Prozess in Wien: Die penible Putzfrau als Seriendiebin

3. Mai 2013, 17:08
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39-jährige Unbescholtene hortete Diebsgut von Stofftieren bis Goldmünzen

Wien - Dass sich Opfer für Angeklagte vehement ins Zeug legen, ist am Wiener Straflandesgericht eher ungewöhnlich. Im Prozess gegen Ljiljana B. passiert das. "Sie ist eine wahnsinnig liebe, hilfsbereite und gute Person. Irgendwas muss in ihrem Leben gelaufen sein, dass sie verrückt geworden ist", erklärt eine Zeugin Richter Christian Gneist. "Ich versteh die Welt nicht mehr. Ich kenne sie seit 15 Jahren, sie war wie eine Freundin, wir können es uns alle nicht erklären", sagt eine andere. Das "es" ist, dass die 39-jährige Putzfrau vier Jahre lang ihre Arbeitgeber bestohlen haben soll.

Grotesker Prozessverlauf

Der Prozess wegen schweren gewerbsmäßigen Diebstahls nimmt teils groteske Züge an. 28 Punkte umfasst die Liste von Staatsanwältin Marlies Darmann. Beutezüge, die B. bei der Polizei zugegeben hat, nachdem sie im Jänner ertappt worden ist.

Im Gerichtssaal macht sie es dem Richter nicht ganz so leicht. Sie ist äußerst penibel, als Gneist die einzelnen Delikte durcharbeitet. Ein Beispiel: "Bei Frau S. haben Sie Silberbesteck mitgenommen?" "Nein, das stimmt nicht." "Das haben Sie bei der Polizei aber so gesagt." "Es waren vier Löffel. Das ist ja kein ganzes Besteck."

Oder: "Hier steht, Sie haben auch Porzellangeschirr gestohlen?" "Nein." Eine korrekte Antwort. Denn: Es war ein Porzellananzündestifthalter, wie Gneist interessiert feststellt. Oder: "Einen Gutschein für eine Parfümerie." "Nein, das ist ein Nagelstudio."

Ungewöhnliche Beute

Insgesamt ist die Beute teils ungewöhnlich und reicht von Holzschneidbrettern über Kleidung bis hin zu Goldmünzen und Schmuck. Aus einem Kinderhospiz ließ sie 50 Euro Bargeld mitgehen - und Stofftiere.

Noch ungewöhnlicher: Den Großteil des Schadens hat die Unbescholtene wiedergutgemacht. Denn sie hat die Beute daheim gehortet - zur Sicherheit, falls eine 200.000-Euro-Bürgschaft schlagend geworden wäre, wie sie bei der Polizei gesagt hat. Nicht nur das: In einem Fall hat sie sogar mehr Goldmünzen retourniert, als sie entwendet hat. "Ich war in Panik", sagt sie heute. Selbst eigene Besitztümer hat sie abgeliefert.

Das rechtskräftige Urteil: 15 Monate Haft, drei davon unbedingt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 4./5.5.2013)

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