Gesellschaftstanz für versehrte Seelen

6. Mai 2013, 17:29
posten

Die Performancekünstlerin Angélica Liddell eröffnet das Schauspielprogramm der Festwochen. In "Todo el cielo ..." zelebrieren Straßentänzer aus Schanghai den Walzer

In der Fußgängerzone Nanjing Lu in Schanghai wird von mittags bis spät in die Nacht hinein Walzer getanzt. Xie Guinü und Zhang Qiwen sind dort seit zwanzig Jahren ein Paar, das mit Hunderten anderen in seiner Freizeit auf der Straße tanzt. Xie Guinü hat sogar ihr Friseurgeschäft aufgegeben, um für das Tanzen mehr Zeit zu haben.

Die beiden Pensionisten, knapp über siebzig Jahre alt, sind nun in Spanien gelandet. Sie sind Performer in Angélica Liddells neuer Arbeit Todo el cielo sobre la tierra: El síndrome de Wendy ("Der ganze Himmel über der Erde: Das Wendy-Syndrom") und proben seit einem Monat in Madrid.

"Ich habe ihnen stundenlang beim Tanzen zugesehen. Es ist wunderschön, weil es größtenteils alte Menschen sind, die sich dort in den Straßen bewegen", sagt Liddell im Standard-Gespräch am Rand der Proben. Die 1966 in Figueres geborene Performerin ist seit längerem eine Schlüsselfigur der spanischen Theaterszene. Am Donnerstag eröffnet das Stück in der Halle G im Museumsquartier das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen.

Todo el cielo sobre la tierra, ein Auftragswerk der Festwochen, ist der abschließende Teil einer Trilogie, in der sich die spanische Performerin mit China befasst hat (Die beiden ersten Teile Maldito (2011) und Ping Pang Qiu (2012) waren nicht im deutschen Sprachraum zu sehen). Worum geht es? "Um das Schlechte im Menschen", so Liddell.

In einem Kulturzentrum in der fünfzig Kilometer vor Madrid gelegenen Gemeinde Escorial, berühmt durch sein gleichnamiges Renaissancekloster, arbeitet Angélica Liddell mit Schauspielern, Tänzern und Musikern an einer Geschichte über die Angst, verlassen zu werden. Auch Xie Guinü und Zhang Qiwen sitzen am Bühnenrand und warten auf ihren Walzereinsatz. In der Mitte ist ein Erdhügel aufgeschüttet, darin stecken Blumen, darüber schweben an unsichtbaren Fäden befestigte Schaumstoff-Krokodile. Eine Kulisse, deren Märchenhaftigkeit bittere Düsternis verbreitet.

Wie immer bei Liddell geht es um schmerzvolle Seelenzustände, um das Unheil im Inneren. "Das Schlimmste an der Einsamkeit ist, dass wir das Verlangen geliebt zu werden, nicht abstellen können. Wir hassen alle Menschen, aber wir haben das Bedürfnis, geliebt zu werden", heißt es im Stück. Alle wollen geliebt werden, auch Anders Breivik, der Attentäter von Utöya. Dokumentation und Fiktion mischen sich. Für den fiktionalen Teil schlüpft Liddell in die Figur der Wendy aus Peter Pan.

Heiße Pistolenhälse

Als Wendy, Peter Pans Gefährtin im Niemandsland, die Kinder liebt und sich ihrer annimmt, blickt Liddell im zitronengelben Prinzessinnenkleid auf die verschiedenen Schauplätze: auf Utøya, auf Schanghai, auf Seoul. Szenen und Erzählung wechseln einander ab. Dabei bleiben auch Pistolenhälse nicht kalt.

Aus Seoul kommt die Musik für Liddells Performance. Cho Young Wuk, herausragender musikalischer Kollaborateur in vielen Filmen von Park Chan-wook, hat jene Walzermusik komponiert, zu der nun ab Donnerstag Xie Guinü und Zhang Qiwen tanzen werden – erstmals mit einem Live-Orchester.

Liddell meint, das Stück sei eigentlich den beiden Straßentänzern gewidmet. "Die beiden sind Helden. Als ich sie zum ersten Mal tanzen sah – ich habe sie stundenlang beobachtet -, musste ich sofort an die Musik von Cho Young Wuk denken. Es ist, als ob ich ihnen damals schon ein Versprechen gegeben hätte, dass sie irgendwann zur Musik eines Live-Orchesters tanzen können."

Angélica Liddell kehrte ein Jahr nach ihrer ersten Reise ein weiteres Mal nach Schanghai zurück, diesmal mit einem Dolmetscher und dem Plan, die Tänzer für ihre nächste Performance zu gewinnen. Der einzige, der gleich Ja sagte, war Herr Zhang. Mit jener ungebändigten Kraft, die nur Laien haben können, ziehen sie nun auf bezaubernde Weise die Aufmerksamkeit auf sich.

Todo el cielo sobre la tierra: El síndrom de Wendy, eine Koproduktion mit dem Tanzquartier Wien, reiht sich thematisch nahtlos in das bisherige Schaffen Angélica Liddells ein. Zwei ihrer Arbeiten waren bisher in Österreich zu sehen. Einerseits San Jeronimo (2011), eine Geschichte der Selbstverletzung, und 2012 das viel getourte La casa de la fuerza über die an Frauen verübte Gewalt, beide im Rahmen der Wiener Festwochen.

Die körperliche Darstellung geschundenen Seelenlebens hat dabei immer eine gesellschaftliche Dimension. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 7.5.2013)

  • Angélica Liddell in einer Probenaufnahme für "Der ganze Himmel über der Erde: das Wendy-Syndrom".
    foto: angélica liddell

    Angélica Liddell in einer Probenaufnahme für "Der ganze Himmel über der Erde: das Wendy-Syndrom".

Share if you care.