Angst vor der "starken Frau" kann sich keiner leisten

3. Mai 2013, 17:09
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Viele Frauen wollen nicht an die Unternehmensspitze, sagen die einen - das sei ein hartnäckiges Vorurteil, behaupten die anderen

Geht es um Frauenkarrieren im Topmanagement, fällt der Blick seit Jahren - zumindest im deutschsprachigen Raum - auf die immergleiche Handvoll Pionierinnen. Mit viel Verve wird über Ingredienzen ihrer steilen Karrieren berichtet. Zu Recht. Frauen - vor allem junge Frauen - brauchen Vorbilder. Allerdings sind diese Topmanagerinnen noch immer die große Ausnahme der Regel geblieben. Hinter dieser Riege steht eine Vielzahl an hochqualifizierten, ambitionierten Frauen, die den letzten Sprung nicht geschafft haben oder ihn nicht machen konnten, ausgestiegen sind und damit enorm viel Know-how mitgenommen haben - und das meist nicht zu ihrem Schaden.

Hartnäckige Vorurteile

Seit längerem schon wird zwar der "female shift", das "Zeitalter der Frauen" eingeläutet, die Debatten über gleiche Karrieremöglichkeiten oder Aufstiegschancen haben aber weder genug an moralisch gefärbten Vorurteilen verloren, noch genug an volkswirtschaftlich orientierten Argumenten gewonnen. Hartnäckig etwa hält sich das Vorurteil, dass die meisten Frauen den Sprung an die Spitze eines Unternehmens nicht anstreben - aus verschiedenen Gründen wie etwa der vielzitierten Work-Life-Balance oder anderer familiärer Verpflichtungen wegen. Zu wenig noch werden Gegenargumente ins Feld geführt - trotz der mittlerweile zahlreichen Untersuchungen. Etwa jene der Unternehmensberatung Rochus Mummert, die 119 Frauen im mittleren Management von Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitern aus Handel, Dienstleistung und produzierendem Gewerbe/Industrie zu ihren Karriereaspirationen befragt hat.

Zwei Drittel der untersuchten Gruppe gaben an, einen Aufstieg in die oberste Führungsriege anzustreben - und das innerhalb der kommenden fünf Jahre, heißt es in den Untersuchungsergebnissen. Gleichzeitig gaben 51 Prozent der befragten Frauen im mittleren Management an, schon einmal das Gefühl gehabt zu haben, "dass ihnen in ihrer Laufbahn ein Karriereschritt versperrt war, weil sie eine Frau sind". Studienleiter Bernhard Walter dazu: "Die regelmäßig und fast schon reflexhaft erhobene Behauptung, Frauen würden ja gar keine gehobenen Positionen anstreben, entpuppt sich damit als klares Vorurteil."

Ungenutztes Potenzial

Als Beweggründe wurden besseres Ausschöpfen der fachlichen Fähigkeiten (72 Prozent), Lust auf mehr berufliche Verantwortung (67 Prozent) und mehr Gehalt (64 Prozent) genannt. Jede fünfte befragte Managerin allerdings sah sich, was diese Ziele betrifft, zum Zeitpunkt der Untersuchung nicht am richtigen Platz. Jede fünfte Frau plane innerhalb der nächsten zwölf Monate einen Arbeitgeberwechsel, heißt es. Die meistgenannten Gründe dafür: fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und schlechte Bezahlung. Die Frauen gehen - und mit ihnen ihr Know-how. Fazit der Untersuchung zu Frauenkarrieren in kleinen und mittleren Betrieben: "Unternehmen rufen das Potenzial von Frauen im mittleren Management nicht ab."

Ähnlich die Ergebnisse einer von der TU Berlin im Auftrag des European Women's Management Development International Network Deutschland (EWMD) durchgeführten Studie "Managerinnen 50 plus: Karrierekorrekturen beruflich erfolgreicher Frauen in der Lebensmitte". Als "terra incognita" bezeichnet Studienautorin und TU-Berlin-Professorin Christiane Funken auch die wissenschaftlich kaum erforschte Zielgruppe der Managerinnen über 50 Jahren. Sinngemäß sei man noch vor einigen Jahrzehnten in diesem Alter kurz vor der Pension gestanden - heute habe man in diesem Alter als Arbeitnehmer und als Arbeitnehmerin ja noch einige Berufsjahre vor sich. "Führungskräfte können in diesem Alter die Weichen für die Karriere noch einmal neu stellen", heißt es, "doch insbesondere weibliche Führungskräfte starten oftmals nicht durch. Ihre Karrieren stagnieren plötzlich - ohne Aussicht auf eine Spitzenposition in Vorstand oder Aufsichtsrat."

Plötzlich Stillstand

30 weibliche Führungskräfte zwischen 45 und 55 Jahren befragte Funken zu ihrer beruflichen Vergangenheit und Zukunft, zu Hürden und Motiven in ihren Karrieren. Alle Frauen waren zum Zeitpunkt der Untersuchung in mittleren und großen deutschen Unternehmen unterschiedlicher Branchen tätig, sie waren "hoch qualifiziert und haben neben dem Arbeitsalltag meist noch weitere berufliche Qualifikationen erworben". Fragen zum weiteren beruflichen Werdegang bzw. der weiteren Gestaltung der verbleibenden Arbeitszeit und die dafür (nicht) zur Verfügung stehenden Möglichkeiten waren bei den Befragten zentral. Und während für Männer in dieser beruflichen Phase ein Posten im Aufsichtsrat oder Vorstand anstand, traten die Managerinnen auf der Stelle, heißt es. Plötzlich Stillstand.

Viele der befragten Managerinnen, die ihre bisherige Position durch hohe Investitionen in die berufliche Laufbahn und Opfer im Privatleben erreicht haben, kommen zum Schluss: No Return on Investment. Alles richtig zu machen und dennoch nicht ans Ziel zu gelangen führe zu einer hohen Frustration, so die Studienautorin: "Das machen diese auf Dauer nicht mit." Wenn die Zufriedenheit mit der beruflichen Situation bei Frauen mit zunehmendem Alter sinkt und die getätigten Investitionen in die Karriere in keinem Verhältnis zum Gewinn stehen, hat das nicht nur für diese Frauen negative Folgen.

Problem der Anerkennung

Drei Typen hat Funken aus der Gruppe der Befragten extrahiert:

  • Die Kämpferin (40 Prozent) nimmt den Kampf gegen die verkrusteten Strukturen auf und versucht die "gläserne Decke" von innen heraus aufzubrechen. Nicht selten führen diese Frauen einen "erbitterten Kampf um Anerkennung und beruflichen Aufstieg".
  • Die "Resignierte" (30 Prozent) macht nur noch "Dienst nach Vorschrift" , hat innerlich gekündigt. Aus wirtschaftlichen Gründen benötigen diese Frauen weiterhin einen sicheren Arbeitsplatz, prüfen allerdings Alternativen jenseits der Linienpositionen eingehend, heißt es in der Studie.
  • Die "Aussteigerin" (30 Prozent) plant ihren Ausstieg in die Selbstständigkeit oder das Ehrenamt. Diese Frauen sind kein Teil relevanter Entscheidungen und von der alltäglichen Routine gelangweilt. Sie widmen sich andernorts erfüllenderen Aufgaben - ihr Wissen und ihre Erfahrung nehmen sie mit. (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 4./5.5.2013)
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