"Ohne Geld schafft man schwer eine Gedenkkultur"

5. Mai 2013, 18:20
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Mehr als vierzig Lager in Österreich betrieben die Nazis einst neben dem KZ Mauthausen - Ehrenamtliche, die dort die NS-Aufarbeitung vorantreiben wollen, sind bis heute mit bürokratischen Barrieren und Auswüchsen konfrontiert

Wien - An mehr als vierzig Orten errichtete die SS einst in der "Ostmark" Stätten, in denen sie bis 1945 mehr als 120.000 Menschen zu Tode geschunden und gequält hat. Doch das staatliche Gedenken hierzulande gilt bis heute fast ausschließlich dem braunen Terror im Konzentrationslager Mauthausen - so auch heuer wieder anlässlich der Befreiung durch die US-Truppen am 5. Mai. An anderen Tatorten von NS-Verbrechen ist ein regelmäßiges Gedenken nicht gewährleistet.

Ehrenamtliche, die seit Jahren die Aufarbeitung an anderen Schauplätzen vorantreiben wollen, fordern nun vom offiziellen Österreich ein eigenes Gedenkstättengesetz ein, damit die mehr als vierzig Nebenlager von Mauthausen sowie andere Orte des Schreckens festgeschrieben werden. Denn damit, so die Hoffnung der Freiwilligen, stünden ihnen statt bürokratischer Barrieren endlich auch mehr Mittel für ihre Arbeit zur Verfügung.

Auch Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen-Komitees, drängt darauf. Fast sieben Jahrzehnte danach weiß er immer noch von Lehrern zu berichten, die zwar mit ihren Schulklassen nach Mauthausen anreisen, jedoch keine Ahnung davon haben, was sich in ihrem Bundesland, oft nur wenige Kilometer vor der eigenen Haustüre, abgespielt hat. "Es ist höchst an der Zeit, auch all die Außenlager ins Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen", sagt Mernyi.

Hintergrund für das lange Zögern ist nicht nur das Verdrängen, sondern auch das liebe Geld. Die Subventionen vom Innenministerium, formal mit der Gedenkstättenpflege in Mauthausen befasst, fließen fast ausschließlich in das ehemals größte Lager mit den härtesten Haftbedingungen - und für andere Mahnmale bleibt da oft kaum etwas übrig. Zwar sorgen auch einige Länder - mehr oder weniger wohlwollend - für Förderungen, verpflichtet dazu sind sie freilich nicht.

Millionen von Strasser

Der rechtsfreie Spielraum treibt mitunter recht skurrile Blüten. So hat Innenminister Ernst Strasser zu Zeiten von Schwarz-Blau für den Verein Schloss Hartheim, der die Geschichte der NS-Euthanasiestation aufarbeitet, zwar einst sieben Millionen Schilling lockergemacht. "Allerdings hat mir Strasser damals erklärt, dass er dafür eigentlich keine gesetzliche Grundlage hat und gespannt ist, was der Rechnungshof dazu sagt", erinnert sich Hubertus Trauttenberg, Altobmann des Vereins. Nur den Opferfriedhof am Rande des Areals erhält das Innenressort, für Erhalt und Betrieb der NS-Gedenkstätte hat neben dem Verein das Land Oberösterreich Geldgeber aufgetrieben und sogar eine Stiftung mit sieben Millionen Euro eingerichtet.

Im "roten Wien" erinnert seit 2003 eine Gedenkstätte am Steinhof, betrieben und erhalten durch die Gemeinde, an das NS-Medizinversuchszentrum "Am Spiegelgrund", wo Experimente an 800 Kindern durchgeführt wurden. Doch auch dafür brauchte es zuerst jahrelange Proteste Hinterbliebener.

In Kärnten wiederum konnte Peter Gstettner, Pädagogik-Professor an der Universität Klagenfurt, in den Neunzigerjahren nur mithilfe des Denkmalamtes verhindern, dass die Überreste des ehemaligen KZ am Loiblpass weiter verfallen, wo bis 1945 über 1600 Häftlinge einen Tunnel nach Slowenien zu graben hatten. Wer nicht mehr konnte, wurde entweder gleich vor Ort ermordet oder nach Mauthausen geschickt - und damit in den Tod.

Heute befindet sich auf der slowenischen Seite eine Gedenkstätte samt großem Denkmal, diesseits der Grenze müssen es ein paar freigelegte Fundamente tun. Das Innenressort hat nur die Rodungen auf dem Areal, die Freilegungen und einige Orientierungstafeln übernommen. Gstettner: "Ohne Geld schafft man schwer eine Gedenkkultur, die auch für die örtliche Bevölkerung so wichtig wäre." Ein Gedenkstättengesetz würde nicht nur Geld für den Erhalt, sondern auch für Expertisen gewährleisten, meint der Wissenschafter.

In Deutschland ist das Gedenken an die Todesstätten der NS-Zeit übrigens längst dezentralisiert - dort verwalten sie Stiftungen und ihre Beiräte. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 06.05.2013)

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    Der neue "Raum der Namen" im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen: An anderen Tatorten von NS-Verbrechen ist bis heute ein regelmäßiges Gedenken an die Opfer nicht gewährleistet.

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