Heilige Entrückungsklänge

6. Mai 2013, 18:21
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Debussys "Martyre de Saint Sébastien" im Musikverein

Wien - Der Komponist selbst hatte gemeint, er habe zu wenig Zeit für die Arbeit an diesem Stück gehabt; im Programmheft aus dem Jahr 2013 hieß es, es sei damals im Mai 1911 eine "merkwürdige Uraufführung" gewesen, als in Paris das Mysterienspiel Le Martyre de Saint Sébastien erstmals gezeigt wurde.

Der Pariser Erzbischof hatte sich daran gestoßen, dass mit Ida Rubinstein jene jüdische Künstlerin die Rolle des Heiligen verkörperte, die das Werk wie so manches andere historische Experiment in Auftrag gegeben hatte. Und das Publikum nahm damals vor den Textmassen aus der Feder von Gabriele D'Annunzio Reißaus - und stand auch der Musik, die Claude Debussy in drei Monaten aus dem Boden gestampft hatte, eher verständnislos gegenüber.

Die ausufernden, symbolistisch geschwängerten Wortkaskaden D'Annunzios hat Alain Altinoglu, der das ORF-Radiosymphonieorchester Wien im Musikverein dirigierte, für die nun präsentierte Version verknappt. Was bis zum Tod des Heiligen und dessen Verklärung führt, füllt immer noch den Großteil der 90 Minuten, sodass vor allem die zwei Sprecher gefordert waren: Micha Lescot übte sich als Sébastien in Verzückung, Jean-Philippe Lafont (als Kaiser Augustus und in anderen Rollen) griff vor allem auf opernnahes, sonores Pathos zurück.

Wer wie der Kritiker und Freund Debussys Louis Laloy weiland bei der Uraufführung "Ungeduld, endlich Musik zu hören", verspürte, war zuweilen mit Passagen konfrontiert, die tatsächlich kaum über Theatermusik hinausgingen. Daneben aber schöpfte der Komponist aus dem Vollen der eigenen Erfahrung, aus der westlichen Musikgeschichte und anderen Kulturen: von der Gregorianik bis zum Wagner'schen Chromatismus, von schlichter Homofonie bis zu komplexen exotischen Harmonien und verzahnten Rhythmen.

Dirigent, Orchester und der Wiener Singverein boten das alles mit aufregender Farbigkeit und Kraft. Dass die beiden Altistinnen Isabelle Druet und Marianne Crebassa neben dem Sopran ein wenig verblassten, lag nicht nur an der Anlage des Werks, sondern vor allem an Patricia Petibon, die alle halsbrecherischen Wendungen mit betörender Klarheit leuchten ließ. Wenn das der Erzbischof gehört hätte! (Daniel Ender, DER STANDARD, 7.5.2013)

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