Deutschland: Lücke bei Facharbeitern als Wachstumsbremse

7. Mai 2013, 10:53
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Lücke im Jahr 2020 bei Akademikern beherrschbar, aber Facharbeiter fehlen - IV: In Österreich in den nächsten Jahren 30.000 bis 50.000 Fachkräfte zu wenig

Berlin - Die Gefahr eines gravierenden Fachkräftemangels in vielen technischen und naturwissenschaftlichen Berufen in Deutschland hat sich von den Akademikern zu den Facharbeitern verschoben. Auf längere Sicht bis zum Jahr 2020 droht nach Einschätzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vor allem in den Ausbildungsberufen weit mehr als bei Akademikern eine Fachkräftelücke.

Aktuell hat sich demnach der Engpass bei Fachkräften in diesem Bereich etwas entspannt. Derzeit fehlen den Unternehmen der IW-Studie zufolge rund 123.000 Arbeitskräfte im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Vor einem Jahr sprach das Institut noch von 210.000 fehlenden Fachkräften.

In Österreich fehlen in den nächsten Jahren 30.000 bis 50.000 Fachkräfte, hieß es von der Industriellenvereinigung (IV). Langfrist-Prognosen zur Fachkräfteentwicklung werden von der IV derzeit nicht erstellt.

Gravierende Lücke an Facharbeitern

Ende des Jahrzehnts könnten in Deutschland bis zu 1,4 Millionen Facharbeiter in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) fehlen, heißt es in dem am Montag in Berlin vorgestellten Mint-Frühjahrsreport 2013. Bei Mint-Akademikern sei bis zum Jahr 2020 nur eine Lücke von 156.000 Fachkräften erwarten. "Durch kräftige Arbeit im Bereich der Hochschulanfänger hat sich die Lage deutlich entspannt", sagte Thomas Sattelberger, Chef der Wirtschaftsinitiative "MINT Zukunft schaffen". "Es tut sich eine gravierende Lücke im Bereich der beruflich Qualifizierten auf."

Die Studie stützt sich auf Zahlen der deutschen Bundesagentur für Arbeit. Die Behörde sieht derzeit keinen flächendeckenden Fachkräftemangel, seit geraumer Zeit aber einen Mangel in zahlreichen Ingenieurberufen wie in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik. In der Energietechnik etwa kamen im April auf deutschlandweit 100 freie Stellen im Durchschnitt 53 Arbeitslose.

Die Erwerbstätigkeit in den MINT-Berufen hat deutlich zugelegt. Die Zahl der MINT-Akademiker sei von 2005 bis 2010 um 295.000 gestiegen, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Einen hohen Anteil daran habe die Ausweitung der Erwerbstätigkeit von Älteren. Die Zahl der erwerbstätigen Mint-Akademiker über 55 Jahren sei im selben Zeitraum um 108.000 oder 34,1 Prozent gestiegen. Bei den älteren MINT-Fachkräften mit beruflicher Ausbildung habe die Beschäftigung um 37,8 Prozent zugelegt.

Wachstumsbremse

Die weiter steigende Erwerbsbeteiligung Älterer und von Frauen wird nach Einschätzung des IW dazu führen, dass die Fachkräftelücke bei MINT-Akademikern im Jahr 2020 beherrschbar sei. Die erwartete Lücke bei Facharbeitern werde sich dagegen als Wachstumsbremse erweisen. Im Bereich der beruflichen Bildung scheiden demnach 2013 bis 2020 gut 1,8 Millionen Beschäftigte altersbedingt aus, während nur 1,3 Millionen Absolventen von beruflichen Schulen nachkommen. Da die Wirtschaft im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich expandiere, würden rund 800.000 weitere MINT-Fachkräfte benötigt. Zusammen mit den heute schon fehlenden Meistern und Fachkräften könnte die Lücke bei 1,4 Millionen liegen. Eine höhere Beschäftigung von Älteren und Frauen würde diese Lücke demnach nur um gut 250.000 verringern.

Derartige Prognosen sind aber mit großen Unsicherheiten behaftet, weil kaum vorhersehbar ist, wie sich die Wirtschaft und ihre Arbeitskräftenachfrage wie auch die Berufswahl junger Leute entwickeln. Auch der Einfluss von Zuwanderung ist schwer vorherzusagen. So ist die Zuwanderung nach Deutschland in den vergangenen Jahren unerwartet stark gestiegen. IW-Chef Hüther sagte, schon heute brächten die Zuwanderer höhere Mint-Fähigkeiten mit als die Menschen in Deutschland.

Zudem kompensieren höhere Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen einen Teil des demografischen Effekts. Wenn man dies wie auch die Zuwanderung berücksichtigt, stehen im Jahr 2025 nach Experten-Berechnungen etwa 3,5 Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung. Frühere Berechnungen gingen einst davon aus, dieses Erwerbspersonenpotenzial werde um sechs Millionen einbrechen. (APA/Reuters, 7.5.2013)

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