Afrika-Bild der Medien: "Katastrophen lassen sich besser verkaufen"

5. Mai 2013, 10:16
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Kommunikationswissenschafter Martin Sturmer: Afrika wird immer nur in Krisenzeiten Thema

Kriege, Krisen, Kriminalität – das Afrika-Bild deutschsprachiger Medien ist wenig differenziert, sagt Martin Sturmer. Der Afrikanist und Kommunikationswissenschafter fordert in seinem neuen Buch "Afrika! Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung" einen Perspektivenwechsel.

daStandard.at: Bürgerkriege, Hungerkatastrophen, Armut – kann man so das Afrika-Bild deutschsprachiger Medienberichte zusammenfassen?

Martin Sturmer: Im Großen und Ganzen: Ja. Auf der einen Seite gibt es diese starke Konfliktperspektive: Kriege, Krisen, Katastrophen, aber auch Korruption, Krankheiten, Kriminalität. Das sind die klassischen sechs K-Bereiche, über die im deutschsprachigen Journalismus berichtet wird. Afrika wird nur dann zum Thema, wenn ein Konflikt auftritt. Das sieht man derzeit wieder sehr schön an der Mali-Krise.

daStandard.at: Welche Aspekte treffen hier zusammen?

Sturmer: Hier sieht man auch ein zweites großes Phänomen: Eine Krise interessiert uns erst dann, wenn europäische Beteiligung stattfindet. Die Mali-Krise ohne die französische Intervention wäre bei uns medial wahrscheinlich untergegangen. Der dritte Mechanismus ist die Elitenzentrierung – Staatspräsidenten, Rebellen. Die lokale Bevölkerung hat überhaupt keine Stimme.

daStandard.at: Warum gibt es diese starke negative Konnotation?

Sturmer: Das Erfahrungswissen von Journalistinnen und Journalisten spielt hier mit hinein. Das Bild Afrikas hat sich in den letzten 50 Jahren in diese Richtung manifestiert: Es gab große humanitäre Katastrophen, Afrika hat den Platz des tragischen Helden eingenommen. Da bleibt wenig Platz für positive Nachrichten, obwohl es die natürlich auch gibt. Nur liest und hört man nichts davon.

daStandard.at: Woran liegt das?

Sturmer: Einerseits liegt das an der Organisation der Auslandsberichterstattung. Wiederum kamen im Mali-Konflikt Fallschirm-Journalisten zum Einsatz, die rasch an Krisenherde geflogen werden und meistens wenig Wissen über lokale Gegebenheiten haben. Auf der anderen Seite ist der klassische Auslands-Korrespondent im Rückzug. Es gibt nur etwa 30 deutschsprachige Korrespondenten in Afrika, die enorme Gebiete abzudecken haben – der Schnitt liegt bei 33 Ländern. Da liegt es auf der Hand, dass die nicht Länderexperten sein können. Und sie befinden sich in einem starken Wettbewerb. Katastrophen lassen sich besser verkaufen als Hintergrundinformationen über positive Entwicklungen oder Porträts erfolgreicher afrikanischer Unternehmerinnen und Unternehmer.

daStandard.at: Wofür plädieren Sie in Ihrem Buch?

Sturmer: Ich plädiere für einen Perspektivenwechsel. Ich bin davon überzeugt, dass nur afrikanische Journalisten wirklich über ihren eigenen Kontinent berichten können, weil sie näher dran sind. Die meisten Auslandskorrespondenten sitzen in Kapstadt, Johannesburg und Nairobi. Von dort können sie die Krise in Mali nicht beurteilen. Da könnten sie genauso gut zuhause bleiben.

daStandard.at: Wie kann differenzierte Afrika-Berichterstattung organisiert werden?

Sturmer: Meine Agentur "afrika.info" arbeitet etwa mit der internationalen Nachrichtenagentur Inter Press Service zusammen, die mittlerweile 130 gut ausgebildete Journalisten in fast allen Ländern des Kontinents hat. Internationale Medien haben für diese ein offeneres Ohr als deutschsprachige.

daStandard.at: Zum Beispiel?

Sturmer: Vorreiter ist natürlich Al Jazeera, die stark auf lokale Mitarbeiter setzen, die näher an der Bevölkerung dran sind und schneller Geschichten liefern können. Aber auch westliche Nachrichtenagenturen wie Reuters oder Agence France Presse setzen immer mehr auf lokale Mitarbeiter.

daStandard.at: Stellt das mitunter nicht auf ein Sprachproblem dar?

Sturmer: Das ist die Rechtfertigung vieler deutschsprachiger Redaktionen. Aber es kann nicht an Übersetzungen scheitern. Da geht es eher um den Willen und die Kenntnisse, sich ein eigenes Korrespondentennetz aufzubauen.

daStandard.at: Gibt es in deutschsprachigen Medien überhaupt "andere" Afrika-Geschichten?

Sturmer: So richtig positiv fällt mir eigentlich selten etwas auf. Im Print-Bereich setzt etwa das Time Magazine stark neue Themen, die auch von deutschsprachigen übernommen werden. Wie etwa ein große Geschichte mit dem Titel "Africa rising" im Dezember 2012.

daStandard.at: Sind das auch späte Effekte der Fußball-WM 2010 in Südafrika?

Sturmer: Die WM hatte sicherlich positive Auswirkungen auf die Wahrnehmung. Im Vorhinein wurde immer wieder davon gesprochen, alles würde im Chaos enden. Dann waren alle positiv überrascht, dass Südafrika das mühelos managen konnte. Das gab den Impuls, Afrika nicht immer so eindimensional darzustellen.

daStandard.at: Afrika wird also in den Medien zu stark homogenisiert?

Sturmer: Ja. Es gibt die Schwierigkeit, dass das österreichische Leserpublikum oft schon mit afrikanischen Ländernamen nichts anfangen kann. Wenn Sie jemanden fragen, wo Dschibuti liegt, wird ihnen das kaum jemanden beantworten können. Der Bildungsstand in puncto Afrika ist sehr niedrig. In den Medien ist diese Vereinheitlichung vor allem dann störend, wenn es um regionale Ereignisse geht. Statt einer "Hungersnot in Somalia" wird schnell von einer "Hungerskatastrophe in Afrika" geschrieben. Bei einer Finanzkrise in Griechenland schreibt aber auch nicht jeder gleich "Finanzkrise in Europa".

daStandard.at: Wie wird Afrika auf der Bildebene behandelt?

Sturmer: Das leider häufige Klischee sind hungernde Kinder. Farbenfrohe Bilder, die etwa auch die wachsende und selbstbewusste Mittelschicht zeigen, der über 350 Millionen Menschen angehören – die findet man nicht. Das Klischee wird transportiert: ländliche Gegend, Armut, ein Schuss Exotik. Nicht aber das urbane, überraschende Afrika. Auch Hilfsorganisationen müssen sich hier an der Nase nehmen, da sie überwiegend negative Bilder transportieren, um Spenden zu lukrieren. Das hat einen unmittelbaren Effekt auf die mediale Wahrnehmung.

daStandard.at: Wie sehen Sie den Kontinent Afrika heute?

Sturmer: Was ich sehe, ist ein Kontinent der Vielfalt, ein bunter Kontinent, mit hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten. Ein Kontinent im Aufbruch, der sich modernisiert – in den Städten wahnsinnig schnell. Der Kontinent der mobilen Telekommunikation. Der Kontinent der Unternehmerinnen und Unternehmer.

daStandard.at: Sie haben den Ethnozentrismus von westlichen Journalistinnen und Journalisten erwähnt. Was meinen Sie damit?

Sturmer: Die Neigung im Journalismus ist die, dass immer ein regionaler Bezug gebraucht wird, um über etwas zu berichten. Wir interessieren uns erst dann für ein Thema, wenn es Österreich betrifft. Die erste Geschichte, die unsere Nachrichtenagentur in Österreich verkauft hat, war als österreichische Touristen in Mali entführt wurden. Da konnten wir mit Hintergrundinformationen punkten. Warum muss aber ein Auslandsbericht einen Österreich-Bezug haben? In dieser Form ist Auslandsberichterstattung so gut wie sinnlos. (Jelena Gučanin, daStandard.at, 5.5.2013)

Martin Sturmer studierte Afrikanistik und Kommunikationswissenschaft in Wien und Dar es Salaam. Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Salzburg. Seine Nachrichtenagentur »afrika.info« hat eine Korrektur des bestehenden Afrika-Bildes zum Ziel. Sein aktuelles Buch "Afrika! Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung" (2013) erschien im UVK Verlag. Leseprobe und Inhaltsverzeichnis: www.uvk.de/kommunikationswissenschaft

  • "Das Klischee wird transportiert: ländliche Gegend, Armut, ein Schuss Exotik. Nicht aber das urbane, überraschende Afrika", sagt Afrikanist und Kommunikationswissenschafter Martin Sturmer über das mediale Afrika-Bild.
    foto: jelena gučanin

    "Das Klischee wird transportiert: ländliche Gegend, Armut, ein Schuss Exotik. Nicht aber das urbane, überraschende Afrika", sagt Afrikanist und Kommunikationswissenschafter Martin Sturmer über das mediale Afrika-Bild.

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    "Afrika wird nur dann zum Thema, wenn ein Konflikt auftritt", so Martin Sturmer. "Das sieht man derzeit wieder sehr schön an der Mali-Krise."

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