Wenn Gesundheit über alles geht

5. Mai 2013, 17:15
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Diktatur des Fitnesswahns: Juli Zehs "Corpus Delicti" im Theater Drachengasse

Wien - Gelegentliche Mastdarmabtastungen zur Darmkrebsvorsorge sind ein Lercherlwind im Vergleich zu dem, was die deutsche Autorin Juli Zeh in ihrer Dystopie Corpus Delicti für die Gesellschaft des Jahres 2057 prophezeit. Das 2007 für die Ruhrtriennale verfasste, später zum Roman umgeschriebene und nun für das Theater Drachengasse von Regisseurin Andrea Hügli bearbeitete Stück zeigt das Deutschland der Zukunft als Gesundheitsdiktatur.

Der Staat stellt die Vernunft über alles - und vernünftig ist, wer auf seinen Körper achtet. Man will seinen Mitmenschen nicht als Kranker auf der Tasche liegen. Tägliche Workouts sind gesetzliche Pflicht, der Konsum von Zigaretten ist ein Verbrechen. In diesem System führt Mia Holl (Tamara Stern) ein angepasstes Leben, bis sich ihr nonkonformistischer, der Vergewaltigung angeklagter Bruder Moritz (Dirk Warme) in einem verpönten Akt der Selbstermächtigung das Leben nimmt. Die davon erschütterte Mia nimmt es mit ihren bürgerlichen Pflichten nicht mehr so genau und gerät ins Visier der Justiz.

Andrea Hügli dampft das diskurslastige, als futuristische Hexenjagd konzipierte Stück auf 90 Minuten ein. Kurzweilig wird es trotz eines clownesken Putztrupps, der Teilen des Publikums die Schuhe wienert, aber auch nicht wirklich. Das liegt jedoch in erster Linie am Ausgangstext. Zu redundant wird darin die Philosophie der Zeh'schen Vision heruntergepredigt, zu wenig Bühnenpotenzial steckt in den geschliffen ausformulierten Szenen. Als Schularbeitsstoff im engagierten Deutschunterricht kann man sich die Ausführungen zu Gesundheitswahn, Impfpflicht und DNS-Analyse besser vorstellen.

Die Darsteller dürfen freilich nicht auf der Bank lümmeln, für sie entwickelt sich der Abend zum veritablen Fitnessprogramm. Besonders Volker König darf sich als Chefideologe Kramer an den im Raum platzierten Metallgestängen (Bühne und Kostüm: Nikolaus Granbacher, imposante Visuals: David Hofer) tüchtig verausgaben. Zusammen mit Melanie Herbe in der Rolle der Richterin gibt er sich wiederholt der Erotik der Macht hin, wirklich prickelnd wird Corpus Delicti trotz des Einsatzes aller Beteiligten leider trotzdem nicht. (Dorian Waller, DER STANDARD, 6.5.2013)

  • Wer nicht mitturnt, dem drohen Gesetzesstrafen: Melanie Herbe (re.) und Tamara Stern in "Corpus Delicti" im Theater Drachengasse. 
    foto: andreas friess

    Wer nicht mitturnt, dem drohen Gesetzesstrafen: Melanie Herbe (re.) und Tamara Stern in "Corpus Delicti" im Theater Drachengasse. 

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