Putin soll es richten

3. Mai 2013, 18:02
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Mit ihrem Vorschlag, eine von Stalin liquidierte Kunstinstitution wiederzubeleben, sorgt die legendäre Irina Antonowa für heftigen Streit zwischen Moskau und St. Petersburg

Die seit 1961 amtierende Direktorin des Puschkin-Museums will es noch einmal wissen: Kürzlich hatte sie der Kulturminister zur Chefkuratorin aller staatlichen Museen Russlands ernannt. Als die die 91-jährige Irina Antonowa nun aber in Wladimir Putins TV-Sprechstunde auftrat, löste sie einen kleinen Museumskrieg aus: Sie bat den Präsidenten, das 1948 aus ideologischen Gründen aufgelöste "Staatliche Museum der neuen Kunst des Westens" wiedererstehen zu lassen.

Als selbstlose antistalinistische Initiative kann Antonowas Vorschlag nur bedingt durchgehen. Die historische Institution mit einer beachtlichen Sammlung soll ihrer Vorstellung nach im "Museumsstädtchen" rund um das Puschkin-Museum wiederauferstehen. Widerstand kommt primär aus St. Petersburg: Nach der Auflösung des Westkunst-Museums waren wichtige Gemälde aus dessen Beständen an die Petersburger Eremitage übergeben worden - ein großer Rest verblieb im Moskauer Puschkin-Museum. Würde Antonowas Wunsch verwirklicht, müssten die Petersburger auf Kunstgeschichte-Blockbuster wie Henri Matisses Der Tanz sowie Meisterwerke von Cézanne, Gauguin, Monet, Picasso und Renoir verzichten. Eremitage-Direktor Michail Piotrowski lehnt jede Rückgabe ab und verweist auch auf 200 Alte Meister, die seine Institution dem Puschkin-Museum in den 1920ern hatte übergeben müssen.

Außer Zweifel steht, dass es sich beim liquidierten Museum um eine einzigartige Institution handelte. Vor dem Ersten Weltkrieg und noch vor einer breiten Anerkennung der französischen Moderne hatten die Industriellen Iwan Morosow und Sergej Schtschukin die Kunstströmungen Frankreichs für sich entdeckt. Ihre Sammlungen wurden nach der Oktoberrevolution verstaatlicht und 1921 zum Museum für Zeitgenössisches fusioniert.

Die Vorzeigeinstitution währte nur ein Vierteljahrhundert: "In den Sammlungen des Staatlichen Museums neuer Kunst des Westens befinden sich vor allem ideenlose, volksfeindliche und formalistische Werke westeuropäischer Kunst, denen jegliche pädagogische Bedeutung für den sowjetischen Betrachter fehlt", hieß es 1948 in Stalins Erlass, der das Museumsende besiegelte.

"Mir bleibt nicht mehr viel Zeit: Wenn ich das jetzt nicht fordere, wird es später womöglich niemand mehr tun", bekräftige Antonowa erneut den Vorstoß, der mit "historischer Gerechtigkeit" zu tun habe: "Die Auflösung des Museums aus ideologischen Gründen war ein Fehler des Staates, den nur der Staat wiedergutmachen kann." Gleichzeitig hat sie aber keine Probleme mit der bolschewistischen Zwangsverstaatlichung der Sammlungen - Nachfahren von Morosow und Schtschukin hatten wiederholt auf eine Entschädigung gepocht.

Kunstkritiker kommentierten ihren Vorstoß eher ablehnend. Dennoch hat er Chancen: Angeblich hatten just die Organisatoren von Putins TV-Show Antonowa ersucht, diese Frage an den Präsidenten zu richten: Im Kreml scheint man derzeit an Inszenierungen interessiert zu sein, die den Präsidenten als Kritiker des Stalinismus zeigen könnten. (Herwig G. Höller aus Moskau, DER STANDARD, 4./5.5.2013)

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    Irina Antonowa, die seit 1961 amtierende Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, bat Wladimir Putin in dessen TV-Sprechstunde, ein altes Museum wiedererstehen zu lassen.

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