Golfstrom-Aus: Algen können nüchterne Zahlen liefern

8. Mai 2013, 15:31
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Aktuelle Versüßung im Nordatlantik in ihrer Bedeutung noch nicht einschätzbar - Forscher erhoffen sich Aufschlüsse von einem natürlichen Klimaarchiv

Kiel - Spätestens seit Roland Emmerichs reißerischem Film "The Day After Tomorrow" ist das Szenario vom Abreißen des Golfstroms - ausgelöst durch ein Sinken des Salzgehalts wegen der Süßwasserströme aus abschmelzenden Gletschern - allgemein bekannt. Das gelinde gesagt unrealistische Tempo, in dem diese Entwicklung im Film abläuft, einmal außer Acht gelassen, befassen sich Wissenschafter ernsthaft mit dem Phänomen "Versüßung".

In einigen Bereichen des Nordatlantiks ist in den vergangenen Jahren tatsächlich ein entsprechender Versüßungstrend gemessen worden, wie das Kieler GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung berichtet. Allerdings lässt er sich in seiner Bedeutung noch nicht einschätzen. "Wir wissen nicht, wie groß dabei der Anteil des Klimawandels ist und welchen Anteil natürliche Schwankungen haben", sagt GEOMAR-Forscher Steffen Hetzinger. Lange Messreihen könnten helfen, diese Frage zu klären. "Doch es gibt keine, die weiter als bis 1950 zurückreichen. Das ist für zuverlässige Aussagen nicht lang genug."

"Jahresringe" am Meeresboden

Natürliche "Klimaarchive" sind gefragt - ein solches könnten Rotalgen der Art Clathromorphum compactum sein. Im Gegensatz zu frei im Wasser treibenden Algen bildet Clathromorphum compactum ein festes Kalkgerüst am Meeresboden. Ein Schnitt durch eine Alge offenbart Jahresbänder ähnlich den Jahresringen von Bäumen.

Forscher bargen solche Algenformationen aus zwei Regionen vor der Küste Neufundlands. Mit Hilfe von Spezialmikroskopen und Laserablation konnten die Wissenschafter Schwankungen von Barium und Calcium in den Wachstumsbändern der Algen messen. "Aus dem Verhältnis dieser zwei Elemente konnten wir sehr genau Änderungen im Frischwassereintrag in das Oberflächenwasser bis zurück ins Jahr 1918 nachvollziehen", sagt Hetzinger.

Nächstes Ziel der Wissenschafter ist es, noch weiter in die Vergangenheit vorzustoßen. Hetzinger: "Je größer der Zeitraum, den wir abdecken, desto eher können wir sagen, ob aktuelle Änderungen des Salzgehaltes in ein natürliches Schwankungsmuster passen oder doch als Folge des menschlichen Einflusses gewertet werden müssen." (red, derStandard.at, 8. 5. 2013)

 

  • Die Rotalge Clathromorphum compactum hat Kalkklumpen gebildet, die einen Einblick in die Vergangenheit ermöglichen.
    foto: s. hetzinger, geomar

    Die Rotalge Clathromorphum compactum hat Kalkklumpen gebildet, die einen Einblick in die Vergangenheit ermöglichen.

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