Die Kunst der Selbstermächtigung eines Grazer Viertels

Colette M. Schmidt
3. Mai 2013, 18:36
  • Gummi Neger, ein alteingesessener Fachhandel für Gummistiefel, Gartenschläuche und mehr aus Kunststoff, ist eines der wenigen alten Geschäfte, die auf der Annenstraße überlebten. Nebenan leuchtet ein frisch renoviertes Haus.
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    foto: elmar gubisch

    Gummi Neger, ein alteingesessener Fachhandel für Gummistiefel, Gartenschläuche und mehr aus Kunststoff, ist eines der wenigen alten Geschäfte, die auf der Annenstraße überlebten. Nebenan leuchtet ein frisch renoviertes Haus.

  • Pflegen Kunst des Urbanen mitten im Viertel: Makovec (li.) und Lederer.
    foto: elmar gubisch

    Pflegen Kunst des Urbanen mitten im Viertel: Makovec (li.) und Lederer.

Mithilfe von Kunst und viel Initiative der Bewohner mausert sich ein alter Grazer Stadtteil mit neuem Namen: das Annenviertel. Immobilienentwickler reagieren. Andere fürchten schon um die Diversität, die den Ort ausmacht

Graz - Jeder kennt das Annenviertel in Graz. Doch seinen Namen hat der Stadtteil links und rechts der Annenstraße, die einen Kilometer lang ist und sich vom Hauptbahnhof direkt ins Herz der Stadt bohrt, erst seit vier Jahren. Seither hat sich einiges im Viertel getan, dessen Grenzen nicht genau definiert sind und das sich über die Bezirke Lend und Gries - einst traditionelle Arbeiterbezirke - erstreckt. Die Grenze zwischen Lend und Gries ist die Annenstraße. Am Samstag wird sie sich zum dritten Mal in einen langgezogenen bunten Flohmarkt verwandeln. Auch einen Annen-Stammtisch, der auf den Auslagen des Stadtteilbüros beworben wird, gibt es nun regelmäßig.

Tote Hose

"Maria hat sich küssen lassen, mitten auf der Annenstraßen, Mutter hat's gesehen, und du musst gehen." Grazer Kinder kennen diesen Auszählreim seit Generationen. Spätestens in den 1980er-Jahren wunderte man sich aber, warum man sich ausgerechnet auf der Annenstraße küssen lassen sollte. Außer einem Kino war hier tote Hose. Die Straße - in den 1960ern eine Flaniermeile - stirbt seit Jahrzehnten. Ohne Shops von Migranten, wie kurdische, indische oder russische Lebensmittelläden, hätten Leerstände überhandgenommen.

Projekt "Annenviertel" 2009 ausgerufen

Doch 2009 rief das Zentrum für zeitgenössische Kunst Rotor mit der Stadtforscherin Elke Krasny das Projekt "Annenviertel" aus. Untertitel: "Die Kunst des urbanen Handelns". Soziologen und Künstler entwickelten mit Bewohnern Zukunftsvisionen, Anliegen wurden formuliert und viele gut besuchte Veranstaltungen organisiert. Damals entstand auch eine Viertel-Zeitung.

Heute wird die Annenpost von Thomas Wolkinger vom Studiengang für Journalismus und PR der FH Joanneum und seinen Studierenden gemacht. Das letzte Baby der Annenpostler: ein handgezeichneter, praktischer Plan des Viertels mit kulturellen und sozialen Hotspots.

Selbstermächtigung der Bewohner

"Wir haben versucht, die Stimmen aus dem Viertel hörbar und sichtbar zu machen", erzählt Anton Lederer, der mit Margarethe Makovec den Rotor leitet, beim Spaziergang durch den Metahofpark.

Auf einer Parkmauer findet man seit 2011 eine Arbeit der Künstlerin Isa Rosenberger: Sätze von Migrantinnen, die nun weithin sichtbar rot leuchten. "Leben ohne Angst" ist einer der verewigten Wünsche. Der Metahofpark steht auch für die Selbstermächtigung der Bewohner. Er ist neben dem Volksgarten eine der letzten Grünflächen mit Spielplatz im Viertel, für die gekämpft werden musste. Denn in den 1970er-Jahren sollte der Park verbaut werden. Der Protest der Anrainer verhinderte das.

"Wunderbarer Urwald"

"In meiner Kindheit war das ein unglaublicher, wunderbarer Urwald", erzählt Wolkinger, der im Viertel aufwuchs. In der Nähe des Parks endet die Annenstraße vor dem Bahnhof. Hier war die ehemals schwarz-grüne Stadtregierung nicht untätig. Neben einer gigantischen Baustelle gibt es schon neue Radwege, breitere Gehsteige und ein kleines Stück "U-Bahn". Denn seit kurzem tauchen die Straßenbahnen hier stadtauswärts ab.

Das Viertel lebt jedenfalls. Als die Künstlerin Kristina Leko am 1. Mai acht "Denkmale zur Geschichte von Arbeit und Einwanderung" präsentierte, gingen 200 Menschen mit. Die schwarz-roten Tafeln, die Orte dauerhaft markieren werden, erzählen von Institutionen, wie der Bibliothek der Arbeiterkammer, und auch Menschen, wie der Schneiderin Mercy aus Ghana, die mit ihren beiden Söhnen im Viertel lebt.

Das Viertel hat auch eine anarchistische Geschichte: In jenem Haus, in dem sich heute das Kurdistan-Informationszentrum befindet, traf sich in den 1920er-Jahren der "Bund herrschaftsloser Sozialisten".

Befürchtungen vor zu schickem Viertel

Heute bewerben Immobilienentwickler das "Wohnen im Annenviertel", und schicke Cafés locken zum "Frühstück im Annenviertel". Die Stadtbaudirektion fragte bei Rotor an, ob sie den Namen "Annenviertel" verwenden dürfe. "Ich fand das schön", sagt Lederer, "jetzt ist etwas positiv konnotiert, das vor vier Jahren belastet war."

Doch Lederer und Wolkinger fürchten auch, dass das Viertel zu schick werden könnte. "Die migrantischen Kleinunternehmer, die viel Eigeninitiative gezeigt haben, dürfen nicht abgedrängt werden", wünscht sich Wolkinger. "Man muss das Viertel als Gesamtheit verstehen", stimmt Lederer zu. Und die beiden Männer schwärmen vom besten Laden für Comics und Modellautos, den sie nicht mehr missen möchten, und vom Essen beim Thailänder ums Eck. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 4./5.5.2013)

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A bissi Verkehrsberuhigen, a bissi Kunst hinpicken

a paar wohlwollende Zeitungsartikel, und schon regnet es Rendite? Des wird's ned spielen... Das wird genauso eine Totgeburt wie das "Jakominiviertel" und das Joanneumsviertel, von denen außer ein paar chronisch leeren Cafés, dem Konkurs geweihten Design-Läden und einer verblassenden Straßenbemalung auch nicht viel geblieben ist...

gummi WER ???

und das im Standard... lol
;-)

Familienname - alte Tradition

Geben Sie einmal den Namen im "Herold" ein. Viel Spaß! ;)

Der größte Irrsinn...

... der den Annenstraßen-Umgestaltern eingefallen ist, ist die künstliche Fahrbahneinschränkung stadteinwärts auf Höhe Joka, die, wie die Baustelle ausschaut, wohl auf die ganze Länge der Annenstraße ausgedehnt werden wird. Vor lauter Autohass hat damit die unsägliche Frau Exvize Rücker nämlich die Radfahrer ebenfalls zwischen die Straßenbahnschienen gewzungen. Der Opa, der auf seinem Radl dahinwackelt, wird jetzt dann die Maximalgeschwindigkeit der Bim bestimmen. Wofür hat man eigentlich die Millionen für den Bahnhofsumbau ausgegeben?

Und jetzt gibt es einen Monstergehsteig für niemanden, der dort gehen will, aber, selbstgerechtes Schulterklopf, Jubel, man hat's den Autofahrern wieder einmal so richtig gezeigt.

gibts denn das

hat denn da die Brickner noch gar nicht interveniert ???
Da steht ganz groß NxxxR !

perspektive

dieser artikel zeigt eine ganz andere perspektive als jener im falter vor einigen wochen. nach frau zöchling ist graz immer noch die stadt der volkserhebung. ohne hakenkreuzfahnen kann sie es sich wohl nicht vorstellen. dabei hat sich sehr viel getan. lend ist nicht nur der volksgarten. am mariahilferplatz und lendplatz ist es sehr bunt geworden. da sollte man sich samstags schon schick anziehen, sonst geht man dort unter den vielen marktbesuchern unter.

der griesplatz sollte endlich umgebaut werden. wird von nagl aber wahrscheinlich deshalb auf die lange bank geschoben, weil es dort keine prestigeträchtigen investoren gibt, die hand anlegen wollen. einen "naschmarkt" wie in wien könnte ich mir gut vorstellen. nur ohne hochpreisige standl

Dieser Artikel hat vielleicht unter "Meinung" seine Berechtigung. Hier wo es aber um Fakten gehen sollte ist er deplatziert, denn er entspricht nicht den Tatsachen sondern bestenfalls einem (unerfüllten) Wunschdenken. Für Leute, die das "Annenviertel" nicht kennen ist es die reinste Desinformation.

Also ich wohne schon seit seit 2008 in Graz, hab sogar von ein Jahr lang direkt gegenüber vom Gummi Laden gewohnt. Das einzig gute war, dass man in zwei Minuten nach dem Kinsobesuch im Bett lag. Sonst find ich die Annenstraße eher herunter gekommen. Nicht einmal "Downtown"- like.
In ein paar Jahren werde ich nach Wien ziehen. Haus rund um Wien, eigene Kanzlei in Wien. Die Enge in Graz, raubt einem die Luft zum Atmen. (Geschweige denn der Feinstaub ) ;)

also haus rund um wien ist aber nicht wien. ;) andererseits machen das auch immer mehr wiener ^^

+++++

ja, in graz fehlt einem wirklich die luft zum atmen; graz = die stadt der verbote; kein nennenswertes "streetlife"; nachtleben = zum vergessen; subkulturen? nicht vorhanden; randgruppen? werden komplett ausgegrenzt; stadt der menschenrechte? no comment; uswusf.

Ist schon ein paar Jahrzehnte vor 2008 her, dass man die Annenstraße noch als Einkaufsstraße bezeichnen konnte. Wohngegend war das nach dem Verblassen der Gründerzeit und Wegräumen des Bombenschutts sowieso keine erstrebenswerte.

Je mehr es sich ändert, umso mehr bleibt es gleich!

Ein alter Grazer Witz lautet: Wie ist der kürzeste Weg von Afrika in die Türkei? Vom Griesplatz zum Lendplatz!

Diese Gegend mit dem aufgesetzten Namen "Annenviertel", den kein Mensch verwenden wird, ist seit 20 Jahren fest in der Hand von Subkulturen südlich und östlich des Mittelmeeres. der Namen "Kreuzberg-Süd" träfe das Ambiente besser! Die Kebabdichte ist gefühlte 100 Prozent höher als in Wien! Die Kopftuchdichte auch!

Den Kreativen, die jetzt Kommen und noch eine günstige Miete vorfinden, sei diese gegönnt: Die Gegend zwischen Griesplatz und Lendplatz wird trotzdem das größte Glasscherbenviertel zwischen Dachstein und Save bleiben.

Grund für den politisch inkorrekten Namen

http://www.annenpost.at/2012/08/0... neger-kam/

Ich verstehe nicht...

...warum das von manchen hier mit aller Gewalt schlecht geredet wird. Das was derzeit im Annenviertel passiert, ist durchaus vergleichbar mit den Veränderungen rund um den Brunnenmarkt/Yppenplatz in Wien - mit allen sich daraus ergebenden Vor- und Nachteilen. Ich finde die Vorteile der Gentrifizierung überwiegen - die Ghettobildung und der Verfall werden dadurch eingedämmt. Und wems nicht passt, der soll bitte in seinem spiessigen und langweiligen Geidorf bleiben.

LOL!

In Graz gibt es keine Bürgerbeteiligung, sondern da dürfen die Bürger medial erfahren was über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. In diesem Fall sind es die Kreativen, die meinen den Puls der Zeit ertasten zu müssen um der Gegen was zurechtzudesignen.

glaubt kein wort. das "annenviertel" ist eine reine erfindung einer ganz kleinen szene. ein wunschtraum, der (leider) nie wahr werden wird: kein geld, kein lokaler rückhalt, kein konkreter plan, nur provinztheater..

was beim artikel

noch fehlt, ist der link zur annenpost: www.annenpost.at :)
schaut mal rein, lohnt sich immer!

Beim Titelbild

dachte ich es sei ein weiterer Beitrag von Brickner.

Kommt noch. Monsieur Inou arbeitet bereits an der Kampagne gegen Gummi Nxxxx.

Ich lese hier oft von den der guten und schlechten "Murseite". Da ich bald nach Graz ziehe, kann mich jemand aufklären warum die eine gut und die andere schlecht ist? Danke

das ist in ö immer gleich plz. xx10 ist die gute, weil Rathaus Seite und plz. xx20 ist die schlechte weil die Bahnhofs Seite.

wenn man die annenstasse weiterfährt kommt man nach Actionberg... auch sehr nett dort.

gut - univiertel

schlecht - lend/gries

ist zwar nicht meine meinung, aber so wird es kolportiert.

Dankeschön.

es gibt überhaupt keine gute und schlechte Seite

Sie werden in jedem Bezirk gute und schlechte Flecken finden. Es kommt auch sehr darauf an, was sie wollen: zentral, mit Einkaufsmöglichkeiten auch an Sonn- und Feiertagen, oder ist Ruhe, Grün und bessere Luft wichtiger. Letzteres gibt es natürlich auch auf der rechten Murseite, am Fuße der Plabutsch-Kette gibt auch sehr schöne Plätze.

Ansonsten stimmt die anderen Kommentare zu den prinzipiellen Unterschieden aber schon.

Rechts vom Murufer

war bzw ist die Industrie (SGP, Greinitz, Siemens, Stahlbaufirmen uvm.) angesiedelt und wegen der (einst) großen verfügbaren Flächen die günstigere Wohngegend die vor allem von Arbeitern genutzt wird, da sie ja dort auch eher Arbeitsplätze vorfinden.

Links vom Murufer ist vor allem das LKH und die Universitäten. Daher viele Akademiker die sich rund um den Ruckerlberg um die letzten freien Baugründe raufen.

Nachdem die Durchmischung in Graz besonders schlecht ist, können Sie also zwischen Proleten- und Spießerbezirken wählen. Besonders lebenswert ist es weder dort noch da, weben weil Sie zwischen Pest und Cholerea wählen müssen.

Bevorzugen Sie lieber die Peripherie. Etwa Seiersberg, Vasolsberg oder Gratwein.

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