Schicksalstag für die Schwedenbombe

7. Mai 2013, 09:09
127 Postings

Neben Manner und Heindl finden auch Pez, Vivatis und der Chocolatier Hochleitner Geschmack an Niemetz

Neben Manner und Heindl finden Pez, Vivatis und Hochleitner Geschmack an Niemetz. An einem Verkauf des insolvente Traditionsbetriebs führt kein Weg mehr vorbei. Die Gläubiger wollen 80 Prozent als Barquote. Ein Neustart erfordert mehrere Millionen Euro.

Wien – Es war die größte und effektivste Werbeaktion für Schwedenbomben in den vergangenen Jahrzehnten. Auslöser dafür waren eine Insolvenz und die Kaufaufrufe tausender Fans übers Internet. Am hohen Kapitalbedarf des Schaumkuss-Herstellers Niemetz hat die plötzliche Solidaritätswelle quer durchs Land allerdings nichts geändert: Heute Dienstag entscheidet sich, ob der Traditionsbetrieb eine Sanierung aus eigener Kraft stemmt, den Weg für neue Eigentümer frei macht oder zusperrt.

Die Gläubiger fordern eine Barquote von 75 bis 80 Prozent, erfuhr der Standard aus Verhandlungskreisen. Das sind 3,3 bis 3,5 Millionen Euro, die sofort fällig sind. Die Verfahrenskosten sind darin noch nicht eingerechnet. 75 Prozent bot bis Montag der führende Bieter. Von der Zerschlagung des Betriebs erwarten sich Gläubiger 51 bis 86 Prozent Barquote.

Dass die bisherige Eigentümerfamilie das Geld unverzüglich auf den Tisch legt, schließen Kreditversicherer mittlerweile aus. Diese hat bisher keine Finanzierungsabsichten geäußert. Sie habe wenig professionell, nicht kooperativ agiert, sagen Gläubigervertreter.

An Interessenten für die Wiener Süßwarenmarke fehlt es nicht, etliche unter ihnen fanden sich vergangenen Donnerstag in der kleinen Fabrik ein, um sich selbst ein Bild über die Räumlichkeiten zu verschaffen. Lust auf Schwedenbomben neben dem Schnittenerzeuger Manner und der Wiener Confiserie Heindl hat auch die oberösterreichische Haas-Gruppe. Sie ist neben Backpulver, Pudding, Senf bekannt für die Kultmarke Pez – und holte sich 2007 mit dem mehr als 140 Jahre alten Wiener Betrieb Egger die Hustinettenbären und Sportgummis unter ihr Dach.

Auch der Linzer Lebensmittelkonzern Vivatis reiht sich unter die Bomben-Liebhaber. Er ist Teil des Portfolios der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich und hält Marken wie Maresi, Inzersdorfer, Knabber Nossi und Himmeltau. Bei Niemetz in der Causa gesichtet wurde zudem der Kamelmilchverarbeiter und Salzburger Chocolatier Hans Georg Hochleitner.

Der Mühlviertler Süßwarenspezialist Kastner zeigte sich dem Betrieb ebenso zugeneigt.

Dem Wiener Risikokapitalgeber Gamma Capital Partners schwebt im Konsortium mit Ex-Rewe-Chef Martin Lenz, dem Industrie-Experten Peter Artenberg und Ex-Baumax-Chef Clemens Bauer mittelfristig bei Vervierfachung der Produktion sogar ein Börsengang mit den Schwedenbomben vor – was die Branche jedoch mit Kopfschütteln quittiert. Alles in allem zählte Niemetz seit Februar mehr als ein Dutzend Kaufanwärter.

Der Kreis der Bieter soll sich heute auf vier reduzieren. Die Entscheidung könnte bereits bis Ende kommender Woche fallen, Deadline ist Ende Mai.

Viele kalte Füße

Viele Interessenten haben nach ihrer Visite des veralteten Maschinenparks und Lagers auf 3600 Quadratmetern ohnehin kalte Füße bekommen. An die acht Millionen Euro seien für den Neustart gefragt, 3,6 brauche es allein für neue Maschinen. Man müsse froh sein, wenn sich das nach zehn Jahren rentiere, resümiert ein Süßwarenerzeuger. "Da braucht es ein Herz wie ein Bergwerk, sonst wird es einem dabei angst und bange."

Andere wie die Brüder Heindl, die schon die Pischinger-Ecken in ihrem Haus integrierten, würden dies in abgespeckter Form auch mit der Schwedenbombe tun. Niemetz muss sich mit 66 Mitarbeitern, deren Know-how als Herzstück des Betriebs gilt, in jedem Fall eine neue Bleibe suchen: Aus der Fabrik werden Wohnungen.

(Verena Kainrath, DER STANDARD, 7.5.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Welle der Solidarität erfasste Niemetz nach der Insolvenz. Die starke Nachfrage ließ die Produktion kurzzeitig wieder auf vollen Touren laufen. Jetzt braucht es unverzüglich mehr als zwei Millionen Euro. Ansonsten wird der Weg für Investoren frei.

Share if you care.