"Zement": Ein ganzer Sowjetstaat für das Recht der Toten

6. Mai 2013, 18:17
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Als Plädoyer für die Kraft der Umwälzung hat Dimiter Gotscheff Heiner Müllers Stück inszeniert

Die Ehrenrettung eines fast schon vergessenen Textes gelingt famos: Es geht nicht nur um die Sowjetunion, sondern um uns alle.


Im Zement-Werk des Münchner Residenztheaters rührt man keinen Mörtel mehr an. Eine granitgraue Grabkammer reicht bis an die Decke. Der Bodensockel in Ezio Toffoluttis Bühne bildet die Spielfläche, die während der nächsten dreieinhalb Stunden immer bedrohlicher nach vorn gekippt wird. Dimiter Gotscheff inszeniert Heiner Müllers epischen Bilderbogen Zement. Müllers (1929-1995) Stern ist nicht etwa verblasst, er ist durchscheinend geworden. Einer der größten Dramatiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts wird kaum mehr gekannt, wenig gelesen und fast gar nicht gespielt.

Müller wurde zusammen mit dem Kulturerbe der DDR entsorgt. Nicht viel anders ist es um die Geschichte der Russischen Revolution bestellt. Immerhin bildet sie den Vorwurf für Müllers 1972 aufgeschütteten Zement. Ein Heimkehrer (Sebastian Blomberg) aus dem Bürgerkrieg 1918-1920 findet seine Heimatstadt in Auflösung vor. Seine Frau Dascha (Bibiana Beglau) hat das gemeinsame Kind ins Heim gesteckt. Sie zieht es vor, in aufreibender Agitationsarbeit die revolutionäre Frohbotschaft ins Land hinauszutragen.

Den ehelichen Beischlaf verweigert sie ihrem proletarischen Odysseus. Hinter der Tragödie der sowjetischen Aufbauphase lauert bereits die Ehekomödie. Wie überhaupt Müller die Unterteilung in Schinder und Geschundene aufgehoben hat: Die Geschichte verschlingt die Figuren ohne Ansehen von Charakter und moralischer Kraft. Der Glaube der Massen an ihr Selbstbestimmungsrecht, die Hoffnung auf eine rosarote Zukunft wird von der allmächtigen Partei pervertiert.

Dem Anlass nach wirkt Zement fast noch "älter" als ein Drama über etruskische Töpfer. Unvorstellbar das Pathos, mit dem Müllers Figuren ihr Opfer bejahen.

Verschobener Konflikt

Die Konturen des tragischen Konflikts haben sich knirschend verschoben. Die Rückschläge auf dem Weg in den Sozialismus gleichen heute Markierungen an einer Straße ins Nichts. Der gebürtige Bulgare Gotscheff vereint in seiner feinen Arbeit zweierlei Herangehensweisen. Er mokiert sich nicht über die Revolutionäre von gestern. Aber er zeigt sie doch auch als soziopathologisch Verstörte. Gotscheff tut nicht so, als würde in der Sowjetunion etwas gegenwärtig Relevantes verhandelt. Aber er sieht voller Mitgefühl, wie Menschen aus dem Nichts heraus eine neue Gesellschaftsordnung errichten wollen.

Seine Inszenierung gleicht daher auch einem monumentalen Hochamt. Ein elfköpfiger Lumpenchor mit verklebten Augen heftet sich den Protagonisten an die Fersen.

Den ersten Auftritt hat eine Figur, die bei Müller ohne Umrisslinien bleibt. Daschas ins Heim abgeschobene Tochter Njurka (Valery Tscheplanowa) betritt im hellen Nachthemd die Bühne. Sie stimmt slawische Gesänge an. Sie spricht fortan Müllers "Intermedien", Prosatexte über Prometheus, Achilleus, Herakles, durch die das Geschehen zwischen den Sowjetbürgern sich schlagartig erhellen soll.

Njurka ist natürlich eine Tote: In Zement stirbt sie den Hungertod, besitzt kein Gesicht und keine Stimme. Übrig geblieben ist sie als Engel der Geschichte. Und Gotscheffs Hoffnung liegt im "Krieg der Landschaften" , in der Umwälzung der Erdschichten. Zukunft wird für die Denker in Heiner Müllers Nachfolge eher nicht an Brüsseler Konferenztischen gemacht. Die Religiosität dieses Denkens liegt im einmaligen Erscheinen einer Zukunftshoffnung, wie unbegründet diese auch immer gewesen sein mag.

Das Spiel ist von funkelnder Gegenwärtigkeit. Heimkehrer Tschumalow (Blomberg) gibt sich als Sisyphos zu erkennen, der einen Granitblock über die Schräge wuchtet. Und Sisyphos ist in der Tat noch etwas älter als der älteste Sowjetbürger. Dascha (Beglau) stellt dafür in ihrem Soldatenmantel das Gehabe einer Nibelungen-Königin zur Schau.

Das Herzstück der famosen Aufführung bilden die Chorpassagen. Das Heer der Gesichtslosen hüpft im Takt der Schreibmaschine, wuchtet Granitsteine und verliert sich im Dickicht der Geschichte. Das Leben, so Gotscheff, geht weiter. Es hat Sinn, wenn man den Toten Platz und Stimme einräumt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 7.5.2013)

  • Der Heimkehrer Tschumalow (Sebastian Blomberg, sitzend) reißt die kleinstädtische Sowjetbevölkerung aus dem Schlaf der Vernunft. Bewegendes Plädoyer für einen schwierigen Text in München.
    foto: armin smailovic

    Der Heimkehrer Tschumalow (Sebastian Blomberg, sitzend) reißt die kleinstädtische Sowjetbevölkerung aus dem Schlaf der Vernunft. Bewegendes Plädoyer für einen schwierigen Text in München.

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