"Man braucht insgesamt eine andere Vorstellung von Kinderbetreuung"

Interview8. Mai 2013, 17:00
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Die Zahl der Väter, die in Karenz gehen, stagniert, erklärt Sybille Reidl, Autorin einer Studie

derStandard.at: Sie sind Autorin der Studie "Karenzväter in Zahlen", für die Sie die Entwicklung Väterkarenz zwischen 2002 bis 2011 untersucht haben. Im Jahr 2011 waren 8,4 Prozent der Karenzgeldbezieher Männer. Mit der Einführung der unterschiedlichen Kinderbetreuungsgeld-Varianten mit kürzerer Bezugsdauer und höhrerer Geldleistung im Jahr 2008 kamen deutlich mehr Karenzväter dazu. Das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld führte bisher aber zu keinem weiteren Anstieg der Karenzväter. Wie zuversichtlich sind Sie denn für die kommenden zehn Jahre?

Reidl: Ich denke, dass die Zahl der Karenzväter weiter steigen wird. Momentan sehe ich keinen großen Sprung - was mich eigentlich wundert.

derStandard.at: Warum?

Reidl: Viele internationale Studien zur Väterkarenz berichten von positiven Auswirkungen etwa von Väterquoten in Karenzregelungen - also Zeiträumen, die nur der Vater in Anspruch nehmen kann, oder sie verfallen. Zumindest waren diese Regelungen in den nordischen Ländern sehr wirksame Maßnahmen. Und wenn ich jetzt an ein relativ hoch dotiertes Karenzgeld denke, das es bei uns als einkommensabhängiges Karenzgeld seit einigen Jahren gibt, hätten wir erwarten können, dass sich mehr tut. Wenn ich 80 Prozent meines Einkommens erhalte, sollte ich zumindest zwei Monate in Karenz gehen können. Das müsste man sich eigentlich leisten können.

derStandard.at: Die 8,4 Prozent der Karenzväter sind in Ihrer Studie zu einem großen Teil Akademiker im öffentlichen Dienst. (27 Prozent der Akademiker arbeiten im öffentlichen Dienst, so viele wie sonst in keiner Branche, Anm.) Geht man aber die Einkommensskala weiter hinunter, scheint auch die Rollenverteilung traditioneller zu werden. Hat dieser geringe Anteil an Karenzvätern soziokulturelle Hintergründe? Sind wir einfach nur zu konservativ?

Reidl: Wenn man sich die Wertestudien in Österreich anschaut, dann sieht man, dass mehr als 70 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher der Meinung sind, dass Kinder unter drei Jahren nicht extern betreut werden sollen. Auf der anderen Seite besteht aber die Annahme, dass Männer und Frauen gleich gut für ihre Kinder sorgen können. Insofern würde der Väterkarenz ja nicht viel im Wege stehen. Ich glaube, man braucht insgesamt eine andere Vorstellung von Kinderbetreuung. Weil klar ist, dass drei Jahre Kinderbetreuung zu Hause zu Lasten der Frauen gehen. Gehen Männer in Karenz, dann meist nur kurz. Und weil Sie die unteren Einkommensschichten angesprochen haben, dort hat das sicher mit der Einkommensschere etwas zu tun. Im Sinne von: Frauen verdienen weniger, also ist der Verlust bei einer Karenz auch nicht so groß.

derStandard.at: Das Henne-Ei-Problem ...

Reidl: Ja.

derStandard.at: Könnte es nicht auch ein Generationenthema sein?

Reidl: Das ist die Hoffnung. Es gibt ja jetzt schon diesen Diskurs über die neuen Väter. Momentan ist der noch eher in Akademikerkreisen präsent und sicher noch nicht breitenwirksam, aber ich halte es für möglich, dass jene Männer mehr werden, die sagen: "So wie mein Vater möchte ich das nicht." Meiner Wahrnehmung nach ist diese Einstellung noch nicht in den unteren Einkommensschichten angekommen.

derStandard.at: Aus der Studie geht hervor, dass Karenzväter keinen Gehaltsverlust erleiden. Bei nicht wenigen ist es sogar so, dass sie zwei Jahre nach ihrer Rückkehr mehr verdienen. Nutzen Männer die Karenzzeit sogar dazu, sich karrieretechnisch besser zu positionieren - durch diese Erfahrung, die sie gemacht haben?

Reidl: Wenn sie es machen würden, wäre das nicht schlecht - und wenn auch die Arbeitgeber anfangen würden, Karenz als etwas Positives wahrzunehmen, das ihnen auh etwas bringen kann, weil es den Leuten eine Form von Qualifizierung bringt. Das versuchen wir gerade über qualitative Interviews herauszufinden. Wir interviewen Karenzväter und werden noch mit Unternehmensvertreterinnen und -vertretern darüber sprechen, wie sie dem Thema Väterkarenz gegenüberstehen.

derStandard.at: Können Sie schon etwas vorwegnehmen?

Reidl: Aus der bisherigen Literatur und aus den Daten sehe ich drei Gründe, warum Männer eine Einkommenseinbuße verhindern können. Erstens arbeiten Männer relativ schnell wieder Vollzeit. Das tun Frauen nicht. Frauen haben eine sehr hohe Teilzeitquote, wenn sie von der Karenz zurückkommen. Und ich glaube, Teilzeit ist in Österreich immer noch das Signal für "Karriere ist mir egal". So wird das von vielen Arbeitgebern wahrgenommen.

Zweitens geht es sicher auch um die Dauer der Unterbrechung. Durchschnittlich gingen Akademiker 2011 ein bisschen mehr als vier Monate in Karenz. Das muss jetzt noch nicht das große Loch reißen. Frauen unterbrechen weitaus länger, da ist man aus dem Arbeitsprozess viel eher draußen. Und dann gibt es die Karenzvertretung, die die Stelle übernimmt. Eine Rückkehr und womöglich noch ein besseres Gehalt zu bekommen ist schwieriger. Der dritte Punkt ist, dass mehr als 50 Prozent der Karenzväter neben der Karenz arbeiten. Die lassen einen Fuß in der Tür.

derStandard.at: Sie nehmen also eher die Teilzeitkarenz in Anspruch ...

Reidl: Genau, sie arbeiten unter der Zuverdienstgrenze, 10 oder 16 Stunden, und sind somit noch präsent und bekommen mit, was im Unternehmen passiert. Das hilft sicher auch.

derStandard.at: Warum nehmen das nicht mehr Frauen in Anspruch?

Reidl: Das müsste man sich genauer ansehen. Aus einer Studie aus dem Jahr 2006 geht hervor, dass Frauen zwar einer Beschäftigung - unter der Zuverdienstgrenze - während der Karenz nachgehen, ihr Anteil ist aber viel niedriger als bei den Männern. Man muss aber schon sagen, dass sie die Kinder bekommen, was in der ersten Zeit sicher auch nicht einfach ist. Dazu kommt der Mutterschutz, der in der Regel auch insgesamt vier Monate dauert. Da ist man viel leichter draußen. Und man sollte ebenfalls nicht vergessen, dass viele Arbeitgeber oft auch nicht daran interessiert sind, dass jemand langfristig nur einen Tag in der Woche hereinkommt.

derStandard.at: Sind Ihnen bei Ihren Interviews bisher Besonderheiten aufgefallen?

Reidl: Was ich sehr interessant fand, war die riesige Angst der Befragten, die auch in anderen Studien thematisiert wird, dass sie mit der Karenz ihren Job verlieren könnten - im Sinne einer Reaktion wie "Da kann ich gleich kündigen". Dem ist aber nicht so. Natürlich gibt es Väter, die nach der Karenz den Job wechseln - freiwillig oder unfreiwillig. Manche machen auch schlechte Erfahrungen. Aber die Angst, man könne wegen der Karenz den Job verlieren, finde ich in dieser Ausprägung nicht gerechtfertigt, denn 70 Prozent der Angestellten kehren in ihren Job zurück. Dazu gibt es sogar Studien aus dem Jahr 2001, die beschreiben, dass jene Väter, die es gewagt haben, in Karenz zu gehen, überrascht sind, dass es gar keine Probleme gibt. Das muss noch sickern. Und vielleicht werden es dann auch mehr Karenzväter. (Heidi Aichinger, derStandard.at, 8.5.2013)

Sybille Reidl (Jahrgang 1975) studierte Soziologie an der Universität Wien. Von 2001 bis 2003 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Wien, seit 2003 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Wirtschafts- und Innovationsforschung von Joanneum Research mit den Schwerpunkten Arbeitsbedingungen in Wachstumsbranchen, Chancengleichheit in Forschung & Entwicklung sowie Nachwuchsförderung in Naturwissenschaft und Technik.

Nachlese

Karenzvätern bleibt der Karriereknick erspart

  • Sybille Reidl, Autorin der Studie "Karenzväter in Zahlen".
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    Sybille Reidl, Autorin der Studie "Karenzväter in Zahlen".

  • Die Studie "Karenzväter in Zahlen".

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