Zur Kunst des Handelns

3. Mai 2013, 17:07
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Die New Yorker Gruppe "Movement International" beim Donaufestival

Krems - Ein riesiges Plakat irritiert die Autofahrer auf dem Weg von oder nach Krems. Es zeigt ein beschauliches Dorf in einer Postkartenlandschaft. Darüber ist auf Englisch zu lesen: "Ein zauberhafter Ort, an dem Migranten ihre Rechte verlieren." Eine Arbeit von Camilo Godoy, Mitglied der New Yorker Gruppe Immigrant Movement International, die 2010 von der Performancekünstlerin Tania Bruguera gegründet wurde.

"Dieses Plakat kommt aus unserer Auseinandersetzung mit dem Unterschied, der zwischen Touristen und Migranten gemacht wird", erläutert Bruguera in ihrem temporären Büro beim Donaufestival. Dort hängt das Motiv als Poster neben anderen. Eines davon zeigt die Europaflagge, deren Sterne mit Stacheldraht miteinander verbunden sind. Der Satz darunter: "Der miserable Umgang mit Migranten von heute ist unsere Schande von morgen." Es gebe die Hoffnung, sagt Bruguera, dass in einigen Jahrzehnten allgemein erkannt wird, was man diesen Menschen gegenwärtig antut.

Historisch bezieht sich IM International, das sich auch als politische Partei mit dem Namen Partido del Pueblo Migrante (PPM) bewähren soll, auf die Civil Rights-Bewegung. 2011 wurde ein Manifest publiziert, an dem auch die US-Soziologie-Koryphäe Saskia Sassen mitgearbeitet hat. Darin ist unter anderem zu lesen: "Wir fordern dieselben Privilegien der Reise- und Gründungsfreiheit, die auch die Unternehmen und internationalen Eliten haben." Zurückgewiesen wird die "Kriminalisierung der Lebensweisen von MigrantInnen".

Respekt vor Wissen

Stattdessen mahnt das Zehnpunkte-Papier "Respekt vor dem kulturellen, sozialen, technischen und politischen Wissen ein, über das MigrantInnen verfügen". Besucher des IM-Büros können sich - noch bis Samstag - mit Bruguera und Godoy unterhalten. Und sie werden eingeladen, sich per Vertrag (moralisch) zur Unterstützung und zum Schutz von Migranten zu verpflichten. Die Unterzeichnung ist der performative Akt der Begegnung zwischen den Künstlern und dem Publikum.

Das Selbstverständnis der "Artivists" von IM International verbindet sich mit den Ideen der aktivistischen Kunst, wie sie im Vorjahr die Berlin Biennale geprägt hat und beim Grazer Steirischen Herbst in dem großen Projekt "Truth is concrete" versammelt wurde (im kommenden Herbst gibt es übrigens eine Fortsetzung dieses Politkunst-Schwerpunkts): Ihre Kunst soll ganz konkret nützlich und dabei explizit politisch orientiert sein.

Bruguera spricht von einer "Arte de Conducta", einer Kunst des Verhaltens beziehungsweise des Handelns, und bezieht sich auf den Philosophen Michel Foucault. In Sachen Gesellschaftskritik erhalten Künstler mit Artivisten wie Bruguera neue Partner. Die Zukunft gehört beiden.  (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 4./5.5.2013)

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