"Der Druck aus der Chemieindustrie ist groß"

3. Mai 2013, 18:28
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Biologische Pflanzenschutzmittelhersteller erleben in Österreich harten Gegenwind

Wien - Fadenwürmer sind internationalen Chemieriesen ein Graus. Sie rücken Engerlingen zu Leibe, die ganze Ernten vernichten. Pestizide wie Neonicotinoide erübrigen sich, sagt Tillmann Frank. Ihr Wirkungsgrad sei nicht schlechter als jener chemischer Keulen, der Preisunterschied belaufe sich auf rund 50 Euro für den Hektar.

Frank spezialisiert sich mit seinem Betrieb E-Nema in Deutschland seit Jahren auf biologischen Pflanzenschutz. Mehr als 150 Unternehmen tummeln sich auf dem Markt, der jährlich um 20 Prozent wächst und einzelne Pioniere zu Konzernen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz machte.

Die politische Debatte rund um den Einsatz hochgiftiger Insektizide schlägt sich auch auf E-Nema nieder. Die Wirksamkeit ihrer biologischen Alternative zur bienengefährlichen Maisbeize ist in Österreich von amtlicher Seite bestätigt, ihre Produkte sind zugelassen und auf Testflächen ausgebracht - allein große Saatguthändler geben Chemie weiterhin den Vorzug.

Ihr Interesse sei groß gewesen - bis vor kurzem der Rückzieher erfolgte. Die Stimmung sei zu aufgeladen, man wolle "nicht Totengräber der Neonicotinoide werden", ließ die Branche Ökoanbieter wissen. Frank verwundert die Absage nicht, zumal seinem Betrieb auch in Deutschland ständig neue Steine in den Weg gelegt würden. "Der Druck aus der Chemieindustrie ist groß. Es geht eben um viel Geld."

Er selbst sehe es als sportliche Herausforderung an, Maiswurzelbohrer mit Fadenwürmern in den Griff zu bekommen. Doch am generellen Umdenken der Bauern hin zu Fruchtwechsel statt Monokulturen führe kein Weg vorbei.

Mit 30 Mitarbeitern setzt Frank drei Millionen Euro um. Zum Einsatz kommen seine Nematoden in- ternational: auf Almböden wie auf Sportrasen, in Baumschulen wie in der Champignonzucht. 2012 vervierfachte er die Kapazitäten.

Die EU-Gesetzgebung rund um Pflanzenschutz sei fortschrittlich, sagt Ralf-Udo Ehlers, Vorstand des Dachverbands biologischer Pflanzenschutzmittelhersteller, etliche Länder setzten sie schlicht nicht um, Verstöße gingen als Kavaliersdelikt durch. In den USA sei der Schriftverkehr der Chemieindustrie mit Zulassungsbehörden für jeden einsehbar. "Europa tut so, als ginge dies Verbraucher nichts an." (Verena Kainrath, DER STANDARD, 4.5.2013)

WISSEN: Neonicotinoide in Feld und Garten

Bei den potenziell bienengefährlichen Giften aus der Gruppe der Neonicotinoide geht es vor allem um drei in Österreich gebräuchliche Präparate: Clothianidin (Bayer), das schon seit 18 Jahren eingesetzte Imidacloprid (ebenfalls von Bayer) und das auch als Holzschutzmittel eingesetzte Thiamethoxam (entwickelt 1985 bis 1991 von Ciba-Geigy und inzwischen von Syngenta vermarktet).

Schätzungen zufolge - die Umweltminister Nikolaus Berlakovich am Freitag bestätigte - werden von diesen Substanzen jährlich zehn Tonnen in Österreich eingesetzt, "mit sinkender Tendenz", wie es heißt.

Die Wirkungsweise ist bei allen gleich: Saatgut - Mais, Raps, Sonnenblumen - wird mit dem Gift gebeizt; wenn der Samen ankeimt, wird die Substanz fein in der Pflanze verteilt und macht Insekten, die davon fressen, den Garaus - sie verlieren aufgrund einer Nervenstörung völlig die Kontrolle.

Das Gift wird allerdings auch in die Blüten transportiert, wo es von Bienen und anderen Insekten, die Nektar saugen und Pollen aufnehmen (und nebenbei die Bestäubung erledigen), konsumiert wird.

Wie das Onlinemagazin Oekonews berichtet, werden neonicotinoidhaltige Pflanzenschutzmittel auch im Obstbau und bei Zierpflanzen ("überall dort, wo Blattläuse auftreten") und von Hobbygärtnern eingesetzt, oft ohne dass diese genauer über Wirkstoffe, Wirkungsweise und Vorsichtsmaßnahmen Bescheid wüssten.

Selbst die Hersteller räumen ein, dass Neonicotinoide nur dann keine Gefahr für Bienen sind, wenn sie fachgerecht angewendet werden. Wie groß der Beitrag der Gifte (neben anderen Umwelteinflüssen) zum jährlich beobachteten Bienensterben ist, ist nicht abschließend geklärt - nach dem Vorsorgeprinzip verlangen Kritiker dennoch ein Verbot. (cs)

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