Ötzis Stiefel und andere Geschichten

7. Mai 2013, 17:49
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Hybride aus Skulptur und Malerei, aufgeladen mit Referenzen zu Kunstgeschichte und Alltagskultur, kennzeichnen das Oeuvre von Rachel Harrison, das die Nähe zum Readymade nicht verhehlen kann

Jüngste Werke von Rachel Harrison zeigt die Galerie Meyer Kainer in "Villeperdue".

Wien - Er ist bekannter als Ötzi, der Mann aus dem Eis, den er als Tattoo auf dem Unterarm trägt. Aber, jedenfalls mutmaßten die Medien dies im Frühjahr, er könnte dem "Iceman" für ein Filmprojekt sein Gesicht verleihen. Die Rede ist von Brad Pitt. Eine Story, die freilich mit nichts anderem als einem Bild der Pitt'schen Tätowierung illustriert wird. Mehr Ingredienzen braucht es nicht, damit im Internet die abstrusesten Geschichten gesponnen werden. Manch einer fängt schon an, zwischen den am Computer simulierten Gesichtszügen des Alpenmannes und dem Star Ähnlichkeiten zu entdecken.

Wunderschönes Material für die US-Künstlerin Rachel Harrison (geb. 1966 in New York), die im Herbst in Bozen die Ötzi-Musealisierung inklusive aller Absurditäten - Grazer Hellseherin in Kontakt mit der Gletschermumie! - kennenlernte. In den jüngsten Arbeiten lassen sich Spuren jener Erfahrung finden, ohne dass man Harrison allein auf dieses Thema festlegen könnte. Aber "die ausdrücklichen und ausdrücklich fadenscheinigen Anbindungsketten zwischen Kunstgeschichten, Objekten, Massenkulturen und Celebrity-Kult", wie es Edgar Schmitz 2010 festhielt, verhalten sich in ihrer Arbeit wie der Rapport in einer Handarbeit.

Das Aneinanderknüpfen der Elemente - amorphe, quietschbunt verputzte Objekte, eine Malerei der Referenzen und digital verarbeitetes Quellenmaterial - folgt aber keiner narrativen Logik, sondern eher dem Willen zur Verunklärung. Unverbindlichkeit wird angestrebt. Selbst wenn sich das Motiv der Fußspuren wieder an den Aufrechtgeher Ötzi zurückbinden lässt: Sie finden sich als bestiefelte Aggro-Geste, weißer Gipsfuß, Sohlenprofil oder als ein an die "Bronzezeit" gemahnendes Turnschuh-Fundstück aus dem zentralfranzösischen Villeperdue in der Schau. Ein vages oder vielmehr dadaistisches Spiel mit Referenzen, das - je nach Gemütslage - Laune machen kann.  (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 8.5.2013)

Bis 1. 6. , Galerie Meyer Kainer, Eschenbachgasse 9, 1010 Wien

 

  • Der zur Skulptur werdende Sockel und amorphe Formen rücken Rachel Harrison in die Nähe zu Franz West: "Ötzi" (2012).
    foto: meyer kainer

    Der zur Skulptur werdende Sockel und amorphe Formen rücken Rachel Harrison in die Nähe zu Franz West: "Ötzi" (2012).

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