Der Wurmdoktor und seine Sammlung

7. Mai 2013, 18:15
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Johann Gottfried Bremser legte vor 200 Jahren in Wien die damals weltgrößte Sammlung von Würmern an, die sich im Organismus von Mensch und Tier tummeln

Samuel Thomas Soemmerring, Gelehrter aus Frankfurt, Arzt, Erfinder und Freund von Goethe, 1808 zum Ritter geschlagen, entdeckte eines Tages einen Eingeweidewurm in seinem Stuhl. Was tun? Soemmerring verpackte den Parasiten und schickte ihn per Post nach Wien. Denn dort laborierte Johann Gottfried Bremser, Parasitologe, berühmter "Wurmdoktor" und Custos im "k. k. Naturalien-Cabinete", dem späteren Naturhistorischen Museum, wo er die damals weltweit größte Sammlung an Eingeweidewürmern aufbaute. Bremser untersuchte das Exemplar Soemmerrings, ein Fischbandwurm samt Kopf. "Beide waren sie damit ganz glücklich", erzählt Helmut Sattmann.

Sattmann ist in gewisser Weise der Nachfolger Bremsers. Als Abteilungsleiter der Dritten Zoologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums ist er für "wirbellose Tiere exklusive Insekten" zuständig und damit auch für die wissenschaftliche Hinterlassenschaft des Arztes und Gründervaters der Wiener Parasitologie. Bremsers Sammlung ist nach wie vor im Besitz des Museums.

Sattmann und seine Kollegin Verena Stagl resümieren Leben und Werk dieses 1767 geborenen "Herrn der Würmer" in ihrem neu erschienen Buch. Die Wurmparasiten waren in der Zeit Bremsers, als noch keine Bakterien und Viren für Krankheiten verantwortlich gemacht werden konnten, ein viel größeres Thema als heute, erklärt Sattmann. Offene Kanäle, keine Fleischbeschau, enger Kontakt mit Haustieren schufen für sie gute Konditionen. "Man wusste noch nicht, wie der Mensch zu Band- und Spulwurm kommt. Hygiene war in dem Zusammenhang kein Thema", sagt Sattmann.

Die Urzeugung der Parasiten

Die Parasiten würden durch "Urzeugung" entstehen, lautete die Erklärung der damaligen Wissenschaft. Einfache Organismen würden von selbst entstehen, wenn Darmschleim und -säfte längere Zeit nicht ausgeschieden werden. Wo es gärt, könne sich spontan Leben erschaffen - das war auch noch die Ansicht Bremsers, auch wenn das von anderen bereits bezweifelt wurde.

Auch in seinem Standardwerk und Bestseller Lebende Würmer im lebenden Menschen (1819), in dem er die damals bekannten Vertreter referiert, spekuliert er über die Urzeugung. Und über die Frage, warum der - später so benannte - Fischbandwurm kaum Wiener befällt, dafür aber Ukrainer, Russen und Schweizer. Gibt die Nationalität den Ausschlag? Jedenfalls komme es nicht vom reichlichen Genuss vom Fisch, merkte er an. Und irrte sich.

Dass roher Fisch der Überträger ist, blieb ihm und seinen Zeitgenossen verborgen. "Mit den damaligen Mitteln war das schwer zu entschlüsseln", sagt Sattmann. Endgültig aufgeklärt wurde der komplizierte Lebenszyklus des Fischbandwurms, der sich in Organen von Zwischenwirten ansiedelt und durch eine ganze Nahrungskette weitergereicht wird, erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Beim Fischbandwurm sind übrigens Längen von 15 Metern belegt, die verschlungen im nur halb so langen menschlichen Dünndarm Platz gefunden haben.

Bremser selbst verabreichte Patienten ein sogenanntes Wurmöl, seine eigene Mischung. Gemeinsam mit einer Durchfalltherapie sollte es den Parasiten abtreiben. "Es dürfte funktioniert haben, denn auch andere Ärzte haben es verwendet", mutmaßt Sattmann.

Dass es bei den Behandlungen jener Zeit drastisch zuging, mag die Anekdote einer vergleichenden Schaubehandlung im Wiener Anatomischen Theater veranschaulichen: Bei Bremsers Patientin blieb das Wurmöl ohne Wirkung. Bei dem "Salami-Jungen", vielleicht Wurstverkäufer und potenzielles Opfer für Schweine- und Rinderbandwurm, den Bremsers Kollege zum Patienten hatte, setzten Herz und Atem aus. Er wurde wiederbelebt und auf den Leibstuhl gesetzt, wo er einen meterlangen Bandwurm absetzte.

"Eine Behandlung, bei der es vielleicht besser gewesen wäre, er hätte den Wurm behalten", sagt Sattmann. Bremsers Patientin dagegen hatte keinen Wurm. Sie war unbemerkt schwanger und starb wenige Tage später an einem Abortus, wie ein Zeitgenosse vermerkte. "Viele Symptome wurden damals auf Eingeweidewürmer zurückgeführt", sagt Sattmann.

Warnungen vor den Gefahren des Salats

Als Arzt propagierte Bremser, der sich nach dem Studium in Jena in Wien niederließ, die damals aufkommende Kuhpockenimpfung. Im Umgang mit Kollegen gab er sich streitbar, manchmal fast bösartig. Und er verfasste aufklärerische Schriften. Nicht immer lag er damit richtig: Er warnte etwa vor Salat, der seiner Ansicht nach die Entstehung von Würmern begünstigt. Dennoch: Eine ganze Generation von Ärzten war von ihm beeinflusst.

Seine größte Leistung blieb aber die "Eingeweidewurm-Sammlung". Innerhalb von 20 Jahren sezierte er 60.000 Tiere: Frösche aus den Donauauen, Giraffen und Elefanten aus dem Zoo, Tiere, die ihm Jäger brachten, und andere aus Restaurants, wo er sie sparsamerweise wieder retournierte, nachdem er die Eingeweide entnommen hatte; der bekannte Brasilienforscher Johann Natterer schickte ihm Tiere samt ihren Parasiten aus Südamerika.

Bremser fand dafür auch zu seiner Zeit Bewunderer: "So gut ist es, dass auch die unscheinbarsten Dinge geachtet und aufbewahrt werden, weil man immer einmal dadurch erfreuen und nutzen kann", ist von Goethe zu Bremsers Sammlung überliefert. Der Wurmdoktor selbst soll zu Zar Nikolaus, der von Kaiser Franz durch die Naturaliensammlung geführt wurde, gesagt haben: "Diese Sammlung von Würmern hat mehr Wert als zwei Kaiserreiche."

Damals diente seine Systematisierung der Diagnose, heute gibt es dafür mikroskopische, immunologische und molekulargenetische Tests. Obsolet ist die Sammlung dennoch nicht geworden. Sie wird heute von Biologen und Evolutions- und Biodiversitätsforschern genutzt, sagt Sattmann. "Wir können heute sagen, welche Fische vor 200 Jahren welche Parasiten hatten. Oder wie es um den Stör stand, den es damals noch bei uns in der Donau gab." Auch Kollegen aus Südamerika kommen heute nach Wien, um die konservierte Fauna für ihre Forschungen zu nutzen.

Bremsers Irrwege müsse man im Kontext des Wissens seiner Zeit sehen, sagt Sattmann. "Wir neigen dazu, zu glauben, dass wir schon alles wissen. Zu Bremsers Zeit hat man das auch geglaubt. So wie wir über Bremser lachen, werden die Leute in 100 Jahren über uns lachen." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 08.05.2013)

  • Verena Stagl, Helmut Sattmann: "Der Herr der Würmer. Leben und Werk des Wiener Arztes und Parasitologen Johann Gottfried Bremser (1767-1827)". Böhlau-Verlag, 2013
    foto: böhlau-verlag

    Verena Stagl, Helmut Sattmann: "Der Herr der Würmer. Leben und Werk des Wiener Arztes und Parasitologen Johann Gottfried Bremser (1767-1827)". Böhlau-Verlag, 2013

  • Echinorhynchus oder Kratzwürmer kommen bei Fischen sehr häufig vor. Bremser hat die Parasiten in einem seiner Werke systematisiert, abgebildet und beschrieben.
    foto: naturhistorisches museum wien

    Echinorhynchus oder Kratzwürmer kommen bei Fischen sehr häufig vor. Bremser hat die Parasiten in einem seiner Werke systematisiert, abgebildet und beschrieben.

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