"Etwas schaffen, was vorher unschaffbar schien"

7. Mai 2013, 17:36
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Der Wiener Jüdische Chor lädt Chöre aus ganz Europa zum ersten European Jewish Choir Festival ein: Organisator Florian Pollack über Festivalstress und die Rolle Wiens als Brückenkopf

Wien - Äußerlich wirkt Florian Pollack ruhig; konzentriert spricht er in wohlformulierten Sätzen. Dass er im größten organisatorischen Trubel seines Lebens steckt, lässt er sich nicht anmerken. Das ahnt man erst, wenn er erwähnt, dass "es für die Community gut ist, wenn man zusammen etwas schafft, was vorher unschaffbar schien". Denn: "Es kommen eben 18 Chöre aus elf Ländern zum European Jewish Choir Festival 2013. So etwas hat es noch nie gegeben. Weder so groß noch überhaupt. Für uns, die das nebenbei machen, bedeutet es eine gewaltige Anstrengung."

Die Idee zum Event, das nach einem intensiven Workshop-Programm sonntags in einem Galakonzert im Austria Center seinen Abschluss findet, sei gekommen, nachdem der 1989 gegründete Wiener Jüdische Chor "bei den Chorfestivals, zu denen wir eingeladen waren, immer der einzige jüdische Chor war. Als wir im Vorjahr zu einem Workshop nach London eingeladen wurden, wo auch jüdische Chöre aus Rom und Paris dabei waren, war das toll. Wir verglichen Interpretationen, lernten viel und beschlossen, das auch zu machen. Innerhalb kürzester Zeit hatten sich 400 Leute angemeldet."

Florian Pollack ist wie die meisten Mitglieder des Wiener Jüdischen Chors kein professioneller Sänger. Der 42-jährige Wiener, dessen Familie mütterlicherseits aus Czernowitz stammt, arbeitet als Kommunikationschef im Kunsthistorischen Museum. Er kam vor zehn Jahren eher zufällig zum Chorgesang, von dem er damals noch dachte: "Wie uncool ist denn das?" Allerdings: "Ich war sofort süchtig - nach der körperlichen Erfahrung des Singens und nach dem Erlebnis, mit anderen im Moment etwas zu schaffen."

Der Wiener Jüdische Chor, in dem unter der Leitung Roman Grinbergs auf Jiddisch, Hebräisch und Ladino gesungen wird, zeichne sich zudem durch ausgeprägte "Familienfunktion" aus: "Wir haben im Chor Leute aus über zwölf Nationen und sind ein totales Sammelsurium von Menschen zwischen 14 und 83, Männer und Frauen, Juden und Nichtjuden, was uns sehr wichtig ist, Religiöse und Nichtreligiöse, Leute, die vom Blatt lesen und eine Musikausbildung haben, und andere, die das nicht können."

Merklicher Aufschwung

In den letzten Jahren habe die jüdische Musikszene Wiens generell einen merklichen Aufschwung erlebt, so Pollack. Das Klezmer-Revival, das in den 1970ern in den USA seinen Ausgang genommen hat, sei mit großer Verspätung jetzt auch in Österreich angekommen. Als Gradmesser nennt Pollack die monatliche Klezmer-Session im Café Tachles am Karmeliterplatz, die sein jüngerer Bruder Fabian leitet, der u. a. in der Band Nifty's Klezmer mit Punk und Ska kurzschließt.

"Mittlerweile sind da immer zehn sehr gute Musiker. Das war vor fünf Jahren noch nicht so. Die Szene ist noch immer klein, aber sie wächst und zieht aus unterschiedlichen Genres Leute an. Wobei Festivals wie 'Klezmore' oder der Jüdische Kulturherbst oder das Akkordeonfestival schon seit Jahren einem großen Publikum diese Musik bieten."

Florian Pollacks Vision bei alldem: "Wien kann seine Brückenkopf-Aufgabe zwischen Ost und West noch immer erfüllen. Nur muss sich die Stadt anstrengen und sich stärker nach Osten orientieren."   (Andreas Felber, DER STANDARD, 8.5.2013)

9.-12. 5., European Jewish Choir Festival

  • www.wjchor.at
  • Florian Pollack (6. v. li.) über seine Chorerfahrung: "Ich war sofort süchtig nach dem Erlebnis, mit anderen im Moment etwas zu schaffen."
    foto: standard / robert newald

    Florian Pollack (6. v. li.) über seine Chorerfahrung: "Ich war sofort süchtig nach dem Erlebnis, mit anderen im Moment etwas zu schaffen."

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