JuLis-Kandidatin Gamon: "Thatcher war eine beeindruckende Frau"

Chat6. Mai 2013, 11:35
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Claudia Gamon, Spitzenkandidatin der Jungen Liberalen, über die Billa-Kassierin, die das Studium bezahlt, und das Image der ÖH

ModeratorIn: Wir begrüßen Claudia Gamon im Chat zur ÖH-Wahl und bitten die Userinnen und User um Fragen.

Claudia Gamon: Danke für Einladung. Ich freue mich auf viele Fragen und eine inhaltliche Debatte.

Tannenelch: Meine Mutter zahlt Ihr Wahlplakat -- oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Claudia Gamon: Die JuLis kriegen gottseidank kein Steuergeld.

thomhas: Für Sie ist 2013 ja ein besonderes Wahljahr, da Sie auch bundespolitische Ambitionen haben. Vor allem in Anbetracht des (eher negativen) Rufes der ÖH als Vorfeldorganisation/Kaderschmiede für diverse andere Parteien: Glauben Sie ist ihr ÖH-Engagemen

Claudia Gamon: Für mich persönlich ist mein ÖH Engagement sicher ein Vorteil, da ich mich mit meinen Lieblingsthemen im Bildungsbereich positionieren kann. Ganz abgesehen davon wäre es für Studenten nur von Vorteil wenn eine ÖH Mandatarin im Nationalrat säße und echten Einfluss auf die Politik ausüben könnte.

Schreck: Thatcher - ein Vorbild?

Claudia Gamon: Ich finde Thatcher war eine beeindruckende Frau, die für Großbritannien viel geleistet hat. Man kann an ihrer Politik sicherlich auch Einiges kritisieren aber alleine schon als Frau in der Politik kann man sie nur als Vorbild sehen.

Digitalkäse: Ich habe kein Auto, trotzdem finanziere ich die Autobahnen mit da diese für unser Land essentiell sind. Wieso gehört eine Universität für sie nicht zur essentiellen Infrastruktur?

Claudia Gamon: Für uns stellen die Studiengebühren quasi einen Selbstbehalt dar, die Universitäten müssen immer noch vom Staat grundfinanziert werden. Wir wünschen uns, dass die Politik das Ziel, zwei Prozent des BIP für die Hochschulen auszugeben erreicht. Für uns sind Studiengebühren vor allem eine prinzipielle Frage. Zusätzlich zu den Autobahnen, die sich als Beispiel um das zu veranschaulichen eignen, würde ich es sinnvoll finden eine Kilometergebühr (siehe Italien und Frankreich) statt einer Vignette einzuführen, da dann jene zahlen, die die Leistung in Anspruch nehmen und in dem speziellen fall auch die Umwelt belasten.

b3950126-29f2-4d7f-88bd-7b93987ab39f: Welche Ziele wollen die JuLis konkret erreichen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben? Ab wann würdet ihr von einem Erfolg sprechen?

Claudia Gamon: Ich glaube jedes Mandat für eine Fraktion, die sich für Studiengebühren ausspricht ist ein Erfolg. Wir wollen unser prozentuelles Ergebnis auf jeden Fall verbessern. In der ÖH Arbeit sehe ich es auch als großen Erfolg für die JuLis, dass wir es in den letzten zwei Jahren geschafft haben, konstruktive Politik in die Bundesvertretung zu bringen. Hätten wir die Möglichkeit und würden in eine Exekutive kommen, würden wir uns dafür einsetzen, dass die nächsten zwei Jahre echte Veränderungen im Hochschulwesen mit sich bringen und im Falle einer Wiedereinführung der Studiengebühren ein sinnvolles nachgelagertes Modell genützt wird.

atfshs: Die Julis sind gesellschaftspolitisch sehr liberal. Warum schließt ihr dann eine koalition mit der AG nicht aus, die ja sehr konservativ ist und auch sehr eng mit CV und ÖVP verbunden ist?

Claudia Gamon: Weil unserer Meinung nach Gesellschaftspolitik in der ÖH nichts verloren hat. Auch wir würden unsere gesellschaftlichen Positionen in der ÖH nie zur Debatte stellen. Insofern haben wir mit der AG auf jeden Fall eine große inhaltliche Übereinstimmung. Ich würde auch nicht wissen, dass die AG irgendwelche gesellschaftspolitischen Positionen hat.

Mooreel: Oft hat man bei Liberalen den Eindruck einer Elitengruppe. Wo "in guten Hause" aufgewachsene, welche ihr Studium auch ohne Probleme vom Elternhaus finanziert bekommen würden, über Studiengebührenabschaffung und andere liberale Projekte reden.

Claudia Gamon: Warum soll dieser Eindruck gerade bei Liberalen erweckt werden? Wir haben genügend Mitglieder, die in unserem Modell einen Kredit in Anspruch nehmen müssten und trotzdem für Studiengebühren sind, da sie es für richtig halten. Ich bin der Meinung, dass vor allem die ÖH Wähler (Akademiker!) auch Themen diskutieren können, die langfristig angedachte Konzepte betreffen auch wenn sie selbst dadurch benachteiligt werden. Quasi über den eigenen Tellerrand hinausschauen.

mapoho: Ich habe Ihren Blog "the hippie capitalist" entdeckt. Assoziieren Sie den Begriff Kapitalismus eigentlich auch mit negativen Aspekten?

Claudia Gamon: Jene Aspekte, die Kapitalismuskritiker möglicherweise negativ sehen, haben meiner Meinung nach nichts mit dem Kapitalismus an sich, sondern mit Intransparenz, Monopolbildung, politischer Einflussnahme und fehlendem Wettbewerb zu tun. Ich bin außerdem der Meinung, dass vor allem der Kapitalismus eine soziale und solidarische Gesellschaft ermöglicht. Auch Adam Smith hat schon gefordert, dass man sich um die Schwächsten der Gesellschaft kümmern muss. Ein aktuelles Beispiel, wo Wettbewerb und "Kapitalismus" kritisiert werden, ist die EU Saatgutverordnung. Das hat nämlich nichts mit Wettbewerb und Kapitalismus zu tun, sondern begünstigt Oligopole und schafft einen unfreien Markt mit beschränktem Angebot und künstlich hohen Preisen.

Unipirat: Wo ist nachvollziehbar, woher das Geld für Ihren Plakatewahlkampf kommt?

Claudia Gamon: Das Geld für unsere Plakate und unseren gesamten Wahlkampf kommt aus privaten Spenden. Woher sonst? Wir werden die Namen natürlich nicht veröffentlichen, das wäre absurd.

Studentenfutter (das Original): "Deine Mutter zahlt meine Studiengebühren" Können Sie mir kurz erklären wie das gemeint ist?

Claudia Gamon: Das Plakat lautet "Deine Mutter zahlt mein Studium." Wir wollten damit auf die Umverteilungsproblematik hinweisen. Schließlich zahlt die gesamte Bevölkerung, auch jene die nie ein Studium in Anspruch genommen haben unser Studium zur Gänze. Deshalb glauben wir, dass ein Selbstbehalt gerechtfertigt und auch fair ist. Wir hätten auch draufschreiben können "Die Billa Kassierin zahlt mein Studium." Ein persönlicher Bezug war unserer Meinung nach notwendig um zu veranschaulichen, dass jeder betroffen ist.

SatVers: Du hast die Petition von SOLI unterschrieben. Wieso? Wie stehen die JuLis zum Zugang von Arbeitsmakrt von Studis aus dem Ausland?

Claudia Gamon: Ich finde es großartig, dass sich alle Fraktionen (abgesehen vom RFS) gegen die Diskriminierung von Drittstaatsangehörigen an den österreichischen Hochschulen aussprechen. Ganz abgesehen davon, dass wir ein ganz anderes Studiengebührenmodell fordern, sind die doppelten Studiengebühren ganz klar diskriminierend und hätten schon gestern abgeschafft werden müssen. Wir sprechen uns auch ganz klar für einen freien Zugang zum Arbeitsmarkt, auch für Studenten aus nicht EWR-Staaten, aus. Alles andere ist diskriminierend und kontraproduktiv. Schließlich wollen wir ja, dass sich auch ausländische Studenten das Studium hier leisten können. Ein anderer wichtiger Punkt ist natürlich auch, dass es einfach nicht sein kann, dass Menschen, die hier ein Studium abgeschlossen haben, ungerechtfertigter Weise wieder abgeschoben werden. Das ist nicht nur volkswirtschaftlich sondern auch menschlich eine Katastrophe.

Frank Costello: Warum haben die Julis gegen die Abwahl von Janine Wulz gestimmt, als die Cafe Rosa Verluste bekannt wurden?

Claudia Gamon: Als die Abstimmung stattfand, konnte man die Vorwürfe noch nicht beweisen. Einer unserer Mandatare hat sich in einer Wortmeldung auch klar gegen die offensichtliche Wahltaktik der Aktionsgemeinschaft ausgesprochen. Auch ÖH Politik muss auf Fakten basieren. Dass Janine Wulz spätestens beim Bekanntwerden der Rechtswidrigkeit des Cafe Rosa Konstrukts zurücktreten hätte sollen ist klar. Im Endeffekt glaube ich, dass ihr Verhalten den Ruf der ÖH nachhaltig geschädigt hat. Vor allem von einer Grünen hätte ich mir Besseres erwartet.

lgb: Ich studiere seit 3 Jahren im Ausland über das Fernstudium der JKU Linz. Bezahle jedes Semester den ÖH Beitrag, müsste aber für die ÖH Wahlen extra nach Österreich fahren, was bei mir beruflich nicht möglich ist! Was wäre dein Vorschlag zur Veränder

Claudia Gamon: Da bin ich ganz deiner Meinung. Eine ÖH Wahlrechtsreform ist dringend notwendig. Dazu gehört erstens eine Direktwahl der Bundesvertretung und zumindest eine Möglichkeit zur Distanzwahl. Es hatten sich alle Fraktionen bereits auf die Direktwahl geeinigt. Dass wir sie jetzt immer noch nicht haben, ist auf einen Rückzieher der Aktionsgemeinschaft zurückzuführen. Die AG setzt sich jedoch auch für eine Distanzwahlmöglichkeit ein, was wir natürlich unterstützen.

Informatiker: "Wenn ich Wissenschaftministerin wäre, würde ich als erstes ... ?"

Claudia Gamon: ... schauen welche Personen bei Rot und Schwarz die größten Blockierer darstellen. Ich würde mit einem fixfertigen Reformkonzept in den Ring steigen und mir die ÖH auch als Unterstützung holen. Trotzdem glaube ich, dass das Lobbying gegenüber der Regierung das Wichtigste sein würde.

Rüdiger_S: Wer kleidet sich denn von den ÖH Spitzenkandidatinnen und Kandidaten am besten?

Claudia Gamon: Ist mir wurscht.

tadaaaah!: Was sind Ihre Arguemnte für wirtschaftlichen Liberalismus?

Claudia Gamon: Was gibt es für ein besseres Argument als den Wohlstand in dem wir leben? Liberalismus ist für mich ein ganzheitliches Konzept, das sich nicht in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Liberalismus teilen lässt. Die individuelle Freiheit ist für mich genau gleich wichtig, als das Recht am Sonntag seinen Laden aufzusperren, um ein plakatives Beispiel zu benutzen. Ein freier Markt ohne Monopole, dafür mit viel Wettbewerb führt zu einem größeren Angebot und besseren Preisen für den Konsumenten.

Rriotrradio: beim kirchen-volksbegehren gab es sogar eine sehr öffentliche gesellschaftspolitische positionierung von seiten der julis. war das für dich auch ein erfolg?

Claudia Gamon: Ich habe auch nie behauptet, dass wir keine gesellschafstpolitischen Positionen haben (wir haben sogar viele), jedoch haben die für uns nicht mit der Arbeit in der ÖH zu tun. Das Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien hat immerhin eine Debatte angestoßen, die meiner Meinung nach längst überfällig war. Österreich braucht dringend eine klare Trennung zwischen Kirche und Staat. Es gibt auch einige Punkte, die hochschulpolitisch relevant sind (theologische Fakultäten).

Luke-Skywalker: Sie sind für Transparenz, wäre es nicht wenigstens angebracht die Höhe und das Datum der Spendenbeteräge zu veröffentlichen?

Claudia Gamon: Jedes JuLis Mitglied kann das in der Quartalsabrechnung nachlesen. Im Sinne der Privatautonomie geht es niemanden etwas an, wie viel die JuLis für ihren Wahlkampf haben. Wir legen die Gesamtsumme trotzdem eigenverantwortlich offen. Eine ganz andere Geschichte ist es jedoch, wenn es sich um eine Körperschaft öffentlichen Rechts handelt (eine ÖH), die sich durch Zwangsbeiträge finanziert. Hier liegt es in der Verantwortung der Amtsträger transparent zu wirtschaften.

Dr. Gregoritsch: Ich finde Studiengebühren asozial und stehe für freiwillige Studiengebühren. Quasi Studiengebührenfans können freiwillig zahlen. Wie findest du diesen Vorschlag?

Claudia Gamon: Ich finde es asozial, wenn ein Tischlermeister mein Studium zur Gänze finanzieren muss. Oder soll er ab jetzt auch nur mehr freiwillig zahlen? Bei unserem Studiengebührenmodell geht es um einen gerechtfertigten und zumutbaren Selbstbehalt für jene die am meisten von ihrem Studium profitieren: die Studenten selbst.

Vanguard: Denken Sie dass Liberalimus ein uncooles Image hat im Vergleich zum Sozialismus/Kommunismus, dem ein gewisses Sturm Und Drang Image anhaftet?

Claudia Gamon: Sozialismus und Kommunismus sind Ideologien, für die mehrere Millionen Menschen ihr Leben lassen mussten. Wer das als cool bezeichnet, sollte mal in ein Geschichtsbuch schauen. Liberalismus hingegen setzt sich für die persönliche Freiheit jedes Einzelnen ein, auch wenn er anders denkt. Ich würde sagen das ist cool.

Ivan Prandzhev: Deine Mutter zahlt mein Studium. Ich zahle deiner Mutter ihre Pension. Glaubst du, ich und du werden in 40 Jahren noch eine Pension bekommen?

Claudia Gamon: Das glaube ich nicht. Um zu garantieren, dass sich meine Ansicht auch noch zum Positiven verändert, ist eine Pensionsreform dringend notwendig. Die Schuldenpolitik ist das, was ich als asozial im jetzigen System bezeichnen würde. Schließlich leben wir alle auf Kosten der nächsten Generation. Ich plädiere jedoch dafür diese Debatte nicht nur polemisch zu führen. Es gibt genügend Pensionsprivilegien (Hacklerregelung!!!), die sofort abgeschafft werden können ohne die Pension des Mindestpensionsbeziehers auch nur anzutasten. Was fehlt ist der politische Wille.

Ptothew: Angenommen, die Julis würden nicht zur ÖH-Wahl antreten und es gäbe keine liberale Alternative. Welcher der verbleibenden Listen würden Sie ihre Stimme am ehesten schenken?

Claudia Gamon: Die anderen Fraktionen haben mich bis jetzt mit ihren Programmen nicht überzeugen können. Möglicherweise würde ich insofern nur parteifreie Kanditaten für meine Studienvertretung wählen. Ich würde mich damit aber noch eingehend beschäftigen müssen, welches kleinere Übel ich wählen könnte. Sind wir doch froh, dass die JuLis antreten.

tina kluge: Haben die Julis schon jemals selbst EInsicht in die Bücher der ÖH genommen?

Claudia Gamon: Der Jahresabschluss der Bundes-ÖH ist überraschenderweise klar und verständlich geschrieben, da die BV doch sehr transparent arbeitet. Den Jahresabschluss der ÖH WU zum Beispiel würde ich jedoch als recht unverständlich beschreiben und ich habe immerhin schon ein BWL Studium abgeschlossen. Oft benutzen einzelne Exekutiven ja auch das Instrument Verträge in kleine Einzelteile zu stücken, damit eine Universitätsvertretung nicht mehr darüber abstimmen kann. So was ist generell schwer nachzuvollziehen, schon gar nicht für einen normalen Studenten. Generell würde ich mir auch wünschen, dass alle Universitätsvertretungen ihre Jahresabschlüsse prominenter platziert veröffentlichen, dass man nicht immer mit der Lupe danach suchen muss.

nexxxus: Sollten nicht schon Schüler ab Vollendung der SChulpflicht einen Anteil für ihre Ausbildung zahlen?

Claudia Gamon: Dieser Vergleich ist wie Äpfel und Birnen. Bei Studenten sprechen wir schließlich von erwachsenen Menschen, die auch schon wahlberechtigt sind. Ein Selbstbehalt für ihr Studium ist somit gerechtfertigt. Es stellt für sie schließlich eine Investition in ihr eigenes Leben dar.

atfshs: wenn sie stark genug werden - mit wem würden sie gerne koalieren

Claudia Gamon: Auch wenn ich an der AG oft etwas kritisiere, glaube ich doch, dass wir inhaltlich am besten zusammenarbeiten können.

LightCurves: Wo sehen Sie sich beruflich und politisch in 10 Jahren?

Claudia Gamon: Wo auch immer das fliegende Spaghetti-Monster mich sieht. Who knows?

ModeratorIn: Danke für die vielen Fragen, die wir bei weitem nicht alle stellen konnten. Danke auch an Claudia Gamon für den Besuch. Morgen geht es weiter mit Julia Freidl vom VSStÖ.

Claudia Gamon: Danke für die spannende Diskussion, es hat mir sehr viel Spaß gemacht.

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