Wohnen ist ein absurdes Kapitel

5. Mai 2013, 16:18
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Martin Kotal, künstlerischer Leiter der Roten Nasen, wohnt auf 56 m² in der Martinstraße, liebt Koffer und hat bei Ikea Hausverbot

Am heutigen Sonntag ist Weltlachtag. Ob man als Clown unbeschwerter und lustiger wohnt und lebt als andere Menschen, erzählte Martin Kotal, künstlerischer Leiter der Roten Nasen. Wojciech Czaja war zu Besuch.

"Ich wohne in einer Straße, die so heißt wie ich: Martinstraße. Ich finde das witzig. Manche suchen sich ein Wunschkennzeichen oder eine schöne Telefonnummer aus, ich habe die Wohnung nach der Adresse ausgesucht. Und ich wohne gerne hier. Die Wohnung ist zwar klein, aber dafür gibt es auch eine Terrasse. Das ganze Haus ist in Besitz einer netten Arztfamilie, ich fühle mich wie ein Familienmitglied, und wie es der Zufall will, ist die gesamte Familie musikalisch begabt und sehr aktiv. Oft höre ich die Nachbarn üben, und manchmal gibt es ganze Kammerkonzerte, die durch die Decken und Wände schallen. Wenn's mich freut, schnappe ich mir meine kleine Ukulele, die auf der Couch lehnt, und spiele mit.

"Dem Nomadenleben konnte ich immer schon viel abgewinnen. Daher habe ich auch ein Faible für alte Koffer." Martin Kotal, Clowndoctor bei den Roten Nasen. (Foto: Lisi Specht; Bildansicht durch Klick vergrößern)

56 Quadratmeter Wohnfläche, das wäre vielen Leuten zu klein. Mir reicht's. Ich habe nicht viel, meine Habseligkeiten passen in ein paar Kisten und Koffer rein, und ich finde das auch beruhigend, denn dem Nomadenleben konnte ich immer schon mehr abgewinnen als dem gesettelten Leben in einer Eigentumswohnung. Wie man unschwer sieht, habe ich tatsächlich ein Faible für alte Koffer aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren. Ich glaube, dass dieses Sammeln nicht nur mit der Schönheit dieser eigenartigen Behältnisse zu tun hat, sondern auch Ausdruck meines unstillbaren Getriebenseins und meiner Neugierde ist. 20 Koffer werden es wohl schon sein.

Das Schöne an Koffern ist ja der Zauber, das Rätsel, was da überhaupt drin ist. Wenn man einen Koffer sieht, dann will man sofort reinschauen. Diese Neugier hat auch was mit dem Clown-Sein zu tun. Der Clown will auch alles ergründen und erforschen. Um das Geheimnis zu lüften: In den meisten Koffern liegen Kleider, Kostüme, Requisiten und Musikinstrumente.

Ansonsten hält sich die Menge meiner Möbel in Grenzen. Manche Dinge sind von Ikea, wobei ich mittlerweile Hausverbot bei Ikea Wien-Nord habe, nachdem ich mich dort einmal ziemlich aufgeführt habe, aber das ist eine andere Geschichte, andere Dinge wiederum sind von diversen Altwarenhändlern. Ich mag diese alten Möbel, sie passen gut zu mir. Das Eigenartige ist nur, dass ich nicht wirklich an irgendwas hänge. Wenn ich meine Wohnung verlassen und auf der Stelle von hier verschwinden müsste, wäre das für mich kein Problem. Ich denke, am ehesten würde ich meine Ukulele mitnehmen.

Wohnen ist ein absurdes Kapitel in meinem Leben. Ein Kapitel, das ich immer wieder vernachlässige. Früher habe ich einen Wohnwagen gehabt, später habe ich sogar in einem Reisebus gelebt - zu sechst! Das Nomadenleben fasziniert mich. Als künstlerischer Leiter der Rote Nasen Clowndoctors bin ich nach wie vor viel unterwegs. Insgesamt gibt es 66 Rote-Nasen-Clowns in sechs Bundesländern, mit denen ich zusammenarbeite, da kommen viele Kilometer zusammen.

Ich nehme meinen Beruf sehr ernst. Es geht zwar ums Lachen, doch der Weg dahin ist harte Arbeit. Wir treten ja nicht im Zirkus und auf Geburtstagspartys auf, wie man sich das so klischeehaft vorstellt, sondern besuchen vor allem Patienten in Krankenhäusern, in Alters- und Pflegeheimen, in Geriatrie- und Rehabilitationszentren. Viele Menschen haben Angst, manche haben mit ihrem Leben teilweise schon abgeschlossen. Wenn man es schafft, so einem Menschen zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln zu bringen, dann ist die Realität für einen Augenblick etwas sorgloser und schöner. Dann sehe ich, wie wenig es braucht, um miteinander in Kontakt zu treten. Dann weiß ich, warum ich Clown geworden bin. Dann weiß ich, wo mein Zuhause ist." (DER STANDARD, 4./5.5.2013)

Martin Kotal,geboren 1968 in Wien, absolvierte 1987 bis 1989 die Freie Kleintheaterschule in Stuttgart, danach besuchte er die Schule für Schauspiel in Hamburg. Seit 1993 lebt er Wien. Seit 1998 ist er Clowndoctor bei den Roten Nasen, seit 2012 künstlerischer Leiter. Zudem ist er Co-Direktor des 2008 gegründeten Theater Olé in Wien-Landstraße.

Rote Nasen Clowndoctors ist ein gemeinnütziger Verein, der 1994 zur Unterstützung von kranken und leidenden Menschen gegründet wurde. Heute sind die Roten Nasen in elf Ländern tätig.

Links

rotenasen.at

theater-ole.at

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