"Ich habe ein Rendezvous mit dem Tod"

7. Mai 2013, 05:34
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Die Fremdenlegion ist mehr als ein Mythos, in aktuellen Konflikten wie in Mali steht sie an der Front. Jüngst feierte die sonderbarste Truppe der Welt den 150. Jahrestag eines Scharmützels, das auch Österreich betraf

"Hey, hast du einen Schraubenzieher?", ruft der asiatische Legionär von der Leiter. Der vorbeigehende Waffenbruder schüttelt den Kopf und pfeift seine Melodie weiter. "Warum nicht?", insistiert der Ukrainer vorwitzig. Nun lacht der schneidige Nordafrikaner mit seinen blitzenden Zähnen: "Ich sag doch, ich hab keinen Schraubenzieher. Ich hab nur Mut!"

Auf Französisch klingt das noch besser: Courage. Wie anno 1863 im mexikanischen Camerone. Damals, es war der 30. April, stoppten 65 Legionäre einen Tag lang den Ansturm von 2000 Mexikanern, darunter 800 Reitern. Hauptmann Danjou verbarrikadierte sich mit seinen Mannen in einer Hazienda und hielt bei sengender Hitze ohne Nahrung und Wasser bis zum letzten Blutstropfen aus. Als jeder nur noch eine Patrone hatte, feuerten sie eine letzte Salve ab und griffen die feindliche Übermacht mit blankem Bajonett an. Sie fielen mit "Ehre und Loyalität", wie die Legionsdevise lautet. Dank ihrem Ausharren konnte die französische Armee einen Konvoi nach Puebla durchbringen und danach Mexiko-Stadt erobern (siehe "Wissen").

Im langsamen Rhythmus

150 Jahre später haben sich Vertreter der elf Legionsregimenter an ihrem Hauptstützpunkt in Aubagne bei Marseille versammelt. Tausende Zaungäste sitzen um das Exerzierfeld. Es ist totenstill, nur die Standarten knattern im Mistral wie Pistolenschüsse. Endlich setzt sich das erste Regiment in Bewegung, breitbeinig, im langsamen Rhythmus der Legion. Mit weißen Kepis, roten Epauletten und grünen Krawatten schmettert eine Blechmusik die Marseillaise, dann hält der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian eine Ansprache an die "große Familie der Fremdenlegion, deren Kampfesmut in Camerone allen Soldaten bis in die gegnerischen Reihen Respekt abverlangt". Erst am Vortag sei der Korporal Duval in Mali gefallen.

Das Fallschirmspringer-Regiment der Fremdenlegion war in Mali seit Beginn der französischen Operation Serval an vorderster Front dabei. "Diese Soldaten sind der Stolz Frankreichs, Beispiel der nationalen Integration", sagt Le Drian mit Verweis auf das Legionsprinzip der "zweiten Chance". Damit ist die Möglichkeit der Rekruten gemeint, ihr früheres Leben hinter sich zu lassen und mit dem Eintritt in die Legion eine neue Identität anzunehmen.

36.000 Legionäre seien in fast zwei Jahrhunderten für die Nation gefallen, verkündet eine Stimme aus dem Lautsprecher. "Ruhm all diesen Ausländern, die einige der schönsten Seiten der französischen Geschichte geschrieben haben."

Handprothese als Reliquie

Es folgt die Truppenparade, angeführt von den Pionier-Legionären mit ihren Lederschürzen, Äxten und ebenso imponierenden Bärten. Fahnenträger bringen die hölzerne Handprothese des Hauptmanns Danjou - sie wurde in Camerone gefunden und stellt seither die heiligste Reliquie der Truppe dar - in die Krypta der Legion.

Im selben Gebäude wird an diesem Tag das neue Museum der Fremdenlegion eingeweiht. Wüstenuniformen, Orden und Medaillen, Spuren der historischen Garnison Sidi-bel-Abbès in Algerien zeugen von der bewegten Geschichte der mythischen Kampftruppe, der einzigen in Frankreich neben den U-Boot-Besatzungen, die bis heute keine Frauen aufnimmt.

"Gott weiß, dass es besser wäre, tief in den Seidenkissen und parfümierten Duvets im zarten Schlummer der Liebe zu liegen", heißt es in einem Gedicht des amerikanischen Ex-Legionärs Alan Seeger an der Museumswand. "Aber ich habe ein Rendezvous mit dem Tod. Und ich halte Wort: Dieses Rendezvous werde ich nicht verpassen."

Irgendwo singt Edith Piaf "Mon Légionnaire", das Hohelied auf den Soldaten, der "gut nach Sand schmeckte": "Er war voller Tätowierungen, die ich nie recht verstanden habe. Auf seinem Hals hieß es  1aNicht erblickt, nicht ergriffen'."

Legio patria nostra, die Legion ist unser Vaterland, steht am Eingang des Gebäudes. Man verpflichtet sich für mindestens fünf Jahre und bricht die Brücken zu seiner Vergangenheit ab. Auch familiär: Der einmal aufgenommene Legionär gilt laut Musterungsbroschüre "unabhängig von seiner realen Familiensituation als ledig". Trotzdem stehen die Kandidaten in Aubagne Schlange. Nur jeder zehnte wird genommen. Mörder und Vergewaltiger sind heute von vornherein ausgeschlossen, erläutert Hauptmann Fraysse; bei den Übrigen gebe notfalls Interpol Auskunft.

Geht das Legionärsimage des "mauvais garçon", des schlecht beleumundeten Abenteurers verloren? "Nicht ganz", schmunzelt Fraysse. Selbst die wildesten Kerle würden im Zaum gehalten durch eiserne Disziplin, den legendären Gehorsam und das Traditionsbewusstsein der Legionäre.

7200 sind es derzeit noch, Tendenz aus Spargründen leicht fallend. Sie dienen in elf Regimentern in Südfrankreich, Korsika, Französisch-Guayana, Mayotte und den Arabischen Emiraten. Derzeit stammen sie aus nicht weniger als 140 Nationen - 40 Prozent kommen aus Osteuropa, 15 Prozent aus Afrika und dem arabischen Raum, zehn Prozent aus Asien, der Rest aus dem Westen. "Frankreich nimmt alle auf", sagt Oberst Cyrille Youchtchenko mit Stolz und slawischem Akzent. "Unser Kitt ist die französische Sprache. Sie ist das Vehikel unserer Integration in Frankreich."

Die Aufstiegschancen der Multikultikrieger sind allerdings beschränkt: Die höchsten Offiziere sind Franzosen. "Wir sind keine internationale Truppe, wir gehören zur französischen Armee", rechtfertigt sich der Kommandant der Legion, General de Saint-Chamas, ein Mann voller Esprit, der nicht von "Drill" spricht, sondern elegant sagt: "Unsere Pädagogik ist die Wiederholung."

Die Haudegen sind die echten Fremden unter den Legionären. Zu Weihnachten - es wird en famille gefeiert, das heißt in der Legion - habe er ein paar Paras besucht, erzählt der General. "Wir wollen Aktion", seien die ihm in den Ohren gelegen. "Ich sagte ihnen, habt Geduld, haltet euch bereit. Und schon im Jänner sprangen sie in Mali über Timbuktu ab." Das war für die Burschen auch eine Art Weihnachtsbescherung. (Stefan Brändle aus Aubagne, DER STANDARD, 7.5.2013)

Wissen: Wegbereiter für Maximilians kurze Kaiserwürde

Die Frage böte Stoff für eine Geschichtsdissertation: Wäre Mexiko ohne die Fremdenlegion jemals zu einem – zumal österreichischen – Kaiser gekommen? Wir schreiben das Jahr 1863, die französischen Truppen belagern die Stadt Puebla. Auf Betreiben konservativer Mexikaner und der katholischen Kirche – die damals noch 90 Prozent Boden des unabhängigen Staates besitzt – hat der französische Kaiser Napoleon III. an die 26.000 Mann nach Mexiko geschickt. Den Vorwand lieferte die Weigerung von Präsident Benito Juárez, den europäischen Gläubigern die Staatsschulden zu begleichen.

Die Belagerung Pueblas durch die Franzosen war militärisch entscheidend. Der heroische Widerstand von 65 Fremdenlegionären im Dorf Camerone ermöglichte die Passage eines wichtigen französischen Konvois. Kurz darauf nahmen die Franzosen Puebla ein, womit sie freie Bahn nach Mexiko-Stadt hatten. Dort setzten sie 1864 den österreichischen Erzherzog Maximilian als Kaiser ein. Mit diesem Schachzug suchte Napoleon III. eine europäische Einheitsfront für seine "expédition mexicaine"  zu bilden und das zuvor bei Solferino geschlagene Österreich dafür zu gewinnen.

Maximilian schlug alle Warnungen, unter anderem seiner belgischen Gattin Charlotte, in den Wind und trat das Amt an. In der ersten Nacht in Mexiko-Stadt schlief der jüngere Bruder von Kaiser Franz Joseph auf einem Billardtisch. Von den Europäern im Stich gelassen, im Volk ohne Unterstützung, hatte er aber keine Chance. 1867 wurde er von Benito Juárez abgesetzt und zum Tode durch Erschießung verurteilt. Er starb so tapfer und ehrenhaft wie die 65 Fremdenlegionäre, die ihm bei Camerone den Weg zur Kaiserwürde geebnet hatten.

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    Bruch mit der Vergangenheit als "zweite Chance": Fremdenlegionäre bei der Jubiläumsparade in Aubagne.

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