"Im Wettbewerb um Cybereinfluss-Sphären"

Interview3. Mai 2013, 15:31
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Fünf Milliarden neue Internet-Nutzer werden die Welt völlig umkrempeln, sagt "Google Ideas"-Chef Jared Cohen

Er gilt als Wonderboy der neuen, digitalen Welt: Jared Cohen (31) schaffte es – aus Stanford und Oxford kommend – blutjung in den Planungsstab des US-Außenamtes unter Condoleezza Rice. Auch Hillary Clinton übernahm ihn als Berater. Als solcher ersann er das "Digital Diplomacy"-Konzept des State Department. 2010 wechselte er zu Google Ideas, dem Thinktank des Internetkonzerns. Mit Eric Schmidt, Googles Aufsichtsratsboss und früherem CEO, legte er nun ein vielbeachtetes Buch vor, das einen "Blick in die Zukunft" geben will. Im englischsprachigen Raum ist es bereits ein Bestseller, am Freitag erschien es auf Deutsch.

STANDARD: Sie haben für die Buchrecherche 30 Länder bereist. Was war Ihr stärkster Eindruck?

Cohen: Eric und ich waren gemeinsam in mehr als 30 Ländern. Ich selbst habe mich inzwischen in beinahe 90 Staaten umgesehen. Mein einziges Kriterium dabei: Sichere und stabile Demokratien werden ausgelassen. Nordkorea, das bleibt für mich die eindrücklichste Erfahrung, weil es der einzige Teil der Welt ist, in dem die Menschen nicht die leiseste Idee vom Internet haben. In Myanmar dagegen hat etwa ein Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet, aber jeder hat schon einmal davon gehört. Die Menschen verstehen es, sein Konzept und seinen Wert, Jahre bevor sie es überhaupt als Werkzeug und Ressource nützen können. Heute leben 57 Prozent der Menschen weltweit in Autokratien. Mit der Vernetzung der Welt werden Diktaturen versuchen eine technologische Infrastruktur aufzubauen, wie es derzeit China tut. Interessant wird es, wenn diese autoritär gebauten In­frastrukturen nicht mit der Idee des Internets zusammengehen, die in den Bevölkerungen entwickelt wurde. Daraus entsteht ein interessanter Zusammenstoß zwischen eher demokratischen Vorstellungen vom Internet und repressiven Regimen.

STANDARD: Apropos China, dort gibt es an die 600 Millionen Internetnutzer und eine scharfe Zensur, besonders im Mikrobloggingdienst Sina Weibo. Wie nachhaltig kann eine solche Kontrolle sein?

Cohen: Diese 600 Millionen Menschen mit Internetzugang sind, simplifiziert gesagt, Han-Chinesen, die zur Mittelschicht gehören und in Städten leben. Die anderen 700 Millionen Chinesen, die in den kommenden Jahrzehnten online gehen werden, leben auf dem Land, gehören zu den ärmeren Schichten und sind ethnisch und religiös extrem vielfältig strukturiert. Sie werden so mit dem Rest Chinas verbunden sein, wie es nie zuvor der Fall war. Die Herausforderung für die Regierung in Peking werden Mikroblogs sein – in einer Welt, in der jedermann Fotos davon machen kann, wie mit Bürgern in China umgegangen wird.

STANDARD: Und die Aktivitäten Chinas außerhalb seiner Grenzen?

Cohen: Das ist eine ganz andere Geschichte: Mit jeder Attacke auf Unternehmen oder Staaten im Cyberspace loten die Chinesen aus, wie weit sie gehen können. Es werden Präzedenzfälle geschaffen, die Implikationen für andere Länder wie Iran oder Russland haben. Außerdem, und das ist noch viel gefährlicher, geht es um die technische Infrastruktur des Internets, die von großen Unternehmen aufgebaut wird. Die Chinesen haben Huawei, die USA Cisco, Schweden Ericsson. Peking wird in Zukunft noch viel stärker und schneller in das Geschäft mit den Werkzeugen zur Schaffung vernetzter Gesellschaften einsteigen. Aufgebaut auf dieser Infrastruktur, werden wir Sphären des Cybereinflusses sehen, die im Wettbewerb miteinander stehen.

STANDARD: Das ist ein guter Punkt, um auch über Google zu sprechen. Kritiker bemängeln, dass Ihr Buch die Interessen von Großkonzernen in der digitalen Revolution ausklammert. Was entgegnen Sie?

Cohen: Wenn man ein Buch darüber schreibt, dass in den kommenden Jahren fünf Milliarden Menschen ans Internet angeschlossen werden, dann wäre es zu eng gefasst, sich mit den Interessen einer Firma auseinanderzusetzen. Wir sprechen über Google als einen Akteur in der digitalen Revolution, aber wir wollten keine Unternehmensfibel schreiben. Uns geht es viel mehr um die Veränderung der Geopolitik durch fünf Milliarden neue Internetnutzer.

STANDARD: Sie beschreiben ein digitales Kastensystem, das auf die Welt zukomme, und gleichzeitig die technologische Inklusion aller Menschen. Kein Widerspruch?

Cohen: Heute besitzen rund sechs Milliarden Menschen mobile Endgeräte, fünf Milliarden davon haben zumeist ein sogenanntes dummes Handy. In den kommenden zehn Jahren werden sie alle zu Smartphones aufrüsten. Das bedeutet, in zehn Jahren wird jeder über eine Erfahrung mit Vernetzung verfügen. Gleichzeitig werden Stromversorgung und Bandbreiten etwa in Afrika lange ein Problem bleiben. Wir waren im Tschad, einem der ärmsten Länder der Welt. Dort haben mehr Menschen ein Mobiltelefon als einen Stromanschluss. Dennoch haben viele in einer ländlichen Gegend eine Feier mit Handys dokumentiert. Unser Punkt ist: Vernetzung wird Verschiedenes für verschiedene Menschen bedeuten. Aber jeder wird entsprechende Geräte haben und auf eine gewisse Art partizipieren können.

STANDARD: Was wird diese umfassende Vernetzung in entwickelten Staaten auslösen, etwa was die repräsentative Demokratie betrifft?

Cohen: Wir sehen eine enorme Zunahme von Inhalten, Lärm und Aktivität im öffentlichen Diskurs. Was daraus letztlich entsteht, ist Kontrolle für Regierungen. Korrupte Beamte werden geschnappt, die Fehleranfälligkeit für Politiker wird höher. Sie benehmen sich ja seit ewigen Zeiten daneben, nur heute finden wir es eben auch heraus. Es wird über kurz oder lang eine verbesserte Kultur der Verantwortlichkeit und Dokumentation geben, die auch bessere Politiker erzeugen wird. Derzeit sind wir in einer turbulenten Periode, in der dieser Lärm und diese Aktivität neu sind. Für mich wird es dort interessant, wo wir fragen: Was sagen die Smartphones? Dort, wo die Weisheit der Masse imstande ist, algorithmisch zu sagen, ob ein Politiker gemäß den Interessen der Gemeinschaft abstimmt.

STANDARD: Gibt es Schwarmintelligenz, muss es auch Schwarmdummheit geben. Erst recht im anschwellenden „Lärm", den Sie beschreiben. Wie damit umgehen?

Cohen: Das kommt auf die jeweiligen Gesellschaften an. Diktaturen werden in Dilemmata geraten. Es wird so viel mehr Lärm geben, viele ihrer Bürger werden online multiple Persönlichkeiten und Identitäten haben. Für Autokraten wird es schwierig werden, zwischen Lärm und Realität zu unterscheiden. Sie werden Fehler machen und überreagieren. Für Aktivisten dagegen wird dieser Lärm eine Möglichkeit bieten, um sich zu verbergen. In Demokratien hatten lange Zeit nur wenige Bürger eine Stimme. Wie viele Menschen leben in Österreich?

STANDARD: Rund acht Millionen.

Cohen: Von diesen acht Millionen hatte vielleicht nur eine Million die Chance, ihrer Stimme Gewicht zu verleihen. Die Eliten etwa oder die Studenten. Nun, mit acht Millionen Smartphones bekommt man die Gelegenheit zu sehen, was die acht Millionen Österreicher tatsächlich denken. Politiker mögen das nicht wollen. Aber in Demokratien soll jeder seine Stimme haben, und danach sieht es in Zukunft aus.

STANDARD: Haben europäische Politiker diese geopolitische Transformation überhaupt vor Augen?

Cohen: Estland und Schweden sind interessant. Das sind zwei kleine Länder mit kleinen Wirtschaften und wenig militärischer Stärke in der physischen Welt. Aber im Cyberspace sind sie aufstrebende Mächte, dort kämpfen sie weit über ihrer Gewichts­klasse. Die Frage ist: Warum? Schweden hat wahrscheinlich die beste Cybersicherheitstechnologie weltweit. Stockholm wird in Zukunft Ländern Cyberhilfe leisten können, wo es nicht einmal eine Botschaft betreibt. Estland ist beispielhaft für viele Länder in Übergangsphasen wie Libyen, Ägypten oder Myanmar. Denn die Esten haben verstanden, wie ein virtuelles Staatswesen aussehen muss, wie eine Regierung online funktioniert. Sie senden bereits Delegationen aus, um den oben erwähnten Ländern beim Übergang zu helfen.

STANDARD: Woran liegt dieser Vorsprung?

Cohen: Es ist alles eine Frage der Führungsstärke. Der estnische Präsident unterschreibt seine E-Mals mit "Ihr E-Präsident". In Schweden spielt Außenminister Carl Bildt eine große Rolle. Meine Generation ist die erste, die mit dieser Technologie aufgewachsen ist. Wenn sie Führungsverantwortung übernimmt, wird es jeder verstanden haben. Das sind gute Nachrichten.

STANDARD: Sie schreiben auch, dass Staaten in Hinkunft jeweils zwei Politiken parat haben müssen. Eine für die reelle, eine für die virtuelle Welt. Warum?

Cohen: Wir beschreiben das im Buch anhand der Außenpolitik. Sehen Sie etwa auf den Atomstreit mit Iran. Es gab Stuxnet und Flame. Da haben Staaten offenbar etwas in der virtuellen Welt gemacht, von dem sie bisher nicht bereit waren, es auch in der reellen Welt zu tun. Oder sehen Sie sich die USA und China an, in der physischen Welt sind beide Alliierte, im Cyberspace dagegen erbitterte Kontrahenten. Die Frage, die wir stellen, ist: Wo findet sich der Punkt, an dem Aktivitäten im Cyberspace Reaktionen in der reellen Welt nach sich ziehen. Alle Antworten darauf zeigen, dass die digitale Welt nur eine neue Front im bereits bestehenden physischen System ist, aber Individuen, Unternehmen und Politiker müssen ihre Zeit zwischen diesen beiden Fronten teilen.

STANDARD: Letzte Frage zur Privatsphäre im Netz: Wenn man Ihr Buch liest, dann könnte man meinen, damit sei es endgültig vorbei.

Cohen: Wir wollten über die Privatsphäre und Sicherheit nicht nur der bereits vernetzten Menschen schreiben, sondern auch über die jener fünf Milliarden, die online gehen werden. Wir haben darüber mit Menschen in Saudi-Arabien, Libyen, Pakistan, Afghanistan oder Myanmar gesprochen und festgestellt, dass diese beiden Begriffe für sie absolut zusammengehören. In ihren autoritären Systemen hatten sie bisher keine Privatsphäre, deswegen ist Sicherheit für sie so wichtig. In Zukunft müssen Bürger, Unternehmen und Regierungen eng zusammenarbeiten, um diese zu gewährleisten. Die Bürger müssen ihr Urteilsvermögen bewahren, Unternehmen müssen User erziehen und entsprechende Tools zur Verfügung stellen, die Regierungen ihren Teil etwa im Bereich Big Data beitragen. Aber das wichtigste ist die digitale Aufklärung der Kinder: Sie gehen heute schneller und früher online als je zuvor, ihre physische Reife hält nicht mit ihrer digitale Aktivitäten mit. Der beste Weg, um Privatsphäre und Sicherheit zu gewährleisten, ist, so früh als möglich mit den Kindern darüber zu sprechen – früher als über Bienen, Blumen und Sex. (Das Gespräch führte Christoph Prantner,  DER STANDARD, 4.5. 2013)

Link

Eric Schmidt und Jared Cohen: "Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft". Rowohlt Reinbek/Hamburg, 448 Seiten, 24,95 Euro (Kindle: 21,99 Euro)

  • "Google Ideas"-Chef Jared Cohen
 
    foto: ap

    "Google Ideas"-Chef Jared Cohen

     

  • Eric Schmidt und Jared Cohen in Nordkorea - "Der einzige Teil der Welt, in dem die Menschen nicht die leiseste Idee vom Internet haben."
    foto: ap

    Eric Schmidt und Jared Cohen in Nordkorea - "Der einzige Teil der Welt, in dem die Menschen nicht die leiseste Idee vom Internet haben."

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