Hofinger: "Grüner Dammbruch in Kleingemeinden"

Chat6. Mai 2013, 13:45
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Der SORA-Politikforscher über den Ausgang der Salzburger Landtagswahlen und die massiven Veränderungen im Superwahljahr 2013

ModeratorIn: derStandard.at begrüßt Christoph Hofinger im Chat zur Salzburg-Wahl. Wir können loslegen.

Christoph Hofinger: Ich begrüße alle UserInnen herzlich und freue mich wie immer auf den interaktiven Abschluss des Wahlwochenendes beim Chat auf DerStandard.at :-)

Amadeus13: Nachdem am Sonntag die Wahlprognosen völlig daneben gelegen sind, erhalten wir am Montag exakte Wählerstromanalysen, die Bewegungen zwischen den Parteipräferenzen zeigen. Wie glaubwürdig ist dieses Schauspiel?

Christoph Hofinger: 1.) Die Wahlprognose, die daneben gelegen sind, stammen nicht von uns :-). 2.) Unsere Wahlwochenbefragung für den ORF hatte noch vor der Hochrechnung ein Ergebnis, das dem Wahlergebnis entsprochen hat. 3.) Wählerstromanalysen beruhen nicht auf Umfragen, sondern auf statistischer Analyse von Sprengel- und Geimendedaten (mehr Info dazu auf sora.at)

Schorsch _At: Worin sehen sie den Grund weshalb noch immer mehr als 50% der Wähler die zwei „Altparteien“ SPÖ und ÖVP wählen und das in einem Bundesland in den beiden Parteien massiv in den Finanzskandal verwickelt sind? Fehlt es an konkurrenzfähigen alternativen

Christoph Hofinger: Die Alternativen haben sich als ziemlich konkurrenzfähig erwiesen und mehr als 20% zulegen können. Dass ÖVP und SPÖ in einem Land wie Salzburg zusammen nur mehr knapp über 50% haben, ist eigentlich schon erstaunlich – es waren ja einmal fast 100%. SPÖ und ÖVP wären mehr unter die Räder gekommen, wenn der Skandal darin bestanden hätte, dass sich die Parteien öffentliche Gelder unrechtmäßig unter den Nagel gerissen hätten. Die Koalition hat aus lauteren Motiven Dinge getan, die unentschuldbar sind. Sie haben gedacht, sie können dem Land was Gutes tun, in dem sie "für die Bürger" zocken.

xEurocent: In Kärnten wurde die FPK in Umfragen völlig überschätzt, in Tirol die ÖVP völlig unterschätzt und in Salzburg wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert. Sind unsere Umfrageinstitute unfähig? In anderen Ländern funktioniert es ja, siehe etwa die l

Christoph Hofinger: Ich bin nicht happy mit den veröffentlichten Umfragen, weil sie sehr geringe Stichproben hatten. Das führt dazu, dass manche Institute den Daten selbst nicht trauen und dann einen allfälligen eindeutigen Befund nicht ungespitzt veröffentlichen. Die Medien müssen wir aber auch in die Pflicht nehmen: Sie zahlen den Instituten, die über Umfragen in der Öffentlichkeit präsent sein wollen, sehr wenig bis nichts. Aber ohne Qualität ist die Information nicht viel wert. Außerdem fehlt mir oft eine genaue Beschreibung der Stichprobe und anderer Eckdaten. Schließlich nervt, dass immer nur die Sonntagsfrage veröffentlicht wird. Das ist das Uninteressanteste an Umfragen. Für eine tiefgehende politische Berichterstattung wäre viel besser, wenn wir etwas über Einstellungen, Sorgen und Hoffnungen der WählerInnen erfahren würden!

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Waren die Grünwähler diesmal die Protestwähler?

Christoph Hofinger: Jedenfalls! Sie haben gegen die Spekulation protestiert, 75% der G-WählerInnen wünschen sich die Kontrolle von Missständen. Den Grünen kam in Salzburg zugute, dass sie einerseits mangels Regierungsbeteiligung noch "unverbraucht" sind, aber schon lange genug auf der Bühne, dass ihnen die WählerInnen vertrauen, etwas zu ändern.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Wieso konnte die ÖVP in Salzburg bei den über 60-Jährigen so punkten?

Christoph Hofinger: Das ist eine Generation, die in Sbg traditionell ÖVP wählt. Sie war auch 04 und 09 weniger geneigt, zu SPÖ-/Burgstaller zu wechseln. 39% für die ÖVP sind in diesem Sinne gar nicht so beeindruckend. Es ist dafür das erste Mal in Österreich, dass die Grünen in dieser Gruppe zweistellig sind.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Könnten Sie sich vorstellen, dass in Salzburg am Ende Schwarz-Grün-Gelb herauskommt?

Christoph Hofinger: Koalitionen kann ich wesentlich schlechter vorhersagen als Wahlergebnisse ;-). Viel würde ich aber nicht darauf wetten.

afrikaaner: Kann die ÖVP ihre Stammwähler immer besser als andere Parteien mobilisieren? Die vergangenen Wahlen legen dies zumindest nahe.

Christoph Hofinger: Es gelingt ihr im Moment nicht so schlecht, immerhin 64% von 2009 wählten wieder ÖVP. Aber: Die ÖVP wurde davor schon zwei Mal auf ihre Stammwähler reduziert. SPÖ und ÖVP müssen jetzt ihre WählerInnen halten, weil es ihnen nicht leicht fällt, von der Opposition zu mobilisieren.

Welcome to the machine: Wie realistisch ist eine grün-rote-stronach-Koalition? Schüssel wurde ja auch schonmal als dritter zum Kanzler gemacht.

Christoph Hofinger: Wie gesagt, bei Farbenspielen bin ich mir unsicher. Nur so viel: Wenn Wilfried Haslauer eine Koalition zustandebringt, was wahrscheinlich ist, bleibt nicht viel Restwahrscheinlichkeit für eine SP-geführte Koalition in Sbg.

afrikaaner: Früher war es ja immer so, dass die Grünen immer unter den Erwartungen geblieben sind. Gibt es hier eine Trendumkehr ala FPÖ?

Christoph Hofinger: Das können wir nicht generalisieren. Aber die Grünen sind häufig an eine Art "gläserne Decke" gestoßen: Sie konnten außerhalb der urbanen Bildungsschichten nicht Fuß fassen. Jetzt hat sich das in Salzburg ganz anders dargestellt: In den kleinen Gemeinden, die wir für die Hochrechnung als erstes hereinbekommen haben, haben sie sich verfünffacht. Das war ein Dammbruch aus Grüner Sicht. Der ist aber strukturell nicht abgesichert.

gosselopp: rechnen sie für die zukunft mit einer beständig sinkenden wahlbeteiligung?

Christoph Hofinger: Ich rechne mit schwankenden Wahlbeteiligungen. Dass es trotz der großen Verunsicherung nicht steil bergab gegangen ist mit der Wahlbet. in Salzburg (-3,6%), ist eigentlich erstaunlich. Aber die vier größten Parteien konnten 5000 bis 8000 NichtwählerInnen mobilisieren.

UserInnenfrage per Mail: Die Meinungsforscher liegen ziemlich daneben in letzter Zeit. Soll es vor Wahlen ein Umfrage-Verbot geben?

Christoph Hofinger: Nein (die werden immer umgangen) , aber Qualitätsgebote! In der New York Times stehen bei jeder Umfrage vor Wahlen zwei Spalten (die Fläche wäre viele tausende Dollar in Inseraten wert) genau "How the Poll was Conducted". Das wünsche ich mir auch für Österreich. In Österreich ist wegen des proportionalen Wahlrechts (wir bekommen ja nicht eindeutige Sieger wie in UK etc.) strategisch Wählen unvermeidlich. Die Menschen wollen ein Bild mit bestimmten Farbverteilungen malen. Gute Umfragen könnten eine Orientierung bieten, heuer war die Orientierung aber mehr als mäßig.

Pete_Seeger: Kann man die FPÖ auch als Sieger sehen oder konnten diese auch nicht mehr durchstarten?

Christoph Hofinger: Die FPÖ hat dazugewonnen, aber den dritten Platz verloren. Also ein gemischtes Bild. Nach NÖ, Kärnten und Tirol hatte die Partei aber ein Plus bitte nötig, das bedeutet aus FPÖ-Sicht also mehr Licht als Schatten.

Schorsch _At: Wie hoch sehen sie das „Stammwähler“ Kapital der einzelnen Parteien bei der Nationalratswahl? Unter welche Grenze würden die einzelnen Parteien nicht fallen?

Christoph Hofinger: Es ist ehrenvoll, dass Sie mir eine Prognose 4 1/2 Monate voraus zutrauen ;-). Es hängt immer vom Wahlkampf ab, und wie stark die anderen auftreten. Aber da die WählerInnen immer mobiler werden, soll sich keine Partei darauf verlassen, dass sie mehr 2/3 vom letzten Mal ohne viel Zutun halten kann.

UserInnenfrage per Mail: Welche Wahl war im Superwahljahr 2013 bisher die spannendste in Ihren Augen? Wo gab es die überraschendsten Ergebnisse?

Christoph Hofinger: Meine KollegInnen von SORA und ich haben noch nie so viel Dramatik in nur wenigen Monaten erlebt. Die Verschiebungen sind massiv, auch die Einstellungen zeigen oft dramatische Befunde (z.B. dass in Salzburg die Entwicklung Land positiv sehen als im ohnehin schon zerknirschten Kärnten. Insofern waren alle Landtagswahlen wirklich aufregend, wobei ich zugeben muss, dass mir Kärnten schon ein paar Sekunden der Mund offen geblieben ist, als die ersten Gemeinden hereingekommen sind...

gosselopp: wählen ältere menschen tendenziell eher die övp als die spö? hat die spö also mehr ehemalige stammwähler an die fpö verloren?

Christoph Hofinger: In Städten wie Wien wählen Ältere mehr SPÖ, auch in Teilen des Burgenlands etc. Bei dieser Wahl haben beide (über alle Altergruppen) gleich viel an die FPÖ verloren. Wir haben einmal die Abwanderung von Rot und Schwarz zu Blau in den 80er und 90er Jahren, also in der Haider-Ära, analysiert. Ergebnis: Beide haben ziemlich genau die gleiche Menge (ca. 600.000) an die FPÖ verloren. Die ÖVP übrigens zuerst, erst nachher gab es die massiven Einbrüche bei der SPÖ (z.B. 1994).

SEPTM3AF: Kann das BZÖ bei Nationalratswahl schaden, dass es in Landtagswahl Salzburg nicht angetretten ist?

Christoph Hofinger: Es ist kein gutes Zeichen. Aber wenn es das BZÖ im Herbst nicht schafft, war wohl nicht nur Salzburg schuld...

Paul Platon: wuerden Sie meiner behauptung zustimmen, dass spoe-waehler eher zum wechselnwaehlen tendieren als.oevpwaehler?

Christoph Hofinger: Die Unterschiede sind weniger parteipolitische als regional und altersbedingt. Im Westen sind die WählerInnen mobiler, weil weniger gewerkschaftlich organisiert und weniger in die Parteien integriert. Jüngere wechseln häufiger. Wie das erwähnte FP-Beispeil zeigt: Von Haider haben sich gleich viele verführen lassen.

der tueftler: hat die Diskussion um das bienensterben bzw. die verweigerung der auskunft noch eine rolle gespieltß

Christoph Hofinger: Kaum. Es war eine in unüblich hohem Ausmaß von Landesthemen geprägte Wahl. Oft sind ja Landtagswahlen sogenannte "Second Order Elections", bei den ein Denkzettel an den Bund ausgeteilt wird. Nicht dieses Mal.

greenling: Warum sind die Grünen in Wien so schwach, wenn man das Wiener Ergebnis mit den Ergebnissen in Innsbruck und Salzburg vergleicht? Liegt das an den lokalen Politikern oder doch an den Wienern?

Christoph Hofinger: Die Grünen waren in Wien in vielen Umfragen schon jenseits der 20% - wenn sie die Regierungsbeteiligung halbwegs überstehen, werden sie mittelfristig auch dort hinkommen, auch schon aus soziodemographsichen Gründen (innerösterreichischer Zuzug, Zunahme der Bildung). In Wien sind die Gegner (v.a. SPÖ und FPÖ) wesentlich stärker als z.B. in Innsbruck - und dort sind fast ein Viertel der Wahlberechtigten Studierende oder Schüler.

heinz sz: eigentlich kann jetzt nur die koalition der grossverlierer kommen. könnten sie mal ein umfrage machen, ob die salzburger das wollen?

Christoph Hofinger: Es sind zwar die Verlieren, aber es ist immer noch die Kombination aus den stärksten Parteien. Es wird auch diskutiert, Grün dazuzunehmen - wobei Regierungen ja dazu neigen, eine Größe knapp über der Regierungsmehrheit zu suchen (These der "minimum connected winnig coalition" von Axelrod). In Peter Hajeks Daten war der häufigste Wunsch Schwarz-Grün, aber das geht sich nicht aus.

der tueftler: ist in der wählerschaft der grünen derzeit der bürgerliche anteil oder der linke stärkerß

Christoph Hofinger: Es sind vor allem Bürgerliche Linke! Also Menschen mit Matura oder Uni-Abschluss , aber egalitären Werten. Grün-WählerInnen stufen sich in der Regel deutlich weiter links ein als SPÖ-WählerInnen. Für Salzburg wird das vermutlich nicht zutreffen. Dort haben die Grünen vier von zehn WählerInnen mit Matura gewonnen und liegen deutlich vor der ÖVP.

Paul Platon: gestern "im zentrum" wurde die frage aufgeworfen ob frank stronach mit seiner partei in deutschland aehnlichenrfolg haben koennte. wie wuerden Sie die frage beantworten?

Christoph Hofinger: Es gibt in Deutschland höhere Ansprüch an den öffentlichen Diskurs, sowohl in den Medien als auch unterhalb der Parteien. Die würde Stronach nicht immer erfüllen. Die Sehnsucht nach patriarchalischen Führungsfiguren ist in Teilen der österreichischen Bevölkerung immer noch erstaunlich stark. Die Deutschen sind da abgeklärter und moderner.

D-snd-pr-Hrnknd-db: Werden die Grünen bei den kommenden Nationalratswahlen die Partei der Protestwähler sein.

Christoph Hofinger: Zusammen mit FPÖ und Stronach. Das wird ein harter Wettkampf, aber Kuchen ist auch groß geworden.

gosselopp: die grüne astrid rössler ist nicht gerade eine "typische" politikerin. sie wirkt fast ein bisschen zurückhaltend und sachlich, sozusagen eine antithese zu frank stronach. hätten Sie gedacht, dass so ein politikertypus bei wahlen derart erfolgreich s

Christoph Hofinger: Grundsätzlich ist Astrid Rössler der Typ, dem eher wenig Mobilisierung zugetraut wird, aber wie in Salzburg sichtbar, offenbar zu Unrecht. In der spezifischen Situation - Enttäuschung über die politische Führung des Landes und Bedürfnis nach seriöser Führung - hat sie genau das verkörpert, was viele sich jetzt gewünscht haben. Das war in der Phase der Untersuchungsausschüsse ausch schon spürbar. Und bei allem Umfrage-Bashing: Dass die Grünen einen weiten Sprung nach vorne tun können, hat sich doch abgezeichnet in dern veröffentlichten Sonntagsfragen.

xEurocent: Trotz riesiger Verluste der beiden Großparteien blieb das Team Stronach einstellig. Hat die Partei ihrer Meinung nach ihren Zenit bereits überschritten?

Christoph Hofinger: Dazu müsste ich ein Prophet sein. Es war aber noch meistens voreilig, wenn behauptet wurde, bei einer Partei kann es jetzt nur mehr bergab gehen...

xEurocent: Hat Frau Burgstaller der SPÖ eigentlich mehr Stimmen gebracht oder gekostet?

Christoph Hofinger: Hängt davon ab, wer statt ihr in den Ring gestiegen wäre. Sie hätte aber mit einer klareren Linie nach dem Auffliegen des Skandals einen Teil der Verluste verhindern können.

ModeratorIn: derStandard.at bedankt sich bei Christoph Hofinger und den UserInnen. Spätestens nach der Nationalratswahl sehen wir uns wieder im Chat. Schönen Tag noch.

Christoph Hofinger: Es war mir wie immer ein spannendes Vergnügen und ich freu mich auf den 30. September! mlG C.H.

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