Leidensdrama hinter Gittern

5. Mai 2013, 17:19
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Oper "Stallerhof" an den Innsbrucker Kammerspielen

Innsbruck - Im Bühnenhintergrund verbirgt sich das Orchester hinter einem textilen Prospekt mit Caspar-David-Friedrich-Motiv. Düstere Wolken brauen sich darauf zusammen, und das Kreuz Christi ragt drohend in den Himmel. Die Handlung auf der Bühne vollzieht sich in einem riesigen Käfig, als Sinnbild für die unerträgliche Enge und Ausweglosigkeit der Situation. Jenseits der Gitterstäbe liegen die Freiheit, die Sehnsucht, liegt München!

Auf dem Stallerhof führt die geistig zurückgebliebene Beppi (Sophie Mitterhuber) eine bedauernswerte Existenz. Von ihren kaltherzigen Eltern (Norbert Schmittberg, Susanna von der Burg) hat sie nichts zu erwarten, einzig der dumpfe Knecht Sepp (Wieland Satter) kümmert sich um sie. Dieser vergeht sich jedoch an dem heranwachsenden Mädchen, vergewaltigt es - und Beppi wird schwanger.

Als Franz Xaver Kroetz das Theaterstück Stallerhof 1972 verfasste, wurde es zum Skandal. Im Stück wird masturbiert, vergewaltigt, gevögelt - und im Namen des sechsten und in Verstoß gegen das fünfte Gebot soll abgetrieben werden. Damals wurde eine Tiroler Lehrerin von der Schulbehörde fristlos entlassen, weil sie mit ihren 14-jährigen Schülerinnen das Stück im Unterricht behandeln wollte. Selbst Interventionen von Heinrich Böll und Hellmuth Karasek blieben für die Lehrerin folgenlos.

Kührs internationaler Erfolg

Es war möglicherweise dieser beschämende Vorfall in Tirol, der den österreichischen Komponisten Gerd Kühr veranlasste, Stallerhof zu vertonen. Die Uraufführung bei der Münchner Biennale 1988 wurde ein Riesenerfolg; Kühr gelang damit international der Durchbruch.

Regisseur Johannes Reitmeier hat nun die Oper in einer beeindruckenden wie beklemmenden Inszenierung auf die Bühne der Innsbrucker Kammerspiele gebracht.

Die Sänger meistern ihre Partien nicht nur stimmlich, sondern überzeugen vor allem auch durch ihre schauspielerische Leistung. Das Tiroler Ensemble für Neue Musik unter der Leitung von Hansjörg Sofka macht Gerd Kührs eindringliche wie düstere Klangwelt, die bisweilen Volksmusik zitiert, erlebbar.

Eine halbe Stunde vor Beginn jeder Vorstellung wird eine Einführung im Foyer angeboten. (Dorothea Nikolussi-Salzer, DER STANDARD, 6.5.2013)

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