Kunstfilter für den schnellen Klick

6. Mai 2013, 18:34
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Vor wenigen Tagen launchte die weltweit erste Online Biennale für zeitgenössische Kunst: Vierzig international renommierte Kuratoren stellen insgesamt 180 Künstler vor. Ein flaches Vergnügen

Wien - Was wurde hierzulande geschimpft über Museumsdirektoren mit überzogenen Reisebudgets und das Meilensammeln beim Pilgern auf den weltumspannenden Routen der Kunst. Aber mit dem Geld und Zeit fressenden Kunst-Globetrotten könnte es, betrachtet man die "weltweit erste, ausschließlich online zugängliche Biennale", womöglich bald Schluss sein. Die Talente fürs Programm von Morgen fände man also künftig nicht mehr auf der Biennale von Gwangju, Ulan Bator oder Sydney und auch nicht auf der Art Basel Miami Beach. Es hieße dann: "Diesen Künstler habe ich im Web kennengelernt."

Wenn man Fetzen, Bücher, Musik und Elektronik so erfolgreich übers Web verschachern kann, wieso nicht auch Kunst, muss sich die VIP Art Fair gedacht haben, die 2011 mit dem Prinzip "erste Reihe fußfrei" launchte, aber zunächst eine wenig beachtete, Galeristen verärgernde und mit technischen Pannen gespickte Bauchlandung hinlegte. Verkauft wird auf der Biennale Online zwar nicht, reibungslos verlief aber auch ihr Start nicht: Mehrfach verschob man Termine und schwenkte in letzter Sekunde auf Pay-as-you-wish um, obwohl erst 68 für die Preview, 10 Dollar für den regulären Zugang veranschlagt waren. Offensichtlich nur für wenige, geheim gehaltene Browser optimiert, navigiert man sich eher mühevoll durch die von 30 Top-Playern der Kunstszene zusammengestellte, spröde aufbereitete Kost.

Stünde nicht ausgerechnet der namhafte Museumsmann, Documenta IX-Leiter und Kurator internationalen Formats Jan Hoet für dieses Unterfangen Pate, man hätte sich vermutlich nicht einmal auf die Registrierung eingelassen. Verbringt man nicht ohnehin schon genug Stunden im Netz? Einsam vor dem Schirm statt sinnlich und kollektiv Kunst erleben? " Sicher", bestätigt Hoet, "aber wir haben auch nicht die Zeit, heute in L.A. und übermorgen in Bejing zu sitzen." Trotz seiner 77 Jahre sei es ihm ein Bedürfnis, sich über die global wachsende Künstlerszene zu informieren, er habe jedoch nicht immer die Möglichkeit zu reisen. "Man muss das als einen ersten Filter betrachten. Früher hatten alle ein Abo von Frieze oder Artforum", jetzt böte sich im Netz die Möglichkeit zur Orientierung.

Mit Biennale Online-Initiator David Dehaeck bastelte er zunächst an einer Plattform, die 2000 der weltweit interessantesten Künstler vorstellen sollte. Ein Wagnis, für das es mehr als nur zwei Expertenaugen benötigt. Daher lud Hoet 30 Kuratoren, darunter Manifesta-9-Leiter Cuauhtémoc Medina, Art-Brussels-Direktorin Katerina Gregos oder Hans-Ulrich Obrist von der Londoner Serpentine Gallery.

Bei der nächsten Ausgabe dieser Netzbiennale, die sich mindestens 50.000 " Unique User" erhofft, könnten womöglich auch 60 Sammler die Auswahl treffen, erzählt Dehaeck, ein IT-Profi, "kleiner Sammler" und Entwickler einer Datenbank für Auktionsresultate. Die Plattform ART+ stemmt er mit Gattin Nathalie Haveman aus privaten Mitteln und speist die Frage nach den Kosten mit der Information "weniger als eine normale Biennale" ab. Auszahlen soll sich das Format irgendwann aber doch. Man hofft künftig auf Nebeneinkünfte durch Sponsoren; an Galerieverkäufen mitzuschneiden sei aber ausgeschlossen. Mehr ist ungewiss.

Netzwerk statt Sinnlichkeit

Dass sinnliche Qualitäten von Kunst - Textur, Farbe, räumliche Wirkung und Atmosphäre - sich auch hochaufgepixelt im Netz nicht vermitteln lassen, gestehen beide ein. Fotografie und Video hätten jedoch einen entscheidenden Vorteil gegenüber "klassischen" Medien, sagt Hoet. "Durch die Erfahrung im Umgang mit der Materie, mit Farbe und so weiter, können wir ungefähr vermuten, in welche Richtung es geht."

Profis haben also einen entscheidenden Vorteil, womit man auch gleich bei der Zielgruppe wäre: Interessierte, die den schnellen Überblick suchen oder zeitknappe Profis, die über die Plattform auch gleich den Kontakt zu Künstler oder Galerie herstellen wollen. Netzwerk statt Hintergrund und Kontext scheint die Devise. Denn die angebotenen Infos sind eher lexikalischer, kompakter Natur. Eine bildgesteuerte Oberfläche, die nicht für mehr taugt als den schnellen Klick. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 7.5.2013)

  • Archivkästen als Symbol für die Kunstplattform mit Wunsch zum Überblick: Viel mehr als die alten Bibliotheks-Zettelboxen verrät aber auch die neue "Biennale Online" nicht. 
    fotomontage: matthias cremer

    Archivkästen als Symbol für die Kunstplattform mit Wunsch zum Überblick: Viel mehr als die alten Bibliotheks-Zettelboxen verrät aber auch die neue "Biennale Online" nicht. 

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