buch seiner Poetik, vermutet man, habe sich Aristoteles positiv zur Funktion des Lachens geäußert. Doch ein Bekanntwerden des "Buchs der Komödie" muss in Ecos "Der Name der Rose" mit allen Mitteln verhindert werden.

"Schönster Tag im Leben"

Erst Ende des 19. Jahrhundert änderte sich die Einstellung zum Lachen. Ein nicht unwesentlicher Grund war, dass die Zahnmedizin große Fortschritte machte und man nun auch gerne seine gesunden Zähne zeigte. Doch auch im 20. Jahrhundert dauerte es, bis ein lachendes Gesicht auf öffentlichen Bildern akzeptiert war. Auf den Hochzeitsfotos der Großeltern erblickt man noch heute durchwegs ernste, unbewegte Gesichter - und das an jenem Tag, der gemeinhin als der "schönste im Leben" gilt.

Heute gibt es kaum eine menschliche Regung, die positiver besetzt ist. Nur in der Mode, da fristen heitere Gesichter ein Nischendasein. Das war freilich nicht immer so. Studiert man historische Aufnahmen von Modeschauen oder Werbungen aus der Nachkriegszeit, dann ist man mit heiter dreinblickenden Menschen konfrontiert, die sich offensichtlich darüber freuen, schöne Dinge vorzuführen.

Cool

The Mechanical Smile nennt die englische Modehistorikerin Caroline Evans ihr Buch über die ersten Modeschauen in Frankreich und Amerika, das dieser Tage erscheint. Heute hat sich die mechanische Regungslosigkeit der Models auf ihren gesamten Körper ausgebreitet. Seitdem eine Ästhetik der glatten, kühlen Oberflächen die heimeligen Vorstellungen warmer Innenwelten ersetzt hat, hat sich in der Mode eine große zur Schau getragene Ernsthaftigkeit breitgemacht.

Ulf Poschardt hat dies als "Ästhetik des 'Cool'" beschrieben. Ebenjene Ästhetik, schreibt er in seinem 1999 erschienenen Buch Cool, "macht die Kälte der Entfremdung stilisierbar und gibt Methoden in die Hand, die Pracht einer Welt, die zum 'Eispalast' (Jean Paul) geworden ist, zu genießen." Das klingt auf den ersten Blick wie ein Paradoxon, der Kälte versucht man nicht durch Wärme beizukommen, sondern durch noch mehr Kälte.

Als "meisterhafte Inszenierung eines heißen Herzens" hat Poschardt das "Coole" beschrieben, und auch wenn er in seinem Buch die Mode übergeht, ist es doch genau sie, die diese Strategie verinnerlicht hat. Die Leidenschaft wird kontrolliert und temperiert, bis sie als solche nicht mehr identifizierbar ist.

Während Werbungen im Massenmarkt auf lächelnde Models setzen, leistet sich die Welt der High Fashion den Luxus, so zu tun, als ob sie die sie umgebende Welt nichts angehe. Mit einem Lächeln biedere man sich beim potenziellen Käufer an - das, scheinen die Mode und der Luxus sagen zu wollen, habe man schlichtweg nicht nötig. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 10.05.2013)

  • An der Uni nimmt man es mit dem (ungeschriebenen) Lachverbot in der Mode nicht so genau: Als Maria Ziegelböck die heurigen Abschlusskollektionen der Modeklasse der Wiener Universität für angewandte Kunst fotografierte, setzten die Models ihre fröhlichsten Gesichter auf. Hier ein Entwurf von Designerin Martha Foremniak...
    foto: maria ziegelböck

    An der Uni nimmt man es mit dem (ungeschriebenen) Lachverbot in der Mode nicht so genau: Als Maria Ziegelböck die heurigen Abschlusskollektionen der Modeklasse der Wiener Universität für angewandte Kunst fotografierte, setzten die Models ihre fröhlichsten Gesichter auf. Hier ein Entwurf von Designerin Martha Foremniak...

  • ...und hier von Anna Sophie Berger.
    foto: maria ziegelböck

    ...und hier von Anna Sophie Berger.

  • Wenn am Donnerstag, dem 6. Juni, die große Modeschau der Wiener Angewandten in der Anker-Expedithalle über den Laufsteg geht, wird auch diese Kreation von Taro Ohmae mit dabei sein. Ob das Model lächeln wird, ist aber noch nicht gesagt.
    foto: maria ziegelböck

    Wenn am Donnerstag, dem 6. Juni, die große Modeschau der Wiener Angewandten in der Anker-Expedithalle über den Laufsteg geht, wird auch diese Kreation von Taro Ohmae mit dabei sein. Ob das Model lächeln wird, ist aber noch nicht gesagt.

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