Produzenten, "tut euch zusammen!"

Interview3. Mai 2013, 18:52
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"Fernsehen ist tot", behauptet der deutsche Medienberater Stephan J. Bauer - weil Produzenten immer weniger Sender beliefern und mehr ins Web investieren

STANDARD: Eine Tageszeitung stellt am Tag nach dem "Tatort" die besten Tweets ins Netz und nur darunter die redaktionelle Nachbetrachtung. Das Ende der TV-Kritik?

Bauer: Die Idee ist ganz hübsch, aber es ist ein grundsätzlicher Fehler zu glauben, dass die Verlagskrise gelöst werden kann, indem man auf User-generated Content setzt. User-generated Content wird von einer kleinen Gruppe der Immergleichen produziert, die Kommentare abgeben.

STANDARD: Wie verändern aber soziale Medien den Journalismus?

Bauer: Leider zum Negativen. Wenn Sie sich den Arabischen Frühling in Erinnerung rufen, als öffentlich-rechtliche Korrespondenten weitab vom Geschehen berichteten und es schick wurde, Youtube-Videos als Bebilderung heranzuziehen: Das ist der Weg des geringsten Widerstandes und hat mit Journalismus nichts mehr zu tun. Was soll ich als Zuschauer mit einer unverifizierten Quelle anfangen?

STANDARD: Was ist die Alternative?

Bauer: Sender müssen sich fragen, was ihre Kernstärken sind und auf welchen anderen Verbreitungswegen sie diese ausspielen können. Was heute im Fernsehen passiert, ist der getwitterte Programmhinweis. Zu glauben, ich kann heute Internet im Fernsehen zu machen, ist eine naive Rechnung. Viele Nutzer vermissen die Stärken einer Zeitung, neben der Haptik den Hintergrund zu bieten im Gegensatz zur schnellen Oberflächlichkeit des Netzes.

STANDARD: Und Aktualität sollen sie ganz aufgeben?

Bauer: Je nachdem, wie man Aktualität definiert. Wir haben das Problem doch deshalb, weil wir Aktualität nur mit "Wer ist der Schnellste?" definieren. Aktualität bedeutet für mich Verlässlichkeit und Tiefe der Information. Dem Konkurrenzdruck hinterherzulaufen würde Sinn machen, wenn ihn Medien kapitalisieren könnten. Die wenigsten sind so weit, aber die meisten könnten ihre Kernstärken kapitalisieren.

STANDARD: "Fernsehen ist tot", lautet Ihre These. So schlimm?

Bauer: Die Produzenten müssen sich andere Kapitalisierungswege suchen, weil der Ertrag von Fernsehprogrammen mittlerweile so gering ist. Wenn sie aber nicht mehr fürs Fernsehen produzieren, hätten Sender irgendwann keinen Content mehr. Produzenten sehen den Second Screen als Kapitalisierungschance und gehen mit. Tresor TV, das "Germany's Next Topmodel" produziert, bespielt bereits einen eigenen Youtube-Kanal. Ein Produktionsriese wie Endemol sammelt mit Endemol Beyond den besten User-generated Content in Deutschland für eigenes Netzfernsehen.

STANDARD: Dann werden TV-Sender über kurz oder lang Abspielstationen im Netz?

Bauer: Es wird sehr viel mehr Sender geben, die alle Nischen besetzen. Das Modell von Servus TV ist ein sehr kluges. Dietrich Mateschitz hat nicht beherzigt, was ihm Medienprofis wie Hans Mahr oder Teddy Podgorski rieten, nämlich ein österreichisches RTL zu machen. Er setzte mit Servus TV auf die Nische und behielt recht. Das ist der Weg. Wir leben in einer derart diversifizierten Medienwelt, dass Sie für jeden Topf einen Deckel finden. Es geht darum, Nischen zu besetzen und diese so gut wie möglich auszufüllen.

STANDARD: Was raten Sie Produzenten von Fernsehprogrammen?

Bauer: Durchzuschauen, wie die Rechte-Lage des Materials ist, das in ihren Archiven schlummert. Die Produzenten sind doch längst dazu übergegangen, ihre Archive zu plündern und alles drei-, fünf- und sechsmal zu verwerten.

STANDARD: Dazu müssten sie die Rechte erst einmal haben, die Sender sind da auch dahinter ...

Bauer: Die deutsche Produzentenallianz hat sehr viel dazu getan, dass sich das ändert, dass Produzenten, die sehr schlecht bezahlt werden, wenigstens die Rechte an den Produkten halten. Ich kann nur empfehlen: Tut euch zusammen! Sucht die neuen Modelle, macht es wie Endemol hinter den Kulissen, schaut, was Tresor TV auf Youtube macht. (Doris Priesching, DER STANDARD, 3.5.2013)

Stephan J. Bauer (48) berät TV-Sender und trug bei der c-tv-Konferenz der FH St. Pölten vor.

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