Vertanzte Orientierungssuche: Niemand weiß, wohin es geht

7. Mai 2013, 18:05
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TBA21 im Wiener Augarten: An Kaler zeigt Teil zwei von "On Orientations"

Wien - Wie sich orientieren? Diese große Frage in unserer zerfahrenen Gegenwart ist die Basis für eine neue Arbeit der österreichischen Choreografin An Kaler. Der erste Teil, On Orientations - one place after, wurde vor kurzem im Tanzquartier Wien (TQW) vorgestellt. Jetzt kommt mit On Orientations - Untimely Encounters Teil zwei heraus: im Raum von Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) im Augarten.

Gleich mit ihrem ersten Stück Save A Horse And Ride A Cowboy erregte die heute 30-Jährige vor vier Jahren Aufmerksamkeit. Damals berührte die androgyne Künstlerin das Thema Queerness mit einer ganz besonders coolen Ironie: Genüsslich zerlegte sie das Stereotyp des Cowboys als Prototyp des Machismus.

Die Untersuchung verschiedener Auffassungen davon, was Orientierung ist, beginnt für Kaler definitiv beim Geschlechterdiskurs. Save A Horse war 2010 im Brut-Theater Konzerthaus zu sehen. Mit ihrem Trio Insignificant Others (learning to look sideways) wechselte Kaler im Vorjahr bei Impulstanz in den weiten Raum des Kasinos am Schwarzenbergplatz.

Nachdem diese Arbeit bereits in einem Tanzquartier-Studio präsentiert worden war, zeigte sich das tatsächliche Potenzial ihrer Begegnungsabläufe und Bewegungsvernetzungen erst hier in einem dafür wie geschaffenen Ambiente. Kalers aufs Wesentliche konzentrierte choreografische Strategie und Tanzsprache übertrugen die innere Spannung hinter der coolen Erscheinung der Darsteller wie selbstverständlich auf das Publikum.

Genau diese Atmosphäre findet sich nun in On Orientations wieder. Ins Tanzquartier zurückgekehrt, stellte Kaler in der Soloperformance des ersten Teils, one place after, ihre Figur als zu Boden gedrückte Existenz vor. Mit aller Kraft versucht sie, sich vom Fleck und durch den Raum zu schieben. Richtung zu gewinnen. Sich hochzustemmen. In einer ausgeklügelten Raum-, Klang- und Lichtinstallation (von Tiago Romagnani Silveira, Brendan Dougherty und Jan Maertens), die Kälte und Getriebenheit suggeriert, durchläuft diese Figur einen dramatischen Prozess. Aus dem Widerstand gegen die Unbeweglichkeit begonnen, findet die Mühe, sich zu orientieren, ihr Ende nur durch Abbruch ihres Verlaufs. Nie im Leben, scheint Kaler sagen zu wollen, wird ein sicherer Plan davon, wohin es geht, zu erreichen sein.

Mit On Orientations - Untimely Encounters geht es nun in der TBA21 weiter. Diesmal im Duett mit Myriam Lebreton. Vor der zweiten Aufführung am Freitag hält der deutsche Philosoph Marcus Steinweg um 18.00 einen Vortrag unter dem Titel Kein Stern, kein Orient - Was heißt, sich in der Orientierung zu orientieren?     (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 8.5.2013)

Vorstellungen: 9. und 10. Mai

  • An Kaler in "On Orientations - Untimely Encounters".
    foto: tqw / dieter hartwig

    An Kaler in "On Orientations - Untimely Encounters".

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