"Salzburg ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen"

Interview3. Mai 2013, 19:43
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Der Leiter des Literaturhauses in Salzburg, Tomas Friedmann, kritisiert den aggressiven Stil der ÖVP

Standard: Können Sie das Wort Finanzskandal überhaupt noch hören?

Friedmann: Es gibt in der öffentlichen Auseinandersetzung vielfach eine Abnutzung der Worte: Krise, Kriege, Finanzskandal sind alles Begriffe, die oft medial monatelang gespielt werden, bis man sie tatsächlich nicht mehr hören kann. Bei mir erhärtet sich langsam der Verdacht, dass am Ende nicht viel herauskommen wird.

Standard: Wie das?

Friedmann: Man hat in den vergangenen Monaten gemerkt, dass es keine endgültigen Antworten geben wird, wessen Unterschrift stimmt und wie viel Geld geflossen oder nicht geflossen ist.

Standard: Sie sitzen oft tagelang in Verhandlungen um Subventionen um einige tausend Euro. Was denkt man sich da, wenn man von Milliardenverlusten durch Spekulationsgeschäfte liest? Packt Sie da der heilige Zorn?

Friedmann: Ich sehe das international. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gibt es in Österreich noch immer eine relativ gute Kulturförderung. Das Zweite ist aber, dass in Österreich immer noch über Jahrzehnte gewachsene Interessen gefördert werden. Nach wie vor wird immer in erster Linie die eigene Klientel bedient, werden eigene Leute auf Posten gehievt. In Salzburg beispielsweise gehen mehr als 90 Prozent der Kulturförderungen an die acht eingesessenen, gut abgesicherten Einrichtungen, an die Festspiele, an Burgen und Museen. Salzburg ist da noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Die größten Summen fließen für die Produktionen von toten Künstlern. Ich habe nichts dagegen, das ist wichtig, und das soll man pflegen, aber nicht in diesem Verhältnis. Nicht einmal zehn Prozent fließen dorthin, wo die lebenden Komponisten, Autoren, Künstler, Produzenten zu Hause sind. Und das sind eben die freien Kulturstätten.

Standard: Also doch Zorn?

Friedmann: Mir stößt im Salzburger Wahlkampf auf, dass der Finanzskandal hergenommen wird, um hier wieder Verhältnisse umzukehren. Ich möchte nicht sagen, dass das konstruiert ist, aber manche behaupten, das Ganze sei sehr geschickt eingefädelt worden. 60 Jahre lang hat die ÖVP in Salzburg ihre Vorstellung von Politik durchgesetzt. Dann kam ein Zwischenspiel, und jetzt ist die Chance da, das wieder umzudrehen. Man hat den Eindruck, dass hier Rache geübt werden soll. Man spürt im Wahlkampf Hass, und das ist inakzeptabel. Das kennt man nur von der FPÖ, und dort soll man das lassen.

Standard: Ist die Bilanz von neun Jahren SPÖ-geführter Landesregierung so berauschend?

Friedmann: Berauschend waren die letzten Jahre nicht. Man hatte nicht den Eindruck, dass ein unglaublicher Reformwille da ist. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass das in den ersten Jahren nicht einfach war. Man hat es aber vielleicht auch zu wenig versucht.

Standard: Warum hat sich denn die Zivilgesellschaft, die sonst in Salzburg durchaus aktiv ist, in die Finanzdebatte überhaupt nicht eingeschaltet?

Friedmann: Es gibt in Salzburg eine starke - vielleicht etwas bürgerlich geprägte - Zivilgesellschaft. Aber viele, die etwas zu sagen haben, werden oft nicht gefragt. Und wenn sie etwas sagen, werden sie geschnitten. Das war schon bei Zukunftsforscher Robert Jungk so. Er war international geschätzt, und in Salzburg hat man ihn als Linken, als Kommunisten, als Aufwiegler abgestempelt.

Standard: Ist die Auseinandersetzung im Wahlkampf um den Finanzskandal zu sehr an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bürger vorbeigegangen?

Friedmann: Es ist nicht um Wohnungen, Kultur und Soziales gegangen, sondern nur um die Veränderung der Machtverhältnisse, darum, wer am Sonntag die Nase vorn hat. Wenn ich mir auf Facebook ansehe, wie von der ÖVP und ÖVP-nahen Personen im FPÖ-Stil alles andere schlechtgemacht wird und attackiert wird, dann entsteht etwas ganz Unangenehmes. Auseinandersetzungen, Kritik ja, aber dieser Wahlkampf ist sehr unangenehm geworden.

Standard: Was bleibt von diesem Wahlkampf?

Friedmann: Wir haben zu einer kulturpolitischen Diskussion eingeladen. Die Grünen und die Landeshauptfrau haben zugesagt, die FPÖ hat abgesagt. Herr Haslauer hatte keinen Termin, nicht einmal für ein Gespräch. Da sieht man von jemanden, obwohl er auch für Kultur - also Museen, kulturelle Sonderprojekte, Galerien - zuständig ist, dass er kein Interesse hat. Man will Dinge nicht kritisch sehen. Das weckt aber auch Widerstand. Egal, wer am Sonntag die Nase vorn hat, die Zivilgesellschaft wird stärker kommen. Sollte hier von politischer Seite immer noch versucht werden, ein hübsches Mäntelchen darüberzulegen, wird auch die Auseinandersetzung eine andere werden. Wenn es nicht mehr Geld für Projekte gibt, die nach Realisierung schreien, dann wird es zu einer Umverteilungsdebatte kommen. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 4./5.5.2013)

Tomas Friedmann (51) ist seit 1993 Leiter des Literaturhauses Salzburg. Der ehemalige ORF-Kulturjournalist führt im Dachverband Salzburger Kulturstätten seit 2007 den Vorsitz. Friedmann vertritt so mehr als 70 Kultureinrichtungen in Salzburg. Zuletzt organisierte er das Gedenken an die Bücherverbrennung in Salzburg 1938. Foto: Neuhold

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