Wie man das Bedürfnis nach Zukunft weckt

7. Mai 2013, 17:58
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Pablo Larraíns klug-hintersinniger Film "No" entwirft ein Duell der Bilder

Wien - Pablo Larraíns No ist ein mutwillig hässlicher Film. Das soll keineswegs abschreckend klingen. Um die zeithistorische Ästhetik von 1988 zu betonen - dem Jahr, in dem der Film um den Volksentscheid über General Pinochets Amtsverlängerung spielt - wurde er mit U-Matic-Videokameras gedreht. Aufgeblasen auf die große Leinwand verstärken sich die Defizite dieses Materials: Das Licht wirkt zu scharf, die Bildkontraste sind ungenügend, die Farben erscheinen ausgebleicht, matt.

Larraíns Entscheidung für dieses Format hat schon bei der Premiere in Cannes für Irritationen gesorgt. Wie in Andrew Bujalskis jüngstem Film Computer Chess, der an die Anfänge des (Home-)Computerzeitalters führt und mit analogen Videokameras aus den 1970er-Jahren gedreht wurde, findet diese Wahl im Sujet des Films allerdings ein schlüssiges Echo:

Denn die Hauptfigur René Saavedra (Gael García Bernal) arbeitet mit den Möglichkeiten der Werbung, um den Gegnern von Pinochet ein positives, freundliches Image angedeihen zu lassen. Täglich 15 Minuten freie Sendezeit, ein Monat lang, im Staatsfernsehen gilt es so innovativ zu nützen, dass im Volk gewissermaßen erst das Bedürfnis nach einer Alternative, nach Zukunft entsteht.

Aus der historischen Distanz betrachtet, wirkt freilich Saavedras Kampagne selbst bereits anachronistisch - im alten Gewand des Films erscheint sie jedoch frisch. Larraín inszeniert eigentlich ein Duell der Bilder (einige Szenen über die Wirksamkeit der Spots erinnern nicht von ungefähr an die TV-Serie Mad Men). Während Saavedra bereits die Sprache der Konsumkultur spricht, setzen die Unterstützer des Generals auf eine veraltete Agitprop-Ästhetik, die sie dann überhastet anzupassen versuchen.

Da die demokratische Allianz die Freiheit als kein "Produkt" betrachtet, erwachsen Saavedra auch in den eigenen Reihen Gegner. Er bleibt jedoch gelassen, wie es die Art eines Strategen ist. Larraín geht es in seinem so klugen wie komischen Film letztlich gar nicht so sehr um den politischen Triumph. Deshalb hat er sich auch für einen politisch ambivalenten Helden entschieden, der privat auf die Innovation des Mikrowellenherds setzt.  (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 8.5.2013)

  • Das Teatro Huelen  in "No".
    foto: filmladen

    Das Teatro Huelen  in "No".

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