Unbekanntes Capriccio Siciliano

3. Mai 2013, 17:49
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In London entdeckte man vor kurzem ein der Forschung unbekanntes Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller

Lachende Bauernkinder, die wie kleine Derwische unbeschwert durchs Bild wehen, pointiert Belvedere-Kuratorin Sabine Grabner treffend jenes Genre, auf das Ferdinand Georg Waldmüller noch heute reduziert wird. Eine fatale Fehleinschätzung, die von mehreren Kunsthistoriker-Generationen längst widerlegt wurde, nicht nur der sozialkritischen Komponente wegen. Seine Landschaftsdarstellungen? Die spielen in einer völlig anderen Liga, wenn auch nicht von Anbeginn.

Noch in den 1820er-Jahren beschränkte er sich auf kulissenartige Landschaften, die jedoch sukzessive an realistischer Intensität gewinnen. Selbst für einen ambitionierten Porträtmaler war eine gewisse Fertigkeit auf diesem Gebiet unabdingbar, schon weil sich, wie Kunsthistoriker Wolfgang Kraus erklärt, die britische Mode der Einbettung des Bildnisses in eine parkähnliche Umgebung über Frankreich und den deutschen Raum ausgebreitet hatte.

Waldmüller begann die Natur mit Akribie zu studieren, wovon nicht nur Skizzen, sondern auch kleinformatige Ölstudien zeugen. 1903 erwarb das Belvedere eine solches, das etwa um 1844 entstand, als der Künstler wie in den Folgejahren den Herbst in Sizilien verbrachte. Dieser Blick auf die Bergstadt Mola blieb unvollendet und dokumentiert dennoch die Meisterschaft. "Jedes Detail lässt ahnen, wie er das Sonnenlicht studierte, die Licht- und Schattenpartien am Berghang "abmalte" und so die Natur zur Lehrmeisterin erklärte", beschreibt Grabner: die sommerliche Hitze und Trockenheit, das Dampfen der Erde und der Dunst über den Bäumen, der Wandel der Farbe unter dem südlichen Licht, das hartes Weiß in zartes Gelb verwandelt.

In das gleiche Jahr datieren zwei Gemälde mit der Ruine des griechischen Theaters zu Taormina aus der Sammlung Liechtenstein. Könnte ein bis vor kurzem völlig unbekanntes Gemälde Waldmüllers insofern dem Beuteschema des Fürsten entsprechen?

Atelierfantasien

Möglich. Johann Kräftner will erst noch in London einen detaillierten Blick darauf werfen. Kunsthistorisch sei es ja ganz interessant, wiewohl es nicht vor Ort, sondern im Atelier in Wien entstand: 1849, wie die Datierung belegt. Es zeigt einen dorischen Tempel mit der Bergstadt Mola und Taormina im Hintergrund, mit Blick auf das Meer und einem Mädchen-Quintett. Waldmüller komponierte damit einen Ort voll südlicher Idylle, ein "Capriccio Sicilano", wie Sabine Grabner beschreibt, die die Entdeckung als Sensation einstuft.

2008 hatte es der jetzige Einbringer in Frankreich als "European School" für einen unbekannten Betrag erworben. Die vom Rahmen verdeckte Signatur erspähte Christie's-Experte Arne Everwijn, der das am 22. Mai (19th Century European Art) in London zur Auktion kommende Bild nun auf 230.000 bis 340.000 Euro taxiert.

Eine moderate Bewertung im Vergleich zu den im deutschsprachigen Raum für Genrebilder erzielten Top-Ergebnissen und auch jüngeren Fehleinschätzungen: auf stolze 150.000 bis 300.000 Euro taxierte Jagdhunderln vom Fürsten Esterházy (u. a. 1992 Sothbey's, netto 28.000 Euro) blieben im Kinsky (23. 4.) unverkauft wie und der Kirchgang im Frühling (1863) scheiterte im Dorotheum (16. 4.) bereits beim Rufpreis von 360.000 Euro. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 4./5.5.2013)

  • 1849 schuf Waldmüller diese sizilianische Idylle.
    foto: christie's

    1849 schuf Waldmüller diese sizilianische Idylle.

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