FEST: "Die ÖH betreibt unreflektierte Kulturpolitik“

Chat8. Mai 2013, 11:43
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Anna Lena Bankel und Tobias Dörler beantworteten die Fragen der Userinnen und User

ModeratorIn: Wir begrüßen die Fraktion FEST im Chat zur ÖH-Wahl. Anna Lena Bankel hat ihren Kollegen Tobias Dörler mitgebracht, die beiden werden zu zweit antworten. Wir bitten die UserInnen um Fragen!

Anna Lena Bankel: Guten Morgen auch von Tobias Dörler und mir, wir freuen uns auf eure Fragen!

HalloWelt46: Wie bist du zur ÖH gekommen?

Anna Lena Bankel: Wir haben beide in der Studienvertretung an der Akademie begonnen, aktiv zu werden. 2009 haben wir uns sehr in den Bildungsprotesten engagiert und sind seitdem in der ÖH. 2011 wurde ich an der Akademie der bildenden Künste Vorsitzende und Tobias Referent für pädagogische Angelegenheiten in der ÖH Bundesvertretung

ichbineininsekt: Wie würden sie selbst ihre Perfomance bei der Elefantenrunde gestern bewerten? Haben sie den Eindruck, dass sie rhetorisch und fachlich den anderen Spitzenkandidaten ebenbürtig sind?

Anna Lena Bankel: Wir sind parteiunabhängig und haben deswegen nie professionelle Medientrainings gemacht. Aber inhaltlich fühle ich mich sicher, denn ich arbeite immerhin schon seit 2006 in der ÖH. Ich habe mich über viel positives Feedback nach der Diskussion gestern gefreut.

ModeratorIn: Gestern haben Sie bei der Elefantenrunde gesagt, Sie empfinden die Kunstunis als die langweiligsten Orte von ganz Österreich. Wie meinten Sie das?

Anna Lena Bankel: Kunstunis sind sozial sehr schlecht durchmischt - ein Resultat der Aufnahmeprüfung, die umstrittenerweise kulturelles Kapital anstatt von künstlerischer Eignung prüft. Die Qualität der Lehre kann zwar sehr hoch sein, allerdings gibt es einfach wenig Kontroversen - das sieht man auch daran, dass an Kunstunis das politische Engagement in der ÖH weniger lebendig ist als an großen Unis.

sdfkw: Was unterscheidet Kunstunis von anderen Unis?

Anna Lena Bankel: Kunstunis sind viel kleiner und haben enge, persönliche Strukturen. Im Regelfall ist man mit seiner/seinem ProfessorIn per Du. Das zentrale Künstlerische Fach hat einen starken Schwerpunkt im Curriculum - dadurch entstehen leider auch Abhängigkeitsverhältnisse, die kritisches Hinterfragen der Lehre erschweren. Etwas positives an Kunstunis ist aber natürlich das gute Betreuungsverhältnis und die hervorragende Infrastruktur - so wünschen wir uns das für alle Hochschulen!

mute_conspiracy: Sag mir bitte. Warum soll ich die FEST und nicht GRAS, VSSTÖ, KSV oder KSV-LILI wählen.

Anna Lena Bankel: Die FEST ist als einzige von diesen genannten Fraktionen parteiunabhängig. Das ist ein wesentlicher Unterschied im Zugang - zum Beispiel, wenn wir im Ministerum am Verhandlungstisch sitzen. Bei unseren Forderungen lassen wir uns von niemandem beeinflussen. Außerdem sind wir die einzige Fraktion, die MandatarInnen aus allen Hochschultypen (Fachhochschulen, pädagogische Hochschulen, Universitäten) in der ÖH Bundesvertretung haben - wir haben in allen diesen Bereichen langjährige Expertise.

packerlwein: Warum ist die neue PädagogInnenbildung kaum Thema des Wahlkampfs?

Anna Lena Bankel: Das ist schade! Denn das wird ein großes Thema werden. Die Materie ist allerdings komplex und die meisten Fraktionen kennen sich wenig damit aus. Wir schon! Für uns kann die aktuell vorliegende Regelung nur ein erster Schritt sein. Nach den Nationalratswahlen muss sich die ÖH dringend für eine weitere Reform einsetzen. Wir fordern einen einheitlichen Hochschulsektor, das heißt auch, dass die PädagogInnenbildung Neu in Zukunft an einem gemeinsamen Hochschulsektor stattfinden muss.

Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is: Wie stehen Sie zum Unizugang für Drittstaatenangehörige?

Anna Lena Bankel: Ein zentrales Thema in unserem Wahlprogramm. Drittstaatenangehörige werden erheblich diskriminiert: schon bevor sie überhaupt das Studium beginnen, müssen sie einen fremdenrechtlichen Parcours durchlaufen, bei dem ihr finanzieller Hintergrund durchleuchtet wird - und dann erwarten sie doppelte Studiengebühren an Unis, bis zu kostendeckende Studiengebühren an Fachhochschulen, und obendrein noch der Ausschluss vom passiven ÖH-Wahlrecht. Nebenbei haben sie einen stark eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Diese rassistischen Gesetze müssen endlich ein Ende haben, nicht nur im HochschülerInnenschaftsgesetz, sondern auch und besonders im österreichischen Fremdenrecht.

f18f9f7c-2d2c-4b29-86e4-83cd15625c8e: Was sind eure Statements zum Cafe Rosa und zur Rolle der Janine Wulz ?

Anna Lena Bankel: Wir waren bisher nicht an der Uni Wien vertreten und kennen die Geschichte des Cafe Rosa nur von außen.Wir finden dennoch, dass dort Fehler in der Umsetzung passiert sind. Der derzeitige Zustand - ein verschlossener Raum in direkter Uninähe, für den die ÖH zahlt, und der ungenutzt ist - ist sehr bedauerlich. Wir würden uns an der Uni Wien nach den Wahlen gerne dafür einsetzen, dass die Räume zumindest den Studierenden für eine Zwischennutzung geöffnet werden - schliesslich gehören sie den Studierenden.

sdfkw: Du arbeitest ja neben deinem Studium auch noch - wie lässt sich Studium, ÖH Arbeit und Job vereinbaren?

Anna Lena Bankel: Sehr schwer. Ich muss immer in Blöcken arbeiten und bin eigentlich ständig auf der Suche nach Gelegenheitsjobs neben meiner Tätigkeit als selbstständige Designerin. Ich habe schon eine ganze Reihe von originellen Berufen kennengelernt, meist ohne soziale Absicherung, was oft ärgerlich war. Momentan liegt Job und Studium wegen der ÖH ziemlich auf Eis. Deswegen fordern wir auch ein Grundeinkommen für Studierende - damit Studieren eine wirklich lebens(er)füllende Beschäftigung sein kann.

Rj01: Leider sind ja FHs für studierenden Vertreter sowie Fraktionen nicht wirklich demokratisch organisiert (spreche aus meinen Erfahrungen an der FH Kärnten). Was habt Ihr für Ideen dies zu ändern? Stichwort: ÖH an FHs zu installieren und auch auszufina

Anna Lena Bankel: Die FEST hat seinerzeit die FH-Studierenden zur ÖH gebracht und auch am Fachhochschulstudiengesetz die Paragraphen zur studentischen itbestimmung mitgeschrieben. Generell sind wir aber der Meinung, dass die privatrechtliche Organisationsform das grösste Problem der FHs ist - Studierende können zum Beispiel an FHs nur schwer ihre (ohnehin geringen) Rechte einklagen. Deswegen braucht es endlich ein einheitliches Hochschulgesetz für alle drei Hochschulsektoren mit mehr demokratischen Mitgestaltungsmöglichkeiten für Studierende, wie etwa vor dem UG 2002.

HalloWelt46: Ihr wart ja die letzten vier Jahre in der Exekutive der Bundesvertretung. Wie würdet ihr eure Arbeit dort bisher beurteilen?

Anna Lena Bankel: Wir haben viele wichtige Impulse eingebracht: zum Beispiel geht das Mammutprojekt der ÖH Bundesvertretung "Forum Hochschule" auf eine Idee der FEST zurück. In diesem alternativen Hochschulplan hat die ÖH Bundesvertretung zusammen mit ExpertInnen und Studierenden 200 Seiten umsetzbare Konzepte für die Verbesserung der Hochschulen verfasst. Wir raten allen Köpfen in den Ministerien und den Hochschulen, diese auch mal zu LESEN...! Dazu waren wir stark vertreten im Referat für Bildungspolitik, im Referat für Fachhochschulen und im Referat für pädagogische Angelegenheiten und haben zum Beispiel die Anliegen von Studierenden an FHs, PHs und Kunstunis in der ÖH und dadurch öffentlich stärker thematisiert.

Atius Tirawa: Wie schwer ist es, sich als Neckbeard-Träger gegen die anderen durchzusetzen?

Anna Lena Bankel: Ich nehme mal an die Frage geht an mich, Tobias? Ähm, ich bin bisher noch nie darauf angesprochen worden, scheint also nicht direkt Thema zu sein.

packerlwein: Warum ist euch eine parteipolitische Unabhängigkeit wichtig?

Anna Lena Bankel: Die Parteiunabhängigkeit ist unser Zugang zu ÖH Arbeit, der uns sehr wichtig ist. Bei uns spitzt niemand auf einen Posten in der Mutterpartei oder einer ihr nahen Organisation, sondern wir möchten Politik für Studierende machen. In der Regel ziehen sich Alt-Festis nach ein paar ereignisreichen Jahren wieder aus der Politik zurück. Wir finden es wichtig, dass Studierende auch eine parteiunabhängige Alternative wählen können - gerade, wenn sie sich in der aktuellen Bundespolitik und deren Parteienlandschaft nicht wiederfinden können.

traubisoda92: Bei uns auf der TU tritt die FEST gar nicht an. Wieso nicht? Finde eigentlich eure Grundsätze recht schlüssig und gut.

Anna Lena Bankel: Das freut uns! Wir sind personell noch eine kleinere Fraktion und können nur dort antreten, wo es eben lokal FEST engagierte Studierende gibt. Wir freuen uns immer über Neuzugänge!

Linkslinker Österreichfeind und Kulturbereicherer: Was unterscheidet euch von den FLÖ?

Anna Lena Bankel: Uns unterscheidet einerseits unsere Geschichte: wir sind bis dato nur auf Bundesebene organisiert gewesen und hatten keine lokalen Gruppen, wie das bei der FLÖ der Fall ist, weil es an FHs und PHs ein anderes Wahlrecht gibt. Das hat die lokale Organisation verhindert und uns etwas zentralisierter gemacht - das sehen wir aber auch als Vorteil: wir entscheiden alle gemeinsam im Konsens unsere Ziele und Grundsätze. Wir sind außerdem die einzige Fraktion, die immer aktiv alle Hochschulsektoren mitdenkt und dort lange Erfahrung hat. Gemeinsam haben wir unsere Parteiabhängigkeit - deswegen haben wir auch gerne mit der FLÖ auf Bundesebene gearbeitet.

Ganslmann: Sollen ingenierwissenschaftliche Studiengänge finanziell mehr gefördert werdern als geisteswissenschaftliche Richtungen?

Anna Lena Bankel: Es sollen alle Studiengänge gefördert werden! Wir fordern endlich die versprochenen 2% des BIP für die Bildung - damit eben Studiengänge nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden und auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit hin überprüft und bevorzugt werden.

Muuuh: Laut der beschreibung auf eurer Webseite hast du auch schon in London studiert. Wie sind Universitäten dort anders als in ÖSterreich?

Anna Lena Bankel: Ich habe dort am King''s College Jus studiert - dort sind die Betreuungsverhältnisse ideal, die Lehre exzellent und die Infrastruktur hervorragend. Ich habe auch als sehr positiv wahrgenommen, dass der Studiengang sehr international ist, und habe dort FreundInnen aus der ganzen Welt gefunden. Aber dort ist die soziale Durchmischung sehr schlecht und die Aufnahmeprüfung hat ganz bestimmt nichts zur "Exzellenz" beigetragen: ich musste wieder feststellen, dass der soziale und kulturelle Hintergrund der Familie entscheidend für die erfolgreiche Bewerbung war. Das Problem gibt es in England auch schon in der Schule. Ich kann vor diesen flächendeckenden Zugangsbeschränkungen nur warnen!

HalloWelt46: Mehr Kunst und Kultur in der ÖH lese ich auf eurem Blog, wie stellt ihr euch das vor?

Anna Lena Bankel: Die ÖH betreibt momentan nur nebenbei und unreflektiert Kulturpolitik. Wir würden das gerne stärker thematisieren, nicht nur beim Auftritt der ÖH, sondern auch in der Bildungspolitik. Künstlerische Bereiche werden immer stärker verdrängt aus Lehrplänen in Schulen und Hochschulen - dieses Thema wird die ÖH noch sehr beschäftigen im Rahmen der kommenden Bildungsreform. Innerhalb der ÖH fänden wir es toll, wenn Studierende auch die ÖH künstlerisch stärker mitgestalten könnten, zum Beispiel bei Kampagnen, Broschüren, Veranstaltungen.

alleseinzelfälle: Wie steht ihr zur AkademikerInnensteuer anstelle von Studiengebühren? D. h. wer studiert hat, zahlt ab einem gewissen Mindesteinkommen einen zusätzlichen Steuersatz zweckgebunden zur Finanzierung der Unis.

Anna Lena Bankel: AkademikerInnen zahlen ohnehin im Laufe ihres Lebens mehr Steuern. Bildung muss unserer Meinung nach der Allgemeinheit zugänglich sein, und deswegen auch von der Allgemeinheit finanziert werden.

charley-inc: Welchen Sinn macht es für einen Unistudenten, eine Fraktion zu wählen, die mit wenigen Ausnahmen nur aus FHlern besteht?

Anna Lena Bankel: An den Unis, an denen die FEST antritt, sind die KandidatInnen natürlich sehr erfahrene Uni-Studierende, die sich im Universitätsgesetz dementsprechend auskennen. Wir können alle Studierenden der drei Sektoren kompetent vertreten.

ModeratorIn: Und das war auch schon die letzte Antwort unserer Chatgäste. Danke für den Besuch in der Redaktion! Am Freitag um 12 Uhr begrüßen wir Florian Lerchbammer von der Aktionsgemeinschaft im Chat.

Anna Lena Bankel und Tobias Dörler: Es hat uns sehr gefreut, mit euch zu plaudern! Mehr Infos über die Fraktion engagierter Studierender (FEST) findet ihr unter www.die-fest.at und auf Facebook und Twitter! Geht wählen!

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