Make love, not polyamory

Leserkommentar6. Mai 2013, 11:14
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Warum es nicht funktionieren kann, wenn man mit mehr als einem Menschen eine Beziehung führt

Liebe und Sexualität haben eine befreiende Dimension. Die vor kurzem auf derStandard.at geschilderte Poly-Hochglanzwelt hingegen ist meiner Meinung nach eine aggressive Ideologie, die argumentativ eher ein langbeiniger Dali'scher Elefant als eine sichere Grundlage für ein glückliches Leben darstellt. Man könnte Polyamorie als einen sexpositiven Versuch deuten, die bürgerliche Doppelmoral zu überwinden. Diese Überwindung funktioniert - wie ich zeigen werde - aber überhaupt nicht. Es gibt gröbste Probleme mit der Konsistenz der schönen, neuen Poly-Welt. Es folgen viermal Analysis und einmal Synthesis.

Von der mononormativen zur polynormativen Weltordnung?

Die polyamore Ideologie konstatiert einen non-monogamen Urzustand à la Rousseau, der erst von den bösen gesellschaftlichen Institutionen mononormativiert wird. Für den Polyamoristen ist das die Destruktion von etwas Ursprünglichem und Natürlichem. Er sieht sich offenbar als den edlen Wilden der Sexualität. Die Monogamen hingegen betrachtet er als vom kapitalistischen Patriarchat unterjochte Sklaven. Das ist, denke ich, folkloristischer Kitsch. Musikantenstadl für Bobos.

Die Polyamorie reetabliert keinen befreiten Naturzustand, sondern will die gesellschaftlich konstruierte Norm der romantischen Zweierbeziehung durch ihr eigenes Alternativkonstrukt ersetzen: Aus der mononormativen Welt soll eine polynormative werden. Ein solcher Paradigmenwechsel wäre aber regressiv, und er wird schon deshalb niemals stattfinden, weil das polynormative Konstrukt nur in einem parasitären Verhältnis zum mononormativen denkbar ist.

Missionierung, Monogamie soft und Patriarchat light

Die polynormative Weltanschauung erweist sich bei der Rekrutierung neuer Liebespartner als missionarisch: Aus dem mononormativen Ozean, der die Poly-Insel umgibt, muss der Poly ein neues Subjekt herausfischen. Haben hier patriarchale Männer eine neue Technik des Fischens entwickelt, oder sind das die neuen, herrschaftsfreien Männer? Wird hier das Patriarchat überwunden oder nur der patriarchale Besitzanspruch auf die Sexualität der Frau gegen die polyamore Freiheit auf anderwärtige Bedürfnisbefriedigungsansprüche eingetauscht?

Polyamorie ist niemals herrschaftsfrei

Da die polyamoren Männer weiterhin das Oberhaupt der Haupt-(sic!-)beziehung bleiben, haben sie wenig verloren und viel gewonnen. Die Hauptbeziehung selber aber hat - was die sogenannte geistige (denk: unromantisch-narzisstisch kalkulierende) Liebe und Verbundenheit zwischen den beiden Partnern betrifft - übergeordnet-herrschaftlichen, quasi-monogamen Charakter. Nur eine gleichberechtigte, herrschaftsfreie monogame Beziehung verwirklicht das Ideal der romantischen Liebe. Die Polyamorie hingegen ist per definitionem niemals herrschaftsfrei. Die Polyamorie transportiert das patriarchale Machtgefälle zwischen Herrn und Sklaven symbolisch weiter: Die Hauptbeziehung ist dominant (der Mann im Patriarchat), die Nebenbeziehung ist subordiniert (die Frau im Patriarchat). Polyamorie ist also keine revolutionäre Überwindung des Patriarchats, sie ist Patriarchat light: eine perfide, postmodern gewundene Form des Patriarchats.

Praktikabilität

Die Monogamie ist ein praktisches Postulat: Jeder Mensch hat nur begrenzte Zeit zur Verfügung - von Montag bis Sonntag. Von der Früh bis zum Abend. Der nicht nur physisch erwachsene Mensch lebt ein verantwortungsvolles Leben: Er muss einem Beruf nachgehen. Von Montag bis Freitag. Von der Früh bis (fast) zum Abend. Danach muss er alleine sein und sich erholen, sich um seinen Lebenspartner (und die gemeinsamen Kinder) kümmern. Danach kann er mit seiner Frau/seinem Mann schlafen oder auch nicht. Danach: einschlafen. Morgen: aufstehen! Wochenenden sind ein bisschen anders: Hier kann er sich, wenn er noch die Energie hat, eingehender um seine Familie kümmern, Freundschaften pflegen, gelegentlich einmal ein Buch in die Hand nehmen und so weiter. Alles das geht sich kaum in der in einem einzigen Leben vorhandenen Wochen-Zeit aus. Viele monogame Partnerschaften zerbrechen daran.

Wie zum Teufel will der Polyamorist mir weismachen, dass er nicht nur einen Partner eingehend lieben kann - ihn sexuell befriedigen, die gemeinsamen Kinder ökonomisch wie emotional versorgen -, sondern viele? Der Polyamorist lebt nicht in der 40-Stunden-Wochen-Welt. Die ethische Polyamorie ist praktisch unmöglich. Sogar für Menschen, die - wie Obelix -, als sie klein waren, in den Kokainsack geplumpst sind. Und selbst wenn die Energie grenzenlos wäre, die Zeit ist es nicht.

Liebe lässt sich nicht quantifizieren

Die quantitative These des Polyamoristen - wahrscheinlich sein Hauptargument - lässt sich zusammenfassen in der Gleichung: more lovers = more love. Diese Gleichung ist eine Pseudo-Gleichung der folgenden Art:  f(♥) = 3. Die menschliche Liebe lässt sich ebenso wenig funktionalisieren und quantifizieren wie das menschliche Glück in der kapitalistischen Warenwelt. Der Gedanke der Liebesglückmaximierung durch Partnerpluralisierung ist nichts anderes als eine narzisstische Neuinszenierung des dem Kapitalismus (Herr und Sklave - Haupt- und Nebenbeziehung) innewohnenden Prinzips der Profitmaximierung. Liebe lässt sich aber niemals quantifizieren oder objektivieren, weil sie die innere Fähigkeit des Subjekts ist, sich produktiv auf sich selbst und seine Mitmenschen zu beziehen. Die Instrumentalisierung der Liebes-Objekte führt zur Pseudo-Liebe. Der Polyamorist erhebt in ihr die entfremdeten Liebes-Verhältnisse des monogamen Fremdgehers zu seiner Ethik. Die Polyamorie ist nicht tantrisch-religiöse Vereinigung, sondern ein Solo-Mindfuck. Leute, wacht auf: Der gute Sex ist fern.

Synthesis

Polyamorie scheint die Wiedergeburt einer historisch ausrangierten Sexualalternative in der Form eines berufsjugendlichen Neo-Hippietums aus Boboistan zu sein. Erich Fromm hat der westlich-kapitalistischen Konsumgesellschaft - nicht zu Unrecht, wie ich meine - eine Unfähigkeit zu lieben konstatiert. Sich selbst und andere zu lieben ist eine Kunst, die mühevoll erlernt und kultiviert werden muss. Respekt und Liebe sind die einzige Alternative zur Entfremdung durch den Kapitalismus.

Die polyamore Liebes-Dialektik ist nur als Ort der Monogamiepausen und als jener der dynamischen Selbst-Rekonstruktion schlüssig. Nicht jedoch als stabile Lebensphilosophie eines erwachsenen Menschen, der sich ganz auf ein anderes Du einlassen will. Die Liebe hat Tiefe. Polyamorie liebt in die quantitative Breite. In ihr werden Bedürfnisbefriedigungsobjekte im Beziehungspark gehalten. Sie ist keine links-progressive Alternative zur bürgerlich-monogamen Zweierbeziehung, sondern ein inkonsistenter, konsumistischer Narzissmus, der patriarchale Muster bestätigt, anstatt sie zu dekonstruieren.

Wenn es darum geht, ein verantwortungsvolles Erwachsenenleben mit beschränkten Zeitressourcen für intime Begegnungen zu führen, wenn man gemeinsame Kinder plant oder der Auffassung ist, dass sich intensiv auf eine Person einzulassen erfordert, sie - genauso wie einen selbst - mit all der Kraft der eigenen Seele zu lieben, dann konvergieren alle aus dem Es stammenden heterogenen Impulse ins heuristische Prinzip der Monogamie.

Konklusio

Ich wünsche jedem Menschen ein intensives, vor allem aber ein Liebe-volles Leben. Wo diese Fülle zu suchen ist, soll jeder Mensch - in jedem Lebensabschnitt - für sich selbst entscheiden. Wer meine Worte nicht gegen den Strich liest, wird sehen, dass sie alle Menschen umarmen; vor allem meine polyamoren Freunde. Namaste.

Der Mensch scheint weder für Polyamorie noch für Monogamie geschaffen zu sein. Der Mensch ist überhaupt nicht geschaffen. Er schafft sich selber. Er muss es selber schaffen. Ich wünsche euch allen viel Glück dabei. Omnia vincit amor. (Michael Maurer, Leserkommentar, derStandard.at, 6.5.2013)

Michael Maurer ist ein Bauer aus Kärnten, der an der University of Southampton Philosophie unterrichtet hat und an seinem PhD über den späten Wittgenstein arbeitet. Seit seiner Rückkehr aus England lebt er in Wien und in Kärnten und engagiert sich auch politisch. Der ungekürzte Originalartikel findet sich hier. Für Feedback oder (monogame) Heiratsanträge erreichen Sie den Autor unter pascalwitt@hotmail.com.

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